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06.09.10

Integrationsdebatte

Thilo Sarrazin braucht jetzt sogar Polizeischutz

Das Leben des Bundesbank-Vorstandes Thilo Sarrazin hat sich in den letzten Wochen komplett geändert.

© AFP
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Seine Anwälte hatten Thilo Sarrazin gut beraten. Der Noch-Bundesbank-Vorstand hütete seine Zunge. Ob er denn auf einen Anruf von Bundespräsident Christian Wulff warte, der über den Abberufungsantrag seiner Vorstandskollegen entscheiden muss, fragten Journalisten den Buchautor gestern auf der Berliner Friedrichstraße. "Ich warte darauf, dass die Ampel grün wird", sprach Sarrazin und eilte zum seinem Auto. Die Marschroute war klar: Zwar stellte sich Sarrazin auch gestern wieder auf dem Podium eines Demografiekongresses der Diskussion. Aber zum heiklen Thema der drohenden Rauswürfe durch Bundesbank und SPD sagte er kein Wort.

Dennoch hat sich Sarrazins Leben verändert. Der umstrittene Autor steht unter Polizeischutz. Vier Beamte des Landeskriminalamtes schirmten den früheren Finanzsenator ab. Zu seinem Interview mit Morgenpost Online in einem Kreuzberger Kebab-Restaurant – als er über spezielle jüdische Gene sprach und damit aus der Sicht auch Wohlmeinender Beobachter den Boden der Seriosität endgültig verließ – war Sarrazin noch allein erschienen. Nachdem es im Internet Drohungen gegeben hatte, entschied das Bundeskriminalamt, Sarrazin schützen zu lassen.

Die vier Beamten wurden nun gestern hellhörig, als ein weißer Kleinlaster Sarrazin, Aufpasser und Journalisten passierte. "Nazi", schallte es aus dem Führerhaus. Sarrazin blickte stoisch nach vorne. "Ich fühle mich gut aufgehoben", sagte er, ehe er sich von seinen Begleitern zum Hauptbahnhof fahren ließ, wo er den Zug nach Frankfurt bestieg, dem Sitz seines Arbeitgebers Bundesbank. Den Morgen hatte er genutzt, um in einer Diskussion im Forum des Deutschen Beamtenbundes die Integrationsdebatte zu befeuern. Dabei sprachen Ex-Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth, der Integrationsexperte Klaus Bade, die migrationspolitische Sprecherin der Linken, Sevim Dagdelen und der Präsident des Informationstechnik-Verbandes Bitkom, August-Wilhelm Scheer gar nicht direkt über sein Buch.

Dafür kreiste vor 250 Menschen im Saal und den Zuhörern des Deutschlandradios die Debatte zunächst um die Nöte der High-Tech-Industrie mit den fehlenden Fachkräften und kroch zu der Erkenntnis, dass es auch Deutsche gebe, die nicht integriert seien. Als die Moderatorin schließlich wissen wollte, ob er in der Bundesbank auch für anonymisierte Bewerbungen sei, um Diskriminierung von Migranten zu vermeiden, herrschte Sarrazin sie an: "Lassen Sie mal die Bundesbank."

Dann ging es um Quoten oder Selbstverpflichtungen, Migranten einzustellen. Sarrazin war hier in seinem Element: Es sei eben speziell um die Gruppe der muslimischen Zuwanderer schlecht bestellt, keineswegs um alle: "Vietnamesen, Inder, Polen, Russen, Spanier, Griechen, brauchen keine Quoten. Die sind bei uns in der zweiten Generation voll integriert". Bei Türken und Marokkanern sei das anders. Die Frage sei doch, "wieso brauchen die einen nach ihrer Meinung Quoten für das, was die anderen ohne Quoten schaffen?"

Migrationsforscher Bade bestätigte die Unterschiede im Integrationsniveau. Das liege an der Herkunft der früheren Gastarbeiter aus der Türkei: "Der Weg vom anatolischen Schafhirten, dessen Enkel Abitur macht ist erheblich größer als der eines deutschen Facharbeiters, dessen Enkel Fabrikdirektor wird." Linken-Politikerin Dagdelen sprach hingegen von "strukturellem Rassismus" und "sozialer Ausgrenzung". "Der Gastarbeiterstopp war vor 37 Jahren", konterte Sarrazin. In dieser Zeit könne man deutsch lernen.

Schließlich die Frage, ob Sarrazin glaube, dass auch mehr "Zuckerbrot" förderlich sein könnte. Das gebe es bereits, so der Ex-Finanzsenator: "Das gewaltige Angebot des deutschen Bildungs- und Sozialstaates." Man müsse aber sehen, wie welche Gruppen dieses Angebot nutzten. Man müsse fragen, warum türkische Mütter nicht mit Lehrern sprechen könnten, weil sie kein deutsch sprächen, warum türkische Kinder nicht zu Geburtstagen deutscher Kinder gingen. Das seien Fragen, die an vielen Schulen gestellt würden. Da applaudiert das Publikum das einzige Mal an diesem Morgen.

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