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Bundespräsidentenwahl

Wer zieht ins Schloss Bellevue?

Im Plenarsaal des Reichstagsgebäudes wird es am Mittwoch eng. Dann werden nicht wie üblich 612 Bundestagsabgeordnete Platz nehmen, sondern 1244 Wahlleute der Bundesversammlung entscheiden darüber, ob Christian Wulff oder Joachim Gauck Deutschlands zehntes Staatsoberhaupt wird.

Gerade einmal vier Wochen ist es her, seit Bundespräsident Horst Köhler seinen sofortigen Rücktritt erklärte. Während noch die Diskussion über seine Entscheidung lief, rotierte schon das politische Berlin: In kürzester Zeit waren neue Kandidaten zu finden, Wahlmänner zu benennen, der Reichstag auf die Wahlsitzung der Bundesversammlung vorzubereiten.

Doch – nun steht alles. Zwar bemühten sich die beiden großen Parteien wenige Stunden zuvor, die Erwartungen an die heutige Wahl zu minimieren. Sowohl Union als auch SPD übten sich in Tiefstapelei. Damit wollen sie einem Ablauf der Wahl vorbauen, der möglicherweise schlechter als erwartet und erhofft sein könnte.

Der CDU/CSU-Fraktionsvorsitzende Volker Kauder (CDU) sagte, er rechne zwar mit einem Sieg Christian Wulffs schon im ersten Wahlgang. „Aber wenn es im zweiten gelingt, ist es auch okay“, fügte Kauder im ZDF hinzu. CSU-Landesgruppenchef Hans-Peter Friedrich erwartete, „dass es im ersten Wahlgang klappen wird“. Er baute aber ebenfalls für den Fall vor, dass Wulff erst in der zweiten oder dritten Runde die erforderliche Stimmenzahl erhält. „Die Qualität des Bundespräsidenten hängt nicht von der Zahl der Wahlgänge ab“, sagte Friedrich. Der Parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion, Thomas Oppermann, sagte mit Blick auf Joachim Gaucks Bewerbung: „Unsere Chancen sind sehr überschaubar.“ Oppermann rechnet mit einem Sieg Wulffs im ersten Wahlgang. Die Koalition habe eine absolute Mehrheit. „Es ist schwer, einen solchen Wahlgang zu verlieren“, sagte Oppermann.

Koalition rechnet mit einem Sieg

Doch im Grunde stehen CDU, CSU, Grüne und SPD fest hinter ihren Kandidaten. Die FDP geht nach eigenen Angaben von nahezu geschlossenen Reihen aus. „Unsere Wahlmänner stehen“, sagte Generalsekretär Christian Lindner im Deutschlandfunk. Er gehe davon aus, dass von den 148 FDP-Wahlmännern und -frauen vier für Gauck stimmen werden. „Der Kandidat der FDP ist Christian Wulff“, fügte er hinzu. Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin erwartet eine „spannende“ Wahl. Er sagte im ZDF-„Morgenmagazin“, der Urnengang sei keine „Rechenaufgabe“. „Es ist doch mal schön in der Demokratie, dass wir eine spannende Abstimmung haben.“ Trittin warb erneut für den rot-grünen Kandidaten Gauck. Dieser sei auch für Konservative wählbar.

Noch einmal präsentierten sich die Kandidaten den Wahlmännern. Alle Fraktionen trafen sich gemeinsam mit ihren Wahlleuten aus den Ländern und den Kandidaten. Am Abend sollten sich Parteien und Wahlleute bei einem Fest auf die Wahl einstimmen. Gauck stellte sich gestern seinen Kritikern von der Linkspartei. Der parteilose frühere Bürgerrechtler und Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen sagte vor dem Treffen: Er sei bislang nicht durch „besonders große Nähe“ zur Linkspartei aufgefallen, betonte er und fügte hinzu: „Vielleicht komme ich ja ganz schnell raus, weil es gar nicht geht.“ Zudem erklärte Gauck seinen Willen, die Vertreter der Linken von seiner Philosophie der verantwortungsvollen Freiheit zu überzeugen.

Hinterher jedoch war zumindest von sachlichen Gesprächen die Rede – eine Entscheidung, wie sich die Partei in einem vielleicht notwendigen dritten Wahlgang verhalten werde, blieb jedoch aus. Die Linke will über ihr Verhalten in einem möglichen dritten Wahlgang erst kurzfristig entscheiden. Daran änderte auch eine 50-minütige Diskussion der Bundestagsfraktion mit Gauck nichts. „Wenn es wirklich einen dritten Wahlgang geben sollte, dann brauchen wir nach dem zweiten eine längere Pause“, sagte Fraktionschef Gregor Gysi nach dem Treffen. Er vermute aber, dass sich an der kritischen Haltung der Linke-Abgeordneten zu Gauck nichts geändert habe. „Dazu waren die Widersprüche dann letztlich auch zu deutlich.“ Die Linke schickt Lukrezia Jochimsen ins Rennen.

Wulff sieht ein Abenteuer

Sowohl Gauck als auch Linke-Abgeordnete beschrieben die Diskussion als sachlich. „Es gab eine erstaunliche Bereitschaft zum Zuhören“, sagte Gauck. „Es war nie eine unangenehme oder sehr gespannte Atmosphäre“, meinte Gysi. Der Fraktionschef war sicher, dass Wulff im ersten oder spätestens zweiten Anlauf gewählt werde. Die Abgeordneten von Union und FDP würden nicht zulassen, dass die Linke über das Staatsoberhaupt entscheide.

Optimistisch und geradezu fröhlich zeigte sich daher gestern Wulff. Er spüre Wehmut, aber auch „Vorfreude auf die neue Chance eines neuen, großen Amtes mit großer Verantwortung“, sagte Wulff in Hannover und ergänzte: „Man geht jetzt in ein ganz großes Abenteuer, in eine ganz große Unübersichtlichkeit, wo man sich vieles neu erschließen muss.“

Wird Wulff heute gewählt, wäre er der jüngste Bundespräsident aller Zeiten. Doch er kann sein Amt nur über einen komplizierten juristischen Weg antreten. Der 51-Jährige will für den Fall seiner Wahl vor der offiziellen Amtsannahme in einem Zimmer im Bundestag zwei Briefe übergeben. In einem Schreiben an den niedersächsischen Landtagspräsidenten Hermann Dinkla (CDU) will Wulff mitteilen, dass er mit sofortiger Wirkung von seinem Regierungsamt in Hannover zurücktritt. In dem anderen Brief überträgt er die Amtsgeschäfte vorübergehend seinem Stellvertreter, FDP-Wirtschaftsminister Jörg Bode. Erst wenn diese Voraussetzungen erfüllt sind, kann Wulff anschließend die Wahl annehmen, wenn Parlamentspräsident Norbert Lammert (CDU) ihn danach fragt. Bundestagspräsident Lammert wird sich persönlich darüber informieren, ob ein Gewählter vorher alle Ämter niedergelegt hat. Dies sei seine verfassungsmäßige Pflicht.

Christian Wulff oder Joachim Gauck, wer soll Bundespräsident werden?
 
17% Christian Wulff
 
62% Joachim Gauck
 
16% Keiner von beiden
 
5% Mir egal
Gesamt: 9429 Stimmen

Der zehnte deutsche Bundespräsident steht wie seine Vorgänger in einer Tradition, die stark von den Lehren aus dem Nationalsozialismus geprägt ist. Das Amt besitzt zwar hohes Ansehen – aber doch geringe Macht. Denn Misstrauen und Abgrenzung haben die Stellung des Staatsoberhauptes der Bundesrepublik Deutschland geprägt. Aus dem Trauma von Weimar galt es Lehren zu ziehen. Der neue Staat, die junge Republik wollte bewusst auf einen übermächtigen Präsidenten verzichten. Der neue Staat, die junge Republik wollte bewusst auf einen übermächtigen Präsidenten verzichten. Während der Parlamentarische Rat 1948/49 in Bonn über das Grundgesetz und die Stellung des Staatsoberhauptes beriet, war das damalige „Nie wieder!“ stets gegenwärtig: Nie wieder sollte ein Präsident, vom Volke gewählt und mit zahlreichen Vollmachten ausgestattet, schalten und walten können. Nie wieder sollte ein greiser Generalfeldmarschall vom Schlage Hindenburgs an der Spitze des Staates stehen. Nach einem „Ersatzkaiser“ samt Notverordnungsrecht sehnte sich das zarte Pflänzlein der Bonner Demokratie eben gerade nicht. Jeder Eindruck von Pomp, Prunk und Pathos sollte vermieden werden.

Allen Präsidenten von Theodor Heuss bis Horst Köhler ist es gelungen, ihrem Amt eine eigene, individuelle Prägung zu geben. Im Ausland respektiert, wurden sie im Volk meist verehrt, zumindest aber geachtet. So nüchtern die politische Kultur Deutschlands ist (und erst recht die der alten Bundesrepublik bis 1990 war), so umgab doch alle Präsidenten eine besondere Aura. Selbst der Bremer Bürgermeister Jens Böhrnsen, der seit vier Wochen umsichtig und geschickt den Bundespräsidenten vertritt, erlebt, wie ehrfurchtsvoll ihm die Bürger begegnen. Diese Aura liegt begründet in der integrativen Anlage des Amtes und der Bereitschaft seiner Inhaber, es entsprechend auszuüben. Alle Bundespräsidenten gewannen einen hohen Beliebtheitsgrad, recht schnell und weit über ihr parteipolitisches Lager hinaus.

Diese Zuneigung zum Bundespräsidenten fußt bei alldem kaum allein auf seiner Persönlichkeit, sondern mindestens ebenso auf der bescheidenen verfassungsrechtlichen Rolle. Gerade weil der Bundespräsident formal machtlos ist, hat er eine Wirkungschance. Er besitzt die Macht des Wortes, weil dieses Wort aufruft, mahnt, ausgleicht – und nicht entscheidet, exekutiert oder gar emotionalisiert.

Amt mit Ansehen, aber wenig Macht

Der Bundespräsident ist für die Politik nicht verantwortlich, er ist kein operativ handelnder Akteur. Das Staatsoberhaupt vertritt Deutschland völkerrechtlich, die Befehlsgewalt über die Bundeswehr besitzt er indes nicht. Der Bundespräsident verkörpert die Verfassung; doch selbst wenn er Gesetze formal prüft, unterschreibt und „ausfertigt“, so muss immer noch der Bundeskanzler oder der zuständige Minister gegenzeichnen. Sie sind es und nicht der Präsident, die die politische Verantwortung übernehmen.

Der Bundespräsident ist nicht mit der Macht des Kanzlers ausgestattet. Er hat keine Funktion in der tagespolitischen Auseinandersetzung. Er muss sich weder zur Höhe der Mehrwertsteuer noch über die Chancen einer Gesundheitsreform auslassen. Genau diese Freiheit ermöglicht es ihm, in langen Linien zu denken und sich entsprechend zu äußern. Die meisten Amtsinhaber haben es genau so gehalten – stets das Verbindende betont, den Konsens verkörpert. Keiner der bisherigen neun Präsidenten ist nach seiner Amtszeit wieder in die aktive Politik zurückgekehrt. Kurzum: Der Bundespräsident ist ein Integrationssymbol. Mit der Kraft seiner Ideen, dem Wort und seinem Charisma, wie etwa Richard von Weizsäcker, kann er sein machtloses Amt individuell aufwerten. So ist es folgerichtig, wenn Wulff sich als Brückenbauer sähe und Gauck vor allem mit dem Leitmotiv der Freiheit in der Verantwortung antritt.

Die Beschneidung der Kompetenzen tut dem Amt gut. Das Misstrauen dem Volk gegenüber, das Konrad Adenauer ebenso prägte wie den sozialdemokratischen Verfassungsvater Carlo Schmid, mag heute antiquiert erscheinen. Wer aber aus einer guten Laune heraus nach einer Direktwahl des Bundespräsidenten ruft, muss damit ebenso das Grundgesetz umkrempeln – oder dazu wenigstens einen durchdachten Vorschlag machen.

Zuweilen bestand zwischen Bundespräsident und Bundeskanzler eine Konkurrenz. Dies war schon bei Heuss und Adenauer der Fall, etwa bei ihrem Streit über die Nationalhymne. Heuss war eine Art Gegenpol zu Adenauer. Richard von Weizsäcker und Helmut Kohl entfremdeten sich zusehends: Weizsäckers Parteienkritik empfand Kohl als wohlfeil, Weizsäcker wiederum hielt Kohl für intellektuell (und habituell) nicht ebenbürtig. Während Gerhard Schröder für die neue Berliner Republik stand und etwa den Börsenboom genoss, rettete Johannes Rau die Bonner Republik an die Spree und wandte sich gegen Schröders Laisser-faire-Haltung. Das Verhältnis zwischen Angela Merkel und Horst Köhler erkaltete rasant; auf weitere Hinweise zu Köhlers Rücktritt darf man gespannt sein. All diese persönlichen Gegensätze haben jedoch den Staat nicht beschädigt – gerade weil der Präsident andere Akzente setzen kann als der Kanzler. Darin liegt die Chance, ja der Reiz des noblen Amtes. mit dpa; ddp

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Diese Berliner wählen am 30. Juni den neuen Bundespräsidenten



Erschienen am 29.06.2010

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