Abonnenten-Login Serviceangebote der Berliner Morgenpost Specials der Berliner Morgenpost
12.06.10

Haushaltssanierung

Die Einschnitte müssten viel größer ausfallen

Die Kritik am Sparpaket geht in die falsche Richtung. Es sind viel tiefere Einschnitte nötig als die Regierung vorschlägt.

© dpa/DPA
Sparpaket der Bundesregierung

Noch keine Woche alt ist das Sparpaket der Bundesregierung, da ist es schon so zerredet worden, dass kaum mehr jemand an seine Umsetzung glaubt. Aus allen Ecken der Union kommen inzwischen Proteste, aus der Opposition sowieso. Nur leider aus dem völlig falschen Grund: Das Problem ist nicht, dass das Sparpaket zu weit ginge oder dass es unsozial wäre. Das Problem ist, dass die Einschnitte – auch und gerade bei Sozialleistungen und sonstigen Transfers – auf mittlere Sicht viel größer ausfallen müssen als bisher geplant.

Gestern haben Ver.di, Linkspartei und viele andere bereits Großdemonstrationen in Berlin und Stuttgart organisiert, "Wir zahlen nicht für eure Krise", lautete das klassenkämpferische Motto. "Eure" Krise? Es stimmt, die Große Rezession der Jahre 2008 und 2009 ist nicht von Arbeitern oder Arbeitslosen, Studenten oder Rentnern verursacht worden. Aber auch das Gros derer am oberen Ende der Einkommensskala hat herzlich wenig damit zu tun gehabt. Politik hat versagt, Banken haben versagt – aber doch nicht das Heer der mittelständischen Unternehmer, doch nicht all die hoch qualifizierten Fachkräfte, Freiberufler oder Industriemanager im Land.

20.000 Euro Schulden pro Bürger

Im Grunde wurde in Berlin und Stuttgart auch gar nicht gegen "die da oben" demonstriert - sondern gegen unsere Kinder. Denn es geht eigentlich gar nicht um die Löcher, die Konjunkturpakete und Bankenrettungsaktionen in die Budgets gerissen haben. Die bleiben, so riesig sie sind, Kleinigkeiten im Vergleich zu der gigantischen Schuldenlast, die über Jahrzehnte hinweg aufgetürmt worden sind. Rund 20.000 Euro Staatsschulden lasten mittlerweile auf jedem Bürger, vom Kleinkind bis zum Greis. Noch gar nicht eingerechnet ist dabei die sogenannte implizite Verschuldung: jene Zahlungsverpflichtungen, die im Zuge der demografischen Alterung demnächst auf die öffentlichen Haushalte zukommen.

Was passiert, wenn nicht gegengesteuert wird, hat die EU-Kommission ausgerechnet: Binnen nur 50 Jahren wird sich die deutsche Staatsverschuldung in Relation zur Wirtschaftsleistung fast vervierfachen – auf 320 Prozent. Deutschland hätte dann ein fiskalisches Problem, gegen das sich das Griechenland des Jahres 2010 wie ein Hort der Solidität ausnimmt. Und diese Last wird von viel weniger Menschen zu schultern sein. Auf 100 Menschen über 65 Jahre kommen dann nur noch 170 im erwerbsfähigen Alter – kaum mehr als halb so viele wie heute.

Eine Gesellschaft, die glaubt, einem Problem solcher Größenordnung mit Steuererhöhungen für Gutverdiener und Vermögenden begegnen zu können, wird rasch bestraft werden: durch ein geringeres Wachstum und nur noch höheren Schulden. Nein, die Axt muss bei den Ausgaben angesetzt werden. Natürlich kann bei der Bundeswehr gespart werden, bei Polizei oder Justiz.

Fiskalische Homöopathie

Experten haben errechnet, dass moderne Staaten für die Erfüllung solcher und anderer Kernaufgaben in der Regel rund 20 Prozent der Wirtschaftsleistung ausgeben. Dieser Anteil lässt sich durch Sparsamkeit und Effizienz sicher um den einen oder anderen Prozentpunkt verringern – aber eben auch nicht mehr. Einsparpotenzial dagegen, das groß genug ist, um dem Staatsschuldendesaster beizukommen, gibt es schlicht nur bei Sozialleistungen und anderen Transfers.

Die Bundesregierung versucht es bisher mit fiskalischer Homöopathie. Gerade durch ihre selektiven und damit umso willkürlicheren Kürzungen aber verletzt sie das Gerechtigkeitsgefühl der Bürger – und spielt den Populisten in- und außerhalb der Linkspartei in die Hände.

Mit ihrem nächsten Anlauf für ein Sparpaket sollte die Koalition in die Offensive gehen. Dazu gehört, Besitzstände umfassend in Frage zu stellen. Und klar zu machen: Es geht hier nicht um einen Kampf zwischen Arm und Reich. Sondern darum, dass wir die Wahl haben, entweder heute auf eine Krise zu reagieren. Oder unseren Kindern eine Katastrophe zu hinterlassen.

Wenn nichts passiert, wird Deutschland in 50 Jahren fast dreimal so hoch verschuldet sein wie Griechenland heute.

Leser-Kommentare
Die Technik der Kommentarfunktion "DISQUS" wird von einem externen Unternehmen, der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen

Die Moderation der Kommentare liegt allein bei MORGENPOST ONLINE.
Allgemein gilt: Kritische Kommentare und Diskussionen sind willkommen, Beschimpfungen / Beleidigungen hingegen werden entfernt. Wie wir moderieren, erklären wir in der Netiquette.
blog comments powered by Disqus
 
Top-Thema
Inventor of TV remote control dies at age 96
Erfinder der Couch-Potato

Ohne Eugene Polley gäbe es keinen gemütlichen TV-Abend.

Video Nachrichten mehr
Eurovision 2012 Die ersten Finalteilnehmer für Baku stehen fest
Fußball-EM 2012 Lukas Podolski hält Titelgewinn für möglich
Disco Queen Trauerfeier für Donna Summer
Rüstung Amnesty fordert Kontrolle des Waffenhandels
 
PromoTeaser_img.jpg
Urlaub an der See

Aktuelle Reisetipps für Ihren nächsten Deutschlandurlaub.mehr

Sommerkoll-klein.png
Sommer Trends

Lindner - Das sind die Sommer Trends 2012!mehr

bio10_onsite-teaser.jpg
Netzwerker

Für eine moderne Energieversorgung in Berlinmehr

 
Top Bildershows mehr
Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Kaufberatung

Günstige Digitalkameras unter 150 Euro im Test

Habgier

Deutscher wegen Lego-Diebstahls vor US-Gericht

In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote