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18.04.11

Late Night "Anne Will"

Sarrazin hat Angst vor einer Flüchtlingswelle

"Flüchtlinge vor unseren Grenzen – wen wollen wir reinlassen?", fragte Anne Will in ihrer Talksendung. Zu Gast war auch Thilo Sarrazin. Er forderte deutsche Marineeinsätze gegen Bootsflüchtlinge und freute sich über die Integration von Fußball-Nationalspieler Gerald Asamoah.

© dpa/DPA
"Flüchtlinge vor unseren Grenzen – wen wollen wir reinlassen?" lautete das Thema bei Anne Will
"Flüchtlinge vor unseren Grenzen – wen wollen wir reinlassen?" lautete das Thema bei Anne Will

Thilo Sarrazin hatte mal wieder jede Menge Zahlen im Gepäck: 35 Millionen Menschen würden derzeit jährlich auf dem afrikanischen Kontinent geboren, wusste der ehemalige Bundesbanker bei "Anne Will" zu berichten. Im Laufe der Sendung wurden daraus 36, dann 37 Millionen Geburten, aber der Aufwärtstrend fiel Sarrazin im eigenen Zahlen-Dschungel nicht weiter auf.

Wichtiger war dem Migrationskritiker wohl, was aus dem Bevölkerungswachstum des schwarzen Kontinents entstehe: "Da baut sich eine riesige Welle auf, die auf uns zurollt", warnte das Noch-SPD-Mitglied Talkrunde und Zuschauer.

Einen Ratschlag, wie die deutsche Bundeskanzlerin mit der vermeintlichen Flüchtlingsbedrohung umzugehen habe, hatte Sarrazin auch parat. Die deutsche Marine sollte im Mittelmeer Flüchtlinge abfangen und nach Nordafrika zurückbringen. Kriegsschiffe gegen Boat People? Klar, dass die anderen Talkgäste dem umstrittenen Bestsellerautor ("Deutschland schafft sich ab") Wellen der Empörung vor die Brillengläser klatschten.

"Flüchtlinge vor unseren Grenzen – wen wollen wir reinlassen?" wollte Anne Will von ihrer Runde wissen. Das Sendungsmotto bezog sich auf die rund 26.000 Bootsflüchtlinge, die im Nachhall der arabischen Revolutionen in den vergangenen Wochen auf der italienischen Mittelmeerinsel Lampedusa strandeten.

Italien fühlt sich von dem Ansturm überfordert – und hat den ungewollten Gästen jetzt Papiere ausgestellt, mit denen sie in andere EU-Staaten reisen dürfen. Darüber sind viele Staaten wütend und drohen mit scharfen Kontrollen und sogar mit Grenzschließungen. Frankreich hat schon einen aus Italien kommenden Zug mit jungen Tunesiern an der Grenze gestoppt.

Bei Anne Will ereiferte sich der bayerische Innenminister Joachim Herrmann (CSU) über das Verhalten der Italiener. "Unerträglich" sei das Gebaren des EU-Partners, Deutschland nehme im Jahr gut doppelt so viele Flüchtlinge auf und habe sich nie beklagt.

Die Vergabe von Reisepapieren an die Lampedusa-Migranten kritisierte Herrmann scharf: "So geht’s nicht in Europa!" Der CSU-Politiker hält die meisten Gestrandeten für Wirtschaftsflüchtlinge – und für die gäbe es auch in Deutschland keinen Platz.

"Unser Handel mit Afrika ist eine Ausbeutestruktur"

Damit stieß Herrmann bei Sarrazin auf offene Ohren. Mit jungen Arabern hat der ehemalige Berliner Finanzsenator bekanntermaßen so seine Probleme. Seine Vorbehalte versuchte er auch bei Anne Will wieder mit Statistiken zu unterfüttern: Jedem Flüchtling, der nach Deutschland käme, würden sieben, acht Angehörige folgen, so Sarrazin.

Im Laufe der Sendung wurden daraus zehn Familienmitglieder, die von Schlepperbanden nachgeliefert würden. Ja, Sarrazin wirkte am Sonntag stellenweise sehr fahrig. Seine Frau Ursula blickte da – ganz die strenge Grundschullehrerin – wenig erfreut aus dem Studio-Publikum herüber.

Elias Bierdel, Vorsitzender der Menschenrechtsorganisation "Borderline Europe", warf Sarrazin Hetze vor. Alle Flüchtlinge würden in einen Topf geworfen und nur als Gefahr oder Bedrohung angesehen. Die Unterscheidung zwischen politisch Verfolgten und Wirtschaftsmigranten könne häufig aber nicht sauber gezogen werden.

Und an der wirtschaftlichen Misere in vielen afrikanischen Ländern trage Europa die Hauptschuld: Durch Agrarsubventionen für EU-Produkte hätten afrikanische Bauern vor der eigenen Haustüre mit ihren Erzeugnissen keine Marktchancen. "Unser Handel mit Afrika ist eine Ausbeutestruktur", sagte Bierdel. Die Welle, vor der Sarrazin dauernd warne, habe hier ihren Ursprung.

Auch Katrin Göring-Eckardt, Bundestagsvizepräsidentin und Grünen-Politikerin, attackierte Sarrazin. "Sie tun immer so, als wenn wir eine zerfallende Gesellschaft sind, ständig von Überfremdung bedroht", warf sie dem Ex-Bundesbanker vor. Und überhaupt: Deutschland sei doch auf Zuwanderung angewiesen, der Arbeitsmarkt giere nicht nur nach Akademikern, sondern auch nach Niedrigqualifizierten. Deshalb wolle sie den afrikanischen Bootsflüchtlingen auch in Deutschland eine Chance geben.

Sprache und Fußball als Integrationstreibstoff

Den Ton in der Runde entschärfte Gerald Asamoah. Der deutsche Fußballnationalspieler und Sohn eines ghanaischen Flüchtlings erzählte aus seiner Jugend. Wie er gerade in Deutschland angekommen in einen Fußballverein ging – "weil man in so einer Gemeinschaft am besten die Sprache lernen kann". Da strahlten Sarrazin und Herrmann vor Freude und nickten unterstützend mit dem Kopf.

Sprache und Fußball – das scheint das Treibstoffgemisch zu sein, das Integrationsprozesse in Deutschland beschleunigen kann.

Wie der innereuropäische Streit um die Flüchtlinge aufgelöst werden kann, konnte bei Anne Will nicht geklärt werden. Wie Afrika geholfen werden kann, damit junge Männer sich nicht mehr in Nussschalen in Lebensgefahr begeben müssen, genauso wenig. Die Sendung zeigte nur wieder einmal auf, dass Deutschland in der Einwanderungsfrage zutiefst gespalten ist.

Wer zu uns kommen darf oder soll – darüber wird noch lange weiter gestritten werden. Und Thilo Sarrazin wird an vorderster Front mitmischen.

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