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Bundesbank-Vorstand

Am Ende geht Thilo Sarrazin ganz von selbst

Die Lesereise von Thilo Sarrazin hat in Potsdam mit einem Paukenschlag begonnen: Der Berliner Ex-Senator hat sich mit der Bundesbank geeinigt – und tritt aus dem Vorstand ab.

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Thilo Sarrazin von Vorstandsposten bei der Bundesbank zurückgetreten
Foto: dapd
Thilo Sarrazin ist freiwillig von seinem Vorstandsposten bei der Bundesbank zurückgetreten.

Thilo Sarrazin beginnt seine Lesereise mit einem Scherz. „Danke für den Applaus, aber Sie wissen doch noch gar nicht, was ich sagen will!“ Zu diesem Zeitpunkt weiß er schon, dass er gehen wird. Es ist kurz nach 20 Uhr, und im voll besetzten Nikolaisaal in Potsdam erschallt Gelächter. Die Anspannung ist gebrochen. Ruhe kehrt ein. Alle Blicke richten sich gebannt auf ihn – den derzeit wohl umstrittensten Menschen in Deutschland. Aufgestützt aufs Rednerpult, den linken Fuß lässig über den rechten gekreuzt, lehnt Sarrazin am Podium. Tosender Applaus und Bravo-Rufe haben ihn im Saal empfangen. Er scheint es zu genießen.

Unbeirrt äußert er zu Beginn noch einmal seine Kritik an der deutschen Einwanderungspolitik. Kein Wort allerdings zu jener umstrittenen These, die er am 29. August 2010 im Sonntagsgespräch mit der Berliner Morgenpost formuliert hatte: „Alle Juden teilen ein bestimmtes Gen, Basken haben bestimmte Gene, die sie von anderen unterscheiden“, hatte Sarrazin gesagt. Diese These war es wohl, die am Ende den Ausschlag zum Rücktritt gab.

Vor der Tür war die Stimmung nicht so freundlich wie im Saal gewesen. Dort wurde er auf den paar Metern von seiner Limousine ins Haus beschimpft und ausgepfiffen. Den ganzen Nachmittag schon hatte sich die kleine Wilhelm-Steeb-Straße in der Potsdamer Altstadt von einer hübschen Gasse mit gelben Häuschen und Kopfsteinpflaster in einen Frontverlauf verwandelt.

Die erste Konfrontation beginnt um halb fünf. Da treffen die ersten Rentner vor der Tür des Veranstaltungssaals ein, in der Hoffnung, noch eine Karte der hoffnungslos ausverkauften Lesung zu bekommen. Eine Dame ist eigens aus Hannover angereist. Sie hatte bereits eine Karte für die Lesung in Hildesheim gekauft. Dort hatte eigentlich der Auftakt der Lesereise stattfinden sollen. Doch aus Angst vor Übergriffen wurde sie abgesagt. „Ich will ihn sehen“, sagt die Hannoveranerin.

Dann kommen die Journalisten. Print, Radio, Fernsehen. Aus ganz Deutschland. Aus ganz Europa. Polnische Kamerateams machen die ersten Aufnahmen zwischen den Ü-Wagen der TV-Sender, Fotografen schleppen Ausrüstung an. Französische Journalistinnen befragen Passanten. Die Straße ist voll mit Medien und Polizei. Etwa 300 Beamte sichern an diesem Abend den Auftritt des Noch-Bundesbankers und beaufsichtigen seine Gegner. Und seine Anhänger. „Thilo, führe uns!“ steht auf den Schildern von vier Neonazis mit dunklen Sonnenbrillen und Bomberjacken, die sich plötzlich neben den um Karten anstehenden Rentnern aufbauen. Wo sie auf einmal hergekommen sind, hat keiner gesehen. Doch so schnell sie gekommen sind, so schnell sind sie auch von Polizisten umzingelt, die sie langsam zurückdrängen und vom Geschehen abschneiden. „Wenn man Thilo unterstützen will, schreitet die Staatsgewalt ein!“ murmelt einer der Nazis genervt. Dann beginnt er zu brüllen „Thilo ist einer von uns!“, seine Kumpane stimmen ein in den Sprechchor. Es dauert eine Weile, bis die Polizisten sie ruhig gestellt haben.

Auf der gegenüberliegenden Seite sammeln sich gegen 18 Uhr die ersten Sarrazin-Gegner, auch Schaulustige bleiben stehen, manche haben sich sogar Bier mitgebracht. Da entbrennt an einer anderen Ecke schon die nächste Auseinandersetzung: Ein Gegendemonstrant streitet sich mit einem Sarrazin-Fan. „Verstehen Sie doch, der Kerl ist ein Populist!“ ruft er aufgebracht. Werner Müller kann sich auch nach dieser Auseinandersetzung gar nicht beruhigen. „Ich bin so ärgerlich über das, was hier passiert“, sagt der 56-jährige Kreuzberger. „Die Leute und die Medien tanzen um Sarrazin wie um das goldene Kalb.“

Die Stimmung ist aggressiv. Überall geraten Anhänger und Gegner von Thilo Sarrazin aneinander. Mit knapp einer halben Stunde Verspätung beginnt um 18.54Uhr die Gegendemonstration. „Wir fordern die Veranstalter auf, die Lesung abzusagen“, schallt es über Lautsprecher in die Gasse. „Keine Plattform für Rassisten!“ Dann ertönt Musik, später Trillerpfeifen.

Gegenüber dem Nikolaisaal werden jetzt Transparente entrollt. „Deutschland schafft sich ab – Endlich!“ steht darauf. Die Demonstranten halten Zettel in die Höhe, auf denen das Wort „Rassist“ unter dem Konterfei Sarrazins prangt. „Kommunisten! Haut ab!“ ruft ein Mann den Demonstranten zu, doch die achten nicht auf den alten Herrn am Stock, sie stehen und sind friedlich.

Ab sieben Uhr strömen die Besucher zum Eingang, der von einer Mauer von Bodyguards versperrt wird. Vor ihnen hat sich ein Spalier von Sarrazin-Gegnern gebildet. Einige versuchen, mit den Eintrittskarten-Besitzern eine Diskussion anzufangen, manche schimpfen nur. „Ich bin hier, um Authentizität zu erleben“, verteidigt sich ein Besucher. „Ich will den sehen, der endlich die Stimme erhebt gegen das, was in diesem erbarmungswürdigen Land passiert!“ Sarrazin, der Heilsbringer. So sehen ihn hier viele. Er kommt erst kurz vor Beginn der Veranstaltung in einem dunklen BMW. Vorne, hinten, rechts, links Polizei. Bodyguards schützen ihn. „Die sind eine gute Sache“, sagt Sarrazin später in der Diskussion. Mehrfach spricht er von dem enormen Druck, den er derzeit aushalten müsse. „Diese Situation hält auf die Dauer keiner aus“, sagt er als Begründung für seinen Rücktritt und wirkt erleichtert.

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Die besten Sarrazin-Sprüche im Wortlaut

„Ich wollte immer verstehen und gestalten“, beginnt Sarrazin seinen fünfzehnminütigen Vortrag. Es sei ihm nie um einzelne Aspekte gegangen, immer um Analyse. Dann rechtfertigt er sich gegen Kritiker, die sagen, er sei ein Menschenfeind – und lobt sich dabei auch ein klein wenig. „Wenn man dem Staat so lange dient, bleibt es nicht aus, dass man ihn liebt – und das Staatsvolk auch.“ Die Besucher hängen an seinen Lippen.

„Wann gründen Sie die Partei der aufrechten Deutschen? Ich möchte Mitglied werden!“ lautet die erste Wortmeldung nach Sarrazins Ausführungen zu seinem Buch. Sie geht in Jubel unter, aber auch einige Buhrufe sind zu hören. „Ich bin aufrechter Deutscher innerhalb der sozialdemokratischen Partei Deutschlands. Und das gedenke ich auch zu bleiben“, antwortet Sarrazin. „Die aktuelle Diskussion muss in den Volksparteien geführt werden.“ Die meisten Fragen in der Diskussionsrunde werden von Thilo-Fans gestellt, sie sorgen sich um ihn, fragen nach Lösungen in der Integrationsfrage oder wollen einfach nur Zustimmung loswerden.

Fragt mal einer kritisch nach, wird geraunt, gebuht. Die Anhänger sind in der Mehrzahl „Was halten Sie davon, dass Sie so viel Zustimmung aus dem rechten Lager haben?“ fragt ein junger Mann und wird dafür angezischt. „Die Frage ist sehr berechtigt“, springt ihm Sarrazin bei. „Aber wenn man von der falschen Seite Beifall bekommt, heißt das nicht, dass man aufhören muss, das Richtige zu sagen.“

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