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04.09.10

Integrationsdebatte

Sarrazin spricht den Deutschen aus dem Herzen

Die große Zustimmung, die Thilo Sarrazin erfährt, hat handfeste Gründe. Er allein traute sich, die Wahrheit auszusprechen. Über das Sozialsystem, über diejenigen die es schamlos ausnutzen und über die, die das alles bezahlen müssen - analysiert die Publizistin Cora Stephan.

© dpa
Thilo Sarrazin

Wenn Deutschland ein Einwanderungsland werden will, muss es noch üben. Mit einer "Debattenkultur", in der Fernsehmoderatoren als heilige Inquisition den freien Gedankenaustausch brutal unterbinden, mit einer politischen Führung, die sich untertänigst bei allen entschuldigt, die sich von ausgeübter Meinungsfreiheit womöglich beleidigt fühlen könnten, ist jedenfalls kein Staat zu machen. Das lockt keine Fachkraft zu uns – und die Deutschen selbst, die man ja so eigentlich nicht mehr nennen darf, fühlen sich der Political Correctness geopfert. Wenn wir schon vom guten Ruf Deutschlands reden, dann hat ihm nicht Thilo Sarrazin den Rest gegeben, sondern Politik und öffentliche Meinung.

Was bitte ist von einem Land zu halten, dessen Elite das Hantieren mit Zahlen als "unmenschlich" und "gefühlskalt" empfindet? Wo eine Landesministerin verkündet, sie kenne ihre Migranten, die müsse man halt mit "kultursensibler Sprache" und menschlicher Wärme "in die Mitte" nehmen? Wo der Bundespräsident die Integration für eine Frage der Teilnahme an "Integrationskursen" hält und wo in einem seriösen Blatt wie der "Zeit" gefordert wird, wichtige Debatten nicht während des Ramadan zu führen, weil "Menschen mit Migrationshintergrund" dann andere Sorgen hätten? Da lachen doch die Hühner. Und die Inder.

Ausländer mit naturwissenschaftlich-technischer Bildung werden nicht gelockt

Wer seinen Kopf benutzt, weiß, dass man in diesem Land viel für die Integration der Hinzugekommenen getan hat und dass nun auch mal die anderen dran sind. Die Wahrheit ist den Menschen zuzumuten. Denn das Grundproblem, das Thilo Sarrazin anspricht, ist ja nicht neu: Bislang haben die Anreize überwogen, die einen Zuzug nicht in Arbeit, sondern in das Sozialsystem attraktiv machen. Ausländer mit jener so dringend benötigen naturwissenschaftlich-technischen Intelligenz, die hier etwas werden und gestalten wollen, lockt das nicht.

Stattdessen gibt es eine auffällige Minderheit mit überwiegend türkischem oder arabischen Hintergrund, die dieses Land, seine Bevölkerung, deren Kultur, Religion und Lebensweise verachten. Warum man diese autoritär-patriarchalisch geprägte Bevölkerungsgruppe umarmend "in die Mitte" nehmen will, ist mir schleierhaft. Die will nicht umarmt werden. Die ist auch kein Opfer und schon gar nicht dumm.

Arbeit lohnt sich in diesem Land nicht

Kinderreiche Migranten, die "hartzen", können zumindest eines: rechnen. Es reichen die Grundrechenarten, um zu erkennen, dass sich in diesem Land das Arbeiten nicht lohnt – zumal in der öffentlichen Rhetorik "Leistung" nicht gerade angesehen ist.

Deutschland fehlt es an Selbstachtung. Warum sollten kleine Machos Respekt vor einem Land haben, in dem die Menschen fürchten, als ausländerfeindlich und rassistisch zu gelten, wenn sie primär an die eigenen Wertvorstellungen denken - und erst danach an den Ramadan? Wozu Respekt vor einem Land haben, in dem niemand Grenzen zieht? In dem "Leistungsträger" verachtet und "Leistungsempfänger" heilig gesprochen werden? Und in dem man glaubt, Bildung sei durch mehr Geld zu bekommen, und nicht vielmehr durch eine Umgebung, in der Produktivität, Leistung und Herausforderung den Alltag bestimmen - kurz: in der gearbeitet wird? Doch man beugt sich nun mal hierzulande lieber über Opfer als sich um die Ehrgeizigen zu bemühen, die "Leistungsträger".

Die Zustimmung für Sarrazin spiegelt den Unmut der Bevölkerung

Nein, an der Fertilität der "Falschen" wird dieses Land nicht zugrundegehen, da hat Sarrazin sich gründlich verrannt. Gewiss aber ist für eine erfolgreiche Integration schlecht gerüstet, wer sich einer paternalistischen Kultur zugehörig fühlt, in der das Individuum nichts, die Familie oder die (Glaubens-)Gemeinschaft alles ist. Die individuelle Zurechnung von Erfolg ist die Bedingung für jenen Aufstiegswillen, von dem wir hier mehr benötigen. Irgendjemand muss den Wohlstand schaffen, den Politiker verteilen möchten. Doch das macht wenig Spaß, wenn man schon bei gemäßigtem Wohlstand als einer der Reichen gilt, denen man nehmen muss.

Thilo Sarrazin ist der Racheengel der frustrierten Mittelschicht – die hohen Zustimmungsraten für ihn spiegeln den Unmut der arbeitenden Bevölkerung. Sie hätte alles Recht der Welt, gekränkt und beleidigt zu sein. Nicht nur Sarrazins Äußerungen sind "für viele Menschen in diesem Land nur verletzend", wie Angela Merkel wissen ließ. Auch der Kanzlerin Ignoranz all den anderen gegenüber. Und diese Menschen erzürnt nicht nur, dass mit Sarrazin ein Sündenbock zum Opfer gebracht wurde – sondern auch, dass im Zuge der Hatz auf ihn zivilisatorische und politische Grundwerte auf der Strecke geblieben sind.

Die Bundeskanzlerin gerierte sich als Oberzensorin, obwohl sie das Buch des Autors gar nicht gelesen hatte, empfahl hernach dem Vorstand der Bundesbank öffentlich, sich von Thilo Sarrazin zu trennen, und lobte zum Schluss dessen "unabhängige Entscheidung". Sollte das ein Scherz sein? Und was ist von einem Bundespräsidenten zu halten, der sich eilfertig als Erfüllungsgehilfe annonciert? Langsam ahnt man, was Altbundespräsident Köhler dazu bewogen haben könnte, den Bettel hinzuschmeißen. Soviel Arroganz gegenüber den Regeln der Demokratie hat man hierzulande selten erlebt. Und jetzt möchte unsere verlogene Elite, nachdem der Provokateur entfernt ist, endlich über das "Megathema der nächsten Jahre" diskutieren: über Integration.

Man fasst es nicht. Müssten wir nicht langsam mal über die Kriterien diskutieren, die über Zuzug entscheiden sollten? Sofern noch jemand kommen mag? Müssten wir nicht endlich damit beginnen, ein Einwanderungsland zu werden?

Übrigens: Wir sind schon weiter, als die politische Betulichkeit es wahrnimmt. Das selbstbewusste Auftreten der Vorzeigemuslimas in der Debatte um Sarrazin hat gezeigt, dass jemand mit Migrationshintergrund längst nicht mehr das Opfer ist, das man umhätscheln muss. Auch wenn sie sich gerne beleidigt geben: Falsche Rücksichtnahme auf ein so starkes Gegenüber ist nicht nötig.

Die Autorin ist Politikwissenschaftlerin und Historikerin, die zahlreiche Sachbücher veröffentlicht hat

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