Mittelamerika
Der blutige Kampf um den Rausch
Der Rauschgiftmarkt verlagert sich, der Krieg ums Geld verschärft sich. Gewalt und Korruption haben sprunghaft zugenommen. Mit Folgen für die Stabilität der Regionen Mittel- und Südamerika.
Von Sandra Weiss
Der schnelle Wohlstand ist in den Städtchen und Dörfern des peruanischen Amazonasgebiets um Tingo Maria überall greifbar: Neue Geschäfte, Allradfahrzeuge, Bars und Bordelle. Der Andenstaat ist im Aufschwung. Doch die Ursache der neuen Umtriebigkeit sind nicht nur Öl- oder Goldvorkommen. Tingo Maria beispielsweise verdankt seinen Aufstieg der Drogenproduktion. Peru hat nach Erhebungen der UN Kolumbien den Rang als größtem Produzenten von Kokablättern abgelaufen.
Die Pflanze hat für die Bauern im peruanischen Amazonasgebiet unschätzbare Vorteile: Der Strauch ist anspruchslos, pflegeleicht, kann bis zu viermal im Jahr abgeerntet werden - und Koka-Blätter erzielen höhere Preise als etwa Kaffee und Kakao. Zehntausende Kleinbauern stehen darum in dem Andenstaat auf der Seite der mächtigen, international agierenden Drogenbosse. Die Lage ist explosiv. Schon mehrfach demonstrierten die Kokabauern gegen die Anti-Drogen-Strategie der Regierung. Im vergangenen Jahr kam es zu einem blutigen Aufstand der Indigenas gegen die Konzessionsvergabe an internationale Bergbau- und Energiekonzerne.
Wie in Peru hat sich die Lage in vielen Ländern der Region destabilisiert. So hat Venezuela gerade die diplomatischen Beziehungen zu Kolumbien abgebrochen, nachdem Kolumbien Venezuelas Staatschef Hugo Chávez beschuldigte, drogenfinanzierte Farc-Rebellen aus Kolumbien Unterschlupf in Venezuela zu gewähren. International wächst die Sorge vor einem bewaffneten Konflikt.
Mehr als fünf Milliarden Dollar haben die Vereinigten Staaten seit den 90er-Jahren in den Anti-Drogen-Kampf in Kolumbien gesteckt.
Auch Mexikos Präsident Felipe Calderón hat nach seinem Amtsantritt 2006 den Drogenkartellen den Krieg erklärt und erhält dafür Unterstützung aus den USA. Calderón hatte 50.000 Soldaten und Polizisten mobilisiert, Tausende Verdächtige festgenommen, über 25.000 Menschen starben seither im Drogenkrieg.
Schwerpunkte verschieben sich
Doch nicht die Drogen sind verschwunden, sondern lediglich die Pfade von Herstellung, Verarbeitung und Handel haben sich verschoben. So sind die Staaten in der Karibik und in Mittelamerika inzwischen wichtigste Umschlagplätze. Experten vergleichen das Prinzip mit einem mit Wasser gefüllten Luftballon: der Verlagerung des illegalen Geschäfts unter Druck in andere Gegenden und wieder zurück. Das Gleiche gilt auch für den Schmuggel in die USA und auch nach Europa.
So wurden nach Angaben des UN-Büros gegen Drogen (UNODC, United Nations Office On Drugs in Crime in Bogotá) 2009 in Peru insgesamt 119.000 Tonnen getrocknete Kokablätter produziert, in Kolumbien hingegen nur noch 103.000 Tonnen. In Peru hat die Kokaproduktion damit laut UNO in den vergangenen zehn Jahren um 55 Prozent zugenommen. In Bolivien blieb sie mit 30000 Tonnen etwa gleich.
Insgesamt hat nach den UN-Schätzungen 2009 die Anbaufläche für Koka um fünf Prozent abgenommen, was vor allem auf eine starke Verringerung in Kolumbien zurückzuführen ist. Bei der Verarbeitung des Rohstoffs zur Droge Kokain hingegen scheint es keine großen Veränderungen zu geben: 92 Prozent, der in den Andenländern angebauten Koka, wird zu Kokain verarbeitet. Um jährlich schätzungsweise 900 bis 1000 Tonnen des weißen Pulvers soll es sich handeln. Der Rest wird zum traditionellen Kauen verwendet oder für Tee und Medikamente genutzt. Bei der Verarbeitung liegt Kolumbien weiterhin vorne, dort befinden sich mit Abstand die meisten Drogenlabors.
Als in dieser Woche die Präsidenten Mittelamerikas zu einem Gipfeltreffen zusammenkamen, stand das Thema Drogenhandel aus diesem Grund ganz oben auf der Tagesordnung. Bislang standen vor allem Mexiko und Kolumbien im Zentrum der weltweiten Aufmerksamkeit. Doch um Zentralamerika steht es nach Auffassung der UNO weitaus schlimmer. "Mittelamerika hat viel weniger Kapazität bei der Kriminalitätsbekämpfung als Mexiko und steht vor enormen Herausforderungen", sagte der Vertreter für Mexiko und Mittelamerika des UN-Büros, Antonio Luigi Mazzitelli.
Klare Worte fand Costa Ricas Außenminister Rene Castro: "Der Erfolg von Mexiko und Kolumbien bei der Bekämpfung der Kartelle hat dazu geführt, dass sie ihr Geschäft mehr nach Mittelamerika verlagern", klagt er. Sie bauten ihre Präsenz quasi täglich aus und sind eine Bedrohung für unsere Sicherheit."
Der peruanische Anti-Drogen-Zar, Rómulo Pizarro, führte den Anstieg in seinem Land auf die gestiegene Drogennachfrage in den Industrieländern zurück. Besorgniserregend sei auch die Zunahme des Konsums in Lateinamerika, wo bereits fast drei Millionen Abhängige leben, die 20 Prozent der Drogen verbrauchen. Europa konsumiert 26 Prozent, die USA 41 Prozent. "Und wenn dann erst Asien zulegt, wofür es erste Anzeichen gibt, wird der Druck auf die Anbauländer wie Peru noch größer", sagte Pizarro.
Zehntausende Tote in Mexiko
"Das eigentliche Problem liegt nicht in Mexiko, sondern in Mittelamerika und der Karibik, wo in weniger als einem Jahrzehnt die Gewalt und die Korruption sprunghaft zugenommen haben", schreibt der salvadorianische Sicherheitsexperte Joaquin Villalobos. Schwache Staaten, ein hohes Gewalt- und Armutsniveau, extreme Mobilität durch Migration, kleine Volkswirtschaften mit wenig Widerstandskraft gegenüber den Drogenmillionen und der Tourismus mit dem damit mitunter verbundenen Drogenkonsum leisteten dort dem Organisierten Verbrechen Vorschub.
Mit teils dramatischen Folgen für die politische Situation in den Ländern. So kam es jüngst in Jamaika zu bürgerkriegsähnlichen Unruhen, als die Regierung den einflussreichen Drogenboss Dudus Coke, den das US-amerikanische Justizministerium als einen der weltweit gefährlichsten Drogenbarone betrachtet, festnehmen wollte. Als im Mai die Fahndung gegen Coke anlief, brach das Chaos aus. Bei Auseinandersetzungen zwischen Sicherheitskräften und Anhängern von Coke kamen 73 Menschen ums Leben, Hunderte wurden verletzt.
In Mexiko selbst wurde Spitzenpolitiker Rodolfo Torre Cantú, Kandidat der Oppositionspartei PRI, Ende Juni erschossen. Das mexikanische Innenministerium vermutet, dass die Auftragsmörder aus den Drogenkartellen stammen. In Guatemala ist nach Aussagen des jüngst zurückgetreten UN-Chefermittlers und Vorsitzenden der Kommission gegen die Straffreiheit, Carlos Castresana, die Justiz bis in höchste Sphären vom Organisierten Verbrechen infiltriert, und auch Exekutive und Legislative unternähmen wenig Anstrengungen im Kampf gegen Kriminelle. Und im durch den Putsch vom Juni 2009 destabilisierten Honduras starten und landen täglich Kleinflugzeuge, die bis oben hin mit Kokain gefüllt sein sollen. In Nicaragua wurden jüngst Drogenlabors ausgehoben.
Zusammenarbeit der Länder
Experten wie Pizarro bedauerten schon lange die aus seiner Sicht ungenügende und abnehmende internationale Kooperation im Kampf gegen die Drogen. Die USA unterstützen den Drogenkrieg in Peru mit bislang 70 Millionen US-Dollar sowie eigens dafür abgestellten Experten; die EU hat immerhin Hilfe zur Wiederaufforstung, zur Polizeiausbildung und zur Förderung alternativer Anbauprodukte versprochen.
"Eine Zusammenarbeit der Länder ist unerlässlich, damit sich die Probleme nicht einfach nur über die Grenze verlegen. Es ist in aller Interesse, dass es keinen gescheiterten Staat gibt, in dem die Kartelle freie Hand haben", so UNO-Mitarbeiter Mazzitelli.
Die betroffenen Länder streben nun einen gemeinsamen Aktionsplan an, um die mexikanischen und kolumbianischen Kartelle zu bekämpfen, die ihr Territorium als Umschlagplatz für die heiße Ware benutzen. In erster Linie wird es dabei eine bessere Zusammenarbeit der Geheimdienste und Fortbildung der Polizeikräfte gehen. Mexiko und Kolumbien wollen Schützenhilfe leisten. Doch wie schwierig das ist, zeigt die Lage zwischen Kolumbien und Venezuela.
Die USA unterstützen die mittelamerikanischen Länder bereits finanziell sowie mit militärischer Kooperation. Washington ist beunruhigt über das Destabilisierungspotenzial, das der Drogenhandel in den kleinen Ländern Mittelamerikas und der Karibik an den Tag legt.
Auch in Peru hat er einen gefährlichen Nebeneffekt. Die maoistische Rebellenbewegung Leuchtender Pfad ist erstarkt, die sich als Miliz in den Dienst der Drogenmafia stellt. Mehr als 400 Mitglieder hat die Guerilla nach Schätzungen von Experten bereits wieder. Die Gewalt des Leuchtenden Pfades stürzte Peru in den 80er-Jahren in einen blutigen Bürgerkrieg, der rund 70.000 Menschen das Leben kostete.
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