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17.02.11

Plagiat-Vorwurf

Rücktritt würde Guttenberg zum Heiligen machen

Die Affäre um die Doktorarbeit des Verteidigungsministers trifft die vermeintliche Kernqualität Karl-Theodor zu Guttenbergs: Integrität. Die Handlungsoptionen für den politiker sind nun eingeschränkt, meint unser Kommentator Hajo Schumacher.

© dpa/DPA
Guttenberg visits station of the German Bundeswehr in Afghanistan

Nur mal angenommen, die Dissertation eines nachrangigen Kabinettmitglieds, Dirk Niebel etwa oder Ilse Aigner, wiese die gleichen Mängel auf wie die Doktorarbeit von Karl-Theodor zu Guttenberg – was wäre geschehen? Vermutlich nicht viel. Eine Meldung hier und da, ein paar höhnische Bemerkungen. Und fertig.

Aber der Freiherr ist nicht irgendein Minister. Er hat einen rasanten Aufstieg hingelegt wie kein anderer bundesdeutscher Politiker vor ihm, er genießt außergewöhnliche Beliebtheit und verfügt über die rare Ressource Charisma. Seine Herkunft verheißt Würde und Integrität, er predigt Anstand, das Tadellose bildet den Kern dieses Politikers. Allenfalls Ursula von der Leyen gehört noch zur Spezies jener traditionsgeprägten Ehrenpolitiker, die Verantwortung gleichsam in der DNA tragen und sich damit vom gut- bis kleinbürgerlichen Volksvertreter abheben oder abgehoben werden.

Der lückenlose Nachweis, dass Guttenberg bei seiner Arbeit nicht nur ein paar Anführungsstriche vergaß, sondern offenbar – Eile, Vorsatz oder beides - ganze Passagen kopierte, trifft die vermeintliche Integrität jener Lichtgestalt daher umso härter und wirft Fragen auf, die der Beschuldigte sich selbst, seiner Familie, der wissenschaftlichen Community oder der Öffentlichkeit beantworten muss.

Wie kann es beispielsweise sein, dass ein karrierehungriger Politiker ausgerechnet Teile der Einleitung aus der FAZ übernimmt? Die einführende Darlegung des Forschungsgegenstandes am Anfang sowie die Zusammenfassung der Ergebnisse am Ende bergen das Wesentliche jeder wissenschaftlichen Arbeit. Seltsam, dass ausgerechnet der wortmächtige Gelegenheits-Journalist Guttenberg in seiner Biographie eine derart offenkundige Schwachstelle schuf.

Das Diss-Desaster fügt sich in eine Reihe von Problemen, von denen die "Gorch Fock" noch das Geringste ist, auch wenn seine Autorität bei der Truppe gelitten hat. Politisch bedrohlicher ist die Bundeswehr-Reform, die der Minister mit Sparversprechen begann, um gleich darauf mehr Geld zu fordern. Diese Strategie erregte den Zorn der Kabinetts-Kollegen, die das sture Nein von Kassenwart Schäuble ausdrücklich und ausnahmsweise begrüßten.

Nun lassen sich Bundeswehr-Tragödien und Haushalts-Zankereien wegargumentieren. Der Plagiats-Vorwurf indessen trifft den Aufsteiger erstmals frontal. Niemand anders ist verantwortlich zu machen. Ein Rauswurf als Krisen-Reaktion geht nicht, es sei denn, der Verteidigungsminister träte freiwillig zurück, etwa, um die vermurkste Arbeit noch mal durchzugehen. Wird er aber nicht. Zu Guttenberg ist nicht Käßmann. Im Widerstreit von Ehre und Aussitzen entscheidet auch ein Edelmann pragmatisch, auch wenn ein Rücktritt ihn zum unangreifbaren Heiligen machen würde.

Fraglich bleibt, ob die Deutschen ihrem Lieblingspolitiker nachhaltig grollen oder die Causa Doktorarbeit als eine Art Jugendsünde verzeihen. Am Ende jedenfalls steht die wohltuende Erkenntnis, dass es Märchenprinzen ebenso wenig gibt wie lebenslange Überflieger. Übers Wasser laufen konnte eben nur einer. Guttenberg kann nicht mal unauffällig schummeln.

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