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25.10.11

Kalter Krieg

Als am Checkpoint Charlie die Panzer rollten

Vor 50 Jahren standen sich am Checkpoint Charlie an der Berliner Friedrichstraße russische und amerikanische Panzer gegenüber. Nie war die Welt so nahe am Dritten Weltkrieg wie an diesem 27. Oktober 1961.

picture alliance / dpa/dpa

Berlin, Oktober 1961: Wegen der angespannten Lage nach dem Mauerbau schickt US-Präsident John F. Kennedy General Lucius D. Clay (r., bei einer Vereidigung von GIs) als Sonderbeauftragten in die Stadt.

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Der Bremsweg eines Panzers beträgt wenige Zentimeter, sofern seine Besatzung geübt ist. Captain Bob Lamphere und sein Fahrer beherrschen ihren M-48 mühelos und schaffen es am Nachmittag des 27. Oktobers 1961 problemlos, den stählernen Koloss mit seinen breiten Ketten aus mittlerer Fahrt auf den Punkt direkt vor der weißen Linie quer über die Berliner Friedrichstraße zu stoppen, die hier den Eisernen Vorhang symbolisiert. Überrollen dürfen sie die Markierung auf keinen Fall, denn das könnte den Dritten, den atomaren Weltkrieg auslösen.

Lamphere und seine Männer gehören zur Berlin Brigade der US-Army, und auf ihnen lastet in den letzten Oktobertagen 1961 eine riesige Verantwortung. Denn die DDR hat Tage zuvor neue Schikanen an der innerstädtischen Grenze eingeführt, die sich gegen die USA richten, den Status quo in Mitteleuropa infrage stellen und damit hochexplosiv sind.

Politik der Nadelstiche

Angespannt ist die Lage hier schon seit zehn Wochen, seit die SED-Machthaber die drei Westsektoren der Stadt erst mit Stacheldraht, dann vielerorts mit einer echten Mauer abgeriegelt haben, um den scheinbar unaufhörlichen Flüchtlingsstrom der ostdeutschen Bevölkerung zu stoppen. Doch das genügt Walter Ulbricht, Erich Honecker und ihren Genossen noch nicht: Ihre DDR soll ein vollwertiger Staat werden, anerkannt von den Westmächten – selbst wenn sie das ertrotzen oder gar erpressen müssen. Sie setzen auf eine Politik der Nadelstiche.

Im Oktober 1961 zielt eine solche kalkulierte Anmaßung erstmals auf die drei Schutzmächte: An den Übergangsstellen in den Ostsektor sollen sich nun auch ihre politischen und militärischen Vertreter ausweisen und von Angehörigen der ostdeutschen Volkspolizei kontrollieren lassen. Das würde den Vier-Mächte-Status der Stadt gleichsam auf den Kopf stellen: Am Ende des Zweiten Weltkrieges hatten sich die vier Mächte der Anti-Hitler-Koalition geeinigt, die Hauptstadt des besiegten Nazi-Deutschland gemeinsam zu verwalten. Sie allein verfügen über die oberste Autorität, ihre Vertreter dürfen sich frei in allen vier Sektoren bewegen – und müssen sich in keinem Fall von Repräsentanten der Kriegsverlierer, also der Deutschen, überprüfen lassen. Nun verlangt die DDR von den Westmächten de facto den Verzicht auf diese Rechte.

Die Amerikaner reagieren heftig auf das Vorgehen des SED-Regimes – anders als ihre Verbündeten Frankreich und Großbritannien. Der persönliche Sonderbotschafter von US-Präsident John F. Kennedy in Berlin, der pensionierte General Lucius D. Clay, hat eine klare Linie: Auch das kleinste Zugeständnis ist ein Entgegenkommen, das die Kommunisten ausnutzen werden. Clay ist Antikommunist aus Überzeugung und Erfahrung. Er hat mit seiner unmissverständlichen Position und einer Luftbrücke die drei westlichen Sektoren der Stadt in der ersten Berlin-Krise 1948/49 gerettet, als die Sowjets die Zufahrtswege von den westlichen Zonen in die ehemalige deutsche Hauptstadt blockiert hatten. Und er zwang damit die Sowjets zum Einlenken.

Seit dem 19. September 1961 ist Clay wieder ständig in Berlin, und es überrascht den 64-Jährigen nicht, dass die Kommunisten weiter ihre Taktik dosierter Provokationen anwenden. Dank seiner eisernen Nerven kann er sich auf ein Kräftemessen einlassen – obwohl im entscheidenden Moment der US-Außenminister Dean Rusk und der Chef der Deutschlandabteilung im State Department, Foy Kohler, einknicken. Sie fordern Clay auf, sich nicht provozieren zu lassen. Doch der pensionierte General weiß, dass die Kommunisten in Moskau und Ost-Berlin nur eine klare Sprache verstehen und das Festhalten am Status quo.

Höhepunkt des Kräftemessens

Das Kräftemessen am Checkpoint Charlie erreicht seinen Höhepunkt am Freitag, 27. Oktober 1961. In den vorangegangenen Tagen hatten ostdeutsche Grenzposten wiederholt US-Staatsbürgern, darunter auch Soldaten in Uniform und Diplomaten mit international anerkannter Immunität, den unkontrollierten Zugang nach Ost-Berlin verweigert. Doch Clay ist vorbereitet: Er hat am Checkpoint Charlie eine "schnelle Eingreiftruppe" in Reserve, drei Army-Jeeps mit zwölf bewaffneten Militärpolizisten. Sie nehmen mehrfach abgewiesene US-Amerikaner und deren Autos in ihre Mitte und geleiten sie durch die Sperren an der Friedrichstraße. Angesichts dieser Demonstration, die alliierten Sonderrechte zu verteidigen, geben die Volkspolizisten den Weg frei. Zumal Clay am 25. Oktober zusätzlich einen Zug Panzer auffahren lässt, mit Räumschilden am Bug. Für sie wäre es leicht, die noch improvisierte Mauer entlang der Zimmerstraße aus dem Weg zu schieben.

Doch am Nachmittag des 27. Oktober 1961 wird alles anders. Kurz vor fünf Uhr macht der junge Militärpolizist Verner Pike eine Zigarettenpause, als er plötzlich Panzer aus Ost-Berlin auf sich zukommen sieht, von Unter den Linden her die Friedrichstraße entlang. Sechs oder sieben Häuserblocks trennen sie noch vom Kontrollpunkt des US-Militärs. Kurz zuvor sind deren Panzer abgefahren, die seit zwei Tagen Stellung am Checkpoint Charlie bezogen hatten. Sie werden sofort zurück beordert, und trotz des Berufsverkehrs in West-Berlin lässt Bob Lamphere seine Fahrzeuge ohne Rücksicht auf zivile Autos zurück zur Grenze poltern.

Als die M-48 wieder am Checkpoint Charlie eintreffen, ist die Panzerkolonne auf der anderen Seite bis auf zwei Häuserblocks an die Sektorengrenze herangerollt. Konzentriert starren die US-Soldaten mit ihren Feldstecher nach Norden. Doch sie können zwar den Typ identifizieren, es handelt sich um T-54, das neueste Modell im Arsenal des Ostblocks, mehr aber nicht. Die Markierungen der schweren Kampfwagen sind grau-grün übermalt, die Besatzungen tragen Uniformen ohne Abzeichen.

Hat die Nationale Volksarmee der DDR sie geschickt? Richten also ostdeutsche Panzer ihre Kanonen auf die US-Soldaten? Oder sind es Rotarmisten, die aufmarschiert sind? Auf jeden Fall ist klar: Die andere Seite hat deutlich mehr Panzer in der Friedrichstraße als die Amerikaner. Ohnehin stehen die Kolosse auf beiden Seiten symbolisch. Falls es zu einem Feuergefecht in Berlin kommt, hat die Nato kaum eine andere Möglichkeit, als mit Atomwaffen zu reagieren. Denn konventionell sind die Streitkräfte der Nato in Europa den sowjetischen Einheiten bei weitem unterlegen.

Oberstleutnant Bob Sabolyk, der Kommandeur der US-Militärpolizei am Checkpoint Charlie, telefoniert mit General Clay. Beide wollen unbedingt wissen, wer ihnen gegenübersteht und was die geheimnisvollen Panzer vorhaben. Den Auftrag bekommt Verner Pike. Der junge Leutnant schnappt sich den Dienstwagen seines Chefs und lässt sich über die Grenze bringen, an den mysteriösen Panzern vorbei. Er trägt Uniform, die DDR-Grenzpolizisten lassen ihn anstandslos durch.

Ende der Machtspiele

Sie parken hinter der Panzerkolonne, und Pike geht vorsichtig ein paar Meter zurück. Ihm ist aufgefallen, dass der letzte T-54 in der Reihe unbemannt ist. Mit klopfendem Herzen klettert der Militärpolizist auf den Panzer, steckt seinen Kopf durch die Fahrerluke und schaut sich um: Alle Anzeigen sind in Kyrillisch beschriftet. Das muss aber nichts heißen, denn in Panzern der NVA können durchaus russische Bezeichnungen vorkommen – die Waffen der Bundeswehr aus US-Produktion sind auch englisch beschriftet.

Pike greift sich noch eine russische Zeitung, die im Panzer liegt, dann klettert er wieder heraus. Er schleicht weiter bis zu einer Gruppe von Panzersoldaten, die Pause macht und hört, wie der Kommandeur Anweisung gibt – auf Russisch, nicht auf Deutsch. Pike weiß jetzt genug und kehrt zum Checkpoint Charlie zurück. Hier berichtet er: Es handelt sich um sowjetische Panzer. Sabolyk informiert Clay, der sich so schnell wie möglich mit Präsident John F. Kennedy verbinden lässt.

Clay ist nach Pikes Erkundung klar, dass die Sowjets das Kommando in Ost-Berlin übernommen haben, dass also nicht mehr der als irrational und daher brandgefährlich beurteilte Walter Ulbricht die Entscheidungen trifft. Vor allem dem kurzfristig ernannten neuen sowjetischen Stadtkommandanten Iwan Konjew aber traut Clay zu, sich auf den Status quo zu besinnen. "Wenn die Sowjets keinen Krieg wegen West-Berlin wollen, dann wird auch nichts, was wir tun, ihn auslösen. Und wenn sie ihn wollen, können wir nichts tun, um sie daran zu hindern."

Ähnlich sagt Clay das wenig später auch einem Reporter der "New York Times". In deren Ausgabe am 28. Oktober 1961 steht zu lesen, dass die Sowjets mit ihren Panzer demonstriert hätten, wer letztlich das Sagen habe in Ost-Berlin. Aus der Sicht des Sonderbotschafters ist das Kräftemessen damit vorüber, der Status quo gewahrt. Die Eskalation zum nuklearen Schlagabtausch bleibt aus.

Doch Kennedy und seinen Beratern genügt das nicht. Sie suchen diskret Kontakt zu Vertretern der anderen Supermacht in Washington D.C. Gegen 5.30 Uhr am 28. Oktober Berliner Zeit, treffen sich US-Justizminister Bobby Kennedy und Georgij Bolschakow. Der Agent des sowjetischen Militärgeheimdienstes GRU ist seit einem halben Jahr Moskaus Mann für Geheimgespräche mit den Kennedys. Bobby Kennedy fordert den Abzug der sowjetischen Panzer, und tatsächlich legen um 10.30 Uhr vormittags auf der Friedrichstraße die ersten T-54 den Rückwärtsgang ein. So nahe am Dritten Weltkrieg wie in Berlin am 27. Oktober 1961 ist die Welt nie zuvor gewesen.

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