Abschied
Die unbekannte Seite des Roland Koch
Roland Koch verabschiedet sich diese Woche aus der Politik und geht in die Wirtschaft. Was Koch an Erfahrung dafür mitbringt? Elterliche Prägung, emotionale Selbstkontrolle, Suchtprobleme, Chef-Gehabe - Hajo Schumacher schaut genau hin.
Von Hajo Schumacher
Es wird ernst für Roland Koch. Diese Woche verlässt der ewige Reserve-Kanzler jenen vertrauten Mikrokosmos Politik, der ihm Schutz, Halt und Anerkennung gab. Nun wird der harte Hesse ausgewildert und muss sich in der freien Wildbahn der Wirtschaft bewähren, dort, wo Heuschrecken, Haie, Bullen, Bären und Ratten lauern. Vielleicht dockt er in einem Baukonzern an, womöglich bei einem Frankfurter Geldhaus oder aber bei einem solide geführten Hanauer Familienunternehmen, dessen bisheriger Chef sich verstärkt um Kinder in Not kümmern will. Aber ist Koch wirklich fit für den knallharten Kampf um Marktanteile und Gewinn-Margen? Ist ein ausdauernder Ministerpräsident auch ein erfolgreicher Unternehmensführer, Morgenpost Online hat die Vita Kochs nach allen wichtigen Details durchforscht.
• Belastbarkeit Kochs Referenten verbringen ihre wenigen Stunden Freizeit im komatösen Tiefschlaf und müssen nach wenigen Jahren wegen Auszehrung ausgetauscht werden. Ein Koch-Tag beginnt vor sieben Uhr morgens, wenn der Chef im Dienstwagen die ersten Akten bearbeitet und endet selten im Hellen. "Alle sagen, sie seien an der Leistungsgrenze, aber die kann man immer noch ein wenig hinausschieben", so Kochs Credo.
• Engagement Schon als Rechtsreferendar glänzte Koch durch Einsatz. Für sein erstes Eigenheim, eine Art Schuhkarton mit angeklebtem Fachwerk, mauerte er wenig fachmännisch, aber begeistert einen Briefkasten, dessen Schlitz breit genug für große Ordner war. Ungehinderter Aktenfluss ist bis heute die wesentliche Konstante im Kochschen Tagesablauf.
• Überstunden Gattin Anke berichtet, dass der Hyperaktive an den seltenen freien Sonntagen ungebeten die Gewürzdosen aus dem Küchenregal räumt, um sie neu zu beschriften.
• Effizienz Kochs Lieblingsmonate sind Mai und Oktober, weil sich dem Mensch da beim Wetter ein optimales Verhältnis von niedrigen Erwartungen und guten Erfahrungen biete. Als Schüler hat Koch beim Rasenmähen komplexe Versuchsreihen durchgeführt, um zu ermitteln, welche Schurtechnik wie viel Rasenauswurf nach sich zöge, um das leidige Zusammenharken zu minimieren. Nach zahllosen Testrasuren findet Koch heraus: Spiralförmiges Mähen von außen nach innen gewährleistet, dass der Rasenschnitt zur Mitte ausgeworfen wird, weshalb am Ende nur ein einziger Haufen aufzulesen sei.
• Prägung Ein Einzelkind, sagt die Forschung, ist selbstbewusster aber auch eingebildeter als das Geschwisterkind, neigt zur Klugscheißerei, sieht die Geschlechterrollen eher traditionell, ist leistungsbewusster. Roland ist das große Projekt seiner Mutter Irmgard. Vater Karl-Heinz, ein allseits anerkannter Politiker und Jurist, ist viel unterwegs. Irmgard Koch striegelt ihren Liebling täglich wie ein Rennpferd, sie fährt ihn zu Parteiversammlungen und überwacht den Ablauf, sie behütet ihn, sie lässt sich aber auch von ihm einwickeln, wenn er wieder mal Fernsehen schauen oder Cola trinken will. Alles drehte sich um Roland im Hause Koch, statt Eiskunstlaufen ist die Politik seine Disziplin.
• Tierliebe Der Junge Koch bekommt einen Schnauzer namens "Jery", frei nach Jerry Cotton. Das Tier muss in die Hundeschule, benimmt sich aber trotzdem wie ein Hooligan auf vier Beinen. Wann immer es an der Kochschen Tür klingelt, dreht der Hund kläffend und springend durch, durch die Milchglasscheibe gut sichtbar. Sobald die Hausherren Jery am Halsband zu fassen bekommen, öffnet sich endlich die Tür. Die verängstigten Besucher bekommen einen Hundekuchen in die Hand gedrückt, um das Tier mittels Leckerli zu korrumpieren.
• Emotionale Selbstkontrolle Einmal hat Koch öffentlich geheult während der Spendenaffäre. Seine zwickende Bandscheibe lächelt er routiniert weg. Als Kind neigte er zu Sentimentalität, als er mit seinem Freund Gunther hinter der Bankfiliale in Eschborn einen jungen Baum, die "Freundschafts-Birke" eingebuddelt hatte, zum Zeichen ihres ewigen Zusammenhalts. Rufen alte Freunde heute an, kann es passieren, dass Koch sie auf die zweite Hälfte des übernächsten Jahres vertröstet, dann habe er wieder ein bisschen Luft im Terminkalender.
• Ökonomisches Verständnis Beim Monopoly erfindet der zu Ungeduld neigende Knabe Koch seine eigenen Regeln. Wer bauen will, muss nicht warten, bis er drei Straßen einer Farbe zusammengesammelt hat. Die Bank verwaltet immer nur einer, nämlich Koch. Und wer pleite ist, bekommt unbürokratisch einen Schnellkredit, den er "Schillersche Konjunkturspritze" nennt.
• Psychologische Unwägbarkeiten Wie in vielen Nachkriegsehen herrschte auch bei den Kochs eine historisch bedingte Spannung. Vater Karl-Heinz hatte früh lernen müssen, die eigenen Bedürfnisse zurückzustellen. Nach dem Krieg galten für ihn die gelernten Werte wie Disziplin und Bescheidenheit, große Auftritte schätzte er nicht. Mutter Irmgard dagegen wollte auch nach außen demonstrieren: Seht her, wir haben es zu was gebracht, vor allem der Roland. Koch vereint in sich die Spannung zwischen mütterlichem Ehrgeiz und väterlicher Zurückhaltung, die zu permanentem seelischen Konflikt führen kann. Denn je mehr der Sohn die Erwartungen der Mutter erfüllt, desto eher entwertet er die Führungsrolle seines Vaters. Dieser Konflikt könnte erklären, warum Koch bis heute zwischen Extremen oszilliert: mal Biedermann, mal Hasardeur, mal schlauer Verteidiger, mal blindwütiger Angreifer.
• Grünes Gedankengut Koch ist in Eschborn aufgewachsen, einem hessischen Bullerbü, mit Kühen, Schweinen und einem Pony, das die grüne Kutsche von Freund Gunther zog. Im Kleingarten seines Opas inspiziert er die Gemüsebeete, auch wenn er mit vegetarischen Nahrungsmitteln bis heute nicht viel anfangen kann. Später als Späher der Jungen Union stellt Koch fest, dass die Grünen sich anschickten, der Union das Kernthema Schöpfung abspenstig zu machen. Koch schrieb flammende Aufsätze, dass die CDU auf den Erfolg der jungen Öko-Partei dringend reagieren müsse. Die Altvorderen überhören ihn.
• Analysen Verantwortungsbewusstsein: Schon als Grundschüler ging Koch, ausgerüstet mit Rixe-Fahrrad und Kilometerzähler, "auf Patrouille", um zu gucken, ob "alles in Ordnung" sei. Leider war in Eschborn immer alles in Ordnung. Deswegen weitete Koch seine Patrouillen auf das ganze Bundesland aus.
• Nachhaltiges Wirtschaften Stolz berichtet Roland Koch, dass seine Söhne die Möbel aus seinem früheren Jugendzimmer noch "aufgetragen" hätten. Mit seinem klapprigen Audi blieb der Ministerpräsident Koch einst auf der Autobahn liegen. "Das tut's doch noch eine Weile", ist ein gern bemühter Satz.
• Ungehorsam Der strukturell zur Artigkeit neigende Koch kann durchaus aufsässig sein. Als es um den Konflikt zwischen der Großmacht China und dem kleinen Tibet geht, riskiert Koch sogar einen Krach mit Mentor Kohl. Während der damalige Kanzler auf die Machthaber in Peking setzt, steht Koch zu seinem Freund, dem Dalai Lama. Ein ungeklärter Zwist.
• Suchtprobleme "Er braucht die Droge Politik", sagt seine Frau Anke. "Ich kann jederzeit aufhören", entgegnet Roland Koch. Die Stärke der anstehenden Entzugssymptome ist unklar. Weitere Suchtmittel: Cola, Fernsehen, Akten, bisweilen auch Rotwein.
• Motivationstalent "War nicht ganz schlecht", ist sein höchstes Lob.
• Ehrgeiz Brutalstmöglich ausgeprägt. Ob in der Familie, später bei der Jungen Union und schließlich als Ministerpräsident – alles außer der Führungsrolle hat Roland Koch stets als Übergangsstadium betrachtet. Auch bei der Team-Arbeit beherrscht ihn das Boss-Gen: Gruppenarbeit schön und gut, wenn hinterher herauskommt, was er vorgegeben hat. Schon als Kind predigte er den Mitschülern: "Man muss seine Eltern nur richtig erziehen." Lieblingsfigur im Fernsehen: Captain Kirk. Beim Schultheater übernahm er selbstverständlich die Rolle von Ritter Kuno, während dem Freund Gunther die weniger dankbare Rolle des Burgfräuleins blieb.
• Trendgespür Nicht vorhanden. Koch ist der zuverlässigste Anti-Trendsetter der Republik: Anzüge, Krawatten, Schuhe sind von geradezu quälender Zeit- und Modelosigkeit, das Brillengestell scheint aus den Restbeständen eines abgewickelten VEB zu stammen. In einem Unternehmen für schnelllebige Konsumgüter dürfte er gewaltige Probleme bekommen.
• Vision Deutschland solle in der Welt die Rolle des "complexity managers" übernehmen, sagt Koch. Wann immer es darum gehe, hochverdichtete Systeme geschmeidig und effizient zu steuern, Produktionsabläufe ebenso wie den Verkehr in Mega-Cities, müsse deutsches Knowhow ins Spiel kommen.
Die Moderation der Kommentare liegt allein bei MORGENPOST ONLINE.
Allgemein gilt: Kritische Kommentare und Diskussionen sind willkommen, Beschimpfungen / Beleidigungen hingegen werden entfernt. Wie wir moderieren, erklären wir in der Netiquette.
blog comments powered by Disqus
- Hessen: Der "Eisprinz" Roland Koch nimmt seinen Abschied
- Integrationsdebatte: Roland Koch stärkt Thilo Sarrazin den Rücken
- Bildung: Koch mahnt Eltern, mehr für ihre Kinder zu tun
- Buchvorstellung: Sarrazin nach kruden Juden-Thesen unter Beschuss
- Roland Koch & Co.: Disput um fliegende Wechsel vom Amt zur Wirtschaft
- Reaktion auf Sarrazin: Koch will beim Thema Zuwanderung keine Tabus
-
07:01Suchmaschine: Google löscht Millionen Einträge wegen Urheberrech...
-
06:22Nach Ausschreitungen: "Die Abschaffung von Stehplätzen ist kein Tabu"
-
24.05.2012Urheberrecht: Das Mittelstandsunternehmen BossHoss braucht das...
- 1. Drogeriekette Berggruen macht Schlecker-Mitarbeitern Hoffnung
- 2. ifo-Index Griechenland-Krise schickte deutsche Wirtschaft auf Talfahrt
- 3. Schuldenkrise Keine Annäherung zwischen Merkel und Hollande
- 4. BER-Desaster Kontroll-Experte bemängelt Kompetenz des Aufsichtsrats
- 5. EU-Gipfel Griechenland soll nicht um jeden Preis im Euro bleiben














