Hessen
Der "Eisprinz" Roland Koch nimmt seinen Abschied
Drei Monate feilte Hessens Ministerpräsident noch an seinem Bilde. Heute kehrt er zu Musik von Udo Jürgens der Politik den Rücken.
Von Hannelore Crolly
Am Ende hatte Roland Koch noch einmal jenes Quäntchen Glück, ohne das es oft nicht geht. Hätte Hessens Ministerpräsident im Mai nur eine Woche länger gezögert, den Rücktritt anzukündigen, wäre ihm Bundespräsident Horst Köhler mit seinem Paukenschlagabgang dazwischengegrätscht. Koch sagt heute, dann hätte er eben noch sechs Monate gewartet. Doch damit wäre er erst als Dritter gegangen, nach Ole von Beust. Souverän hätte Kochs Abgang nicht mehr gewirkt, sondern rückgratlos und sogar peinlich: ein Deserteur unter mehreren eben, der einfach die Brocken hinwirft.
So aber war er der Erste. Der 52-Jährige aus Eschborn konnte drei Monate lang auf Abschiedstournee gehen, durfte Hände schütteln und Ovationen genießen. Mit großem Pressetross besuchte er wichtige Landesprojekte, die er "Leuchttürme" nennt, den Flughafen, für dessen neue Landebahn Koch kämpfte, die hochgerüstete Polizei, die Hessens Kriminalitätsrate senkte. In zahllosen letzten Äußerungen sann er über Erfolge und Einsichten.
Der Kampfrhetoriker, der seit seinem Parteieintritt vor 38 Jahren kaum je einem Streit ausgewichen ist und nun auf einen Millionentransfer in die Wirtschaft hofft, hat auf diese Weise noch einmal kräftig Hand an jenes Bild gelegt, das die Nachwelt vom Politiker Roland Koch bewahren soll. Von Schwarzgeldkassen oder Doppelpasskampagne, von Jugendknast und selbst dem schwachen Abschneiden bei den letzten beiden Landtagswahlen ist in der öffentlichen Wahrnehmung nur mehr am Rande die Rede.
Fast völlig verschwunden sind die diabolischen Züge, die dem Image des hessischen CDU-Chefs lange anhafteten, die Klischees vom "Eisprinzen" und "Äppelwoi-Berlusconi". Stattdessen ist Hauptthema, welche Ausnahmeerscheinung die CDU verliere. Unter allen Ministerpräsidenten, heißt es immer wieder, steche er als der intelligenteste heraus, als Mann mit eisernem Einsatzwillen und fotografischem Gedächtnis, der durch eine schier unglaublich breite Sachkenntnis verblüffe, von Wirtschaft über Außenpolitik bis zu Agrarthemen. Selbst wer Roland Koch nie mochte, zollt ihm zum Abschied Respekt.
Tatsächlich ist Koch in elf Jahren als Ministerpräsident, in zwölf Jahren als hessischer CDU-Chef und vier Jahren als CDU-Bundesvize vieles gelungen. Der dramatische Unterrichtsausfall an hessischen Schulen ist fast beseitigt, die Leistungen der Schüler können sich im Deutschland-Vergleich langsam wieder sehen lassen. Koch hat erfolgreich neben einem Gefängnis auch zwei Unikliniken privatisiert, die gerade moderne Gebäude hochziehen.
Als Beitrag zur Integration erhielten über 50.000 Migrantenkinder Deutschnachhilfe. Die Aufklärungsquote von Straftaten ist gestiegen, ein Programm zur Wiedereingliederung älterer Arbeitsloser ist aufgelegt. In Berlin war Koch der rührigste aller Landesväter. Von der Agenda 2010 bis zur Jobcenter-Reform, von der Zuwanderung über das Sparpaket bis zur Föderalismusreform spielte er bei fast allen großen Vorgängen eine zentrale Rolle.
Aber es hat eben auch eine Menge nicht hingehauen. Koch ist nicht ins Kanzleramt eingezogen, obwohl ihm immer nachgesagt wurde, er habe "auf Kanzler studiert". Er hinterlässt Hessen einen gewaltigen Schuldenberg, obwohl das Land die höchsten Steuereinnahmen pro Einwohner in Deutschland hat. Hessen gilt im Länderkreis als finanzpolitisch allenfalls mäßig gemanagt. Im Bildungsbereich gab es Patzer bei der Einführung des achtjährigen Gymnasiums, Studiengebühren führten zu Proteststürmen, und eine Eliteuni kann Hessen auch nicht vorweisen. Vor allem der Ärger über die Bildungspolitik, keineswegs allein die Jugendstraftäter-Kampagne, führte zum Absturz der CDU bei der Landtagswahl 2008.
Hinzu kommen zahlreiche Skandale auf Landesebene, die noch den künftigen Ministerpräsidenten Volker Bouffier beschäftigen werden. Bei der Besetzung hoher Posten soll gemauschelt worden sein. Steuerfahnder, die in Sachen Schwarzgeldaffäre und gegen Banken ermittelten, wurden aus dem Dienst entfernt. Beim versprochenen Nachtflugverbot am Flughafen hat Koch sein Wort gebrochen, und zuletzt agierte er in Sachen ZDF-Chefredaktion und hessischem Kulturpreis unglücklich.
Doch all das spielt für Roland Koch keine Rolle mehr. Er hat sich souverän in den politischen Ruhestand hinübergerettet. Zum Abschied kann er daher glanzvoll feiern, in Gegenwart von Kanzlerin Angela Merkel und Altkanzler Helmut Kohl. Im hochherrschaftlichen Biebricher Schloss der Fürsten von Hessen und Nassau spielt ihm am Montag die Bundeswehr bei Fackelschein Melodien von Udo Jürgens auf. "Ich bin durchaus ein bisschen mehr als sentimental", hat Koch in einem der vielen Abschiedsinterviews gesagt. "Aber ich habe gelernt, dass das nicht dauernd die Öffentlichkeit angeht."
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