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05.12.10

Wikileaks

Wikileaks fördert das demokratische Prinzip nicht

Für Morgenpost Online Autor Hajo Schumacher schürt Julian Assange einfach nur Panik. Seine Eigeninitiative bedeutet für Schumacher zugleich eine Infragestellung der Demokratie.

© REUTERS
Assange
Der zurzeit meist gesuchte Mann der Welt: Julian Assange

Im Jahr 1997 wurde der Roman "Underground" veröffentlicht, ein Einblick in die geheimnisvolle Welt der Hacker. Julian Assange, so will es die Legende, lieferte reichlich Material, bestand aber darauf, dass das Werk kostenlos im Internet veröffentlicht wurde, da viele Menschen zu wenig Geld besäßen, sich überhaupt ein Buch zu kaufen. Assange, 39, der seine Kindheit zeitweise auf der Freak-Insel Magnetic Island vor der Küste Nordost-Australiens und in turbulenten Familienverhältnissen verbrachte, ist derzeit wohl der meist gesuchte Mann der Welt. Noch nie hat es eine derartige globale Hatz gegeben: Seine Website wird torpediert, seine Spendenkanäle verstopft, Interpol jagt ihn in 180 Staaten.

Der Sprecher des Enthüllungsdienstes WikiLeaks verbreitet vor allem in der amerikanischen Politik und Wirtschaft nackte Panik: Denn Assanges Hacker-Ethik, derzufolge alle Information frei sein soll, bedroht Unternehmen ebenso wie Regierungen wohl stärker als der internationale Terrorismus: Die Musik-Industrie hat in den vergangenen beiden Jahrzehnten erfahren, was es bedeutet, wenn geldwertes Gut wie ein Popsong durch Online-Tauschbörsen plötzlich für alle umsonst zu haben ist. Zeitlich gut abgestimmte Veröffentlichungen, etwa aus den Bunkern der Militärs, können künftig Wahlen entscheiden. Assange stellt etablierte Macht in Frage.

Seine Anhänger sehen in Assange den Robin Hood des digitalen Zeitalters, der konsequent die Mächtigen bestiehlt, um den Ohnmächtigen zu geben. Allerdings klaut der Hacker kein Geld, er schießt nicht mit dem Bogen. Assange bemächtigt sich eines weitaus kostbareren Gutes: Information. Seine Waffe ist die Tastatur, mit der er von jedem Netzzugang aus kämpfen kann.

Hier allerdings endet die Analogie zum guten Menschen aus dem Sherwood Forest. Denn der bevorzugte Gegner des weißgrauen Australiers ist nicht der böse Sheriff von Nottingham, der die Armen bis auf die Knochen auspresste, sondern die USA. Assanges anarchischer Ansatz von der totalen Transparenz, die zu einer besseren Welt führt, ist ein überdenkenswerter Anspruch, der aber erst dann Sinn gewinnt, wenn jede Macht der Welt von den Attacken getroffen werden kann. Weit interessanter als US-Botschaftsgeschwätz wären Mails aus den Machtzentralen in Peking oder Neu Delhi, in Moskau, Bagdad oder Pjöngjang.

Dass Wikileaks vor allem Daten aus den USA publiziert, liegt ja nicht daran, dass das Reich des Bösen in Washington liegt, sondern dass die Daten dort offenbar deutlich einfacher zu besorgen sind als in diktatorischer verfassten Systemen. Das Ergebnis: Ausgerechnet eine dynamische und relativ liberale Demokratie wird lächerlich gemacht, worüber sich die regierenden Spitzbuben der Welt verstohlen amüsieren dürften. Am Ende stehen neue, noch bizarrere Sicherheitsgesetze und mithin weniger Bürgerrechte. Paradox aber wahr: Assanges Vision von einer besseren Welt verkehrt sich ins Gegenteil: Wikileaks schwächt offene Systeme, bestärkt andererseits aber restriktive Tendenzen, in den USA wie im Rest der Welt.

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