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12.06.10

Umstrittene Äußerung

Neue Rücktrittsforderungen gegen Banker Sarrazin

Die Äußerungen von Bundesbank-Vorstandsmitglied Thilo Sarrazin über die angeblich geringere Bildung von Zuwanderern haben heftige Reaktionen ausgelöst. Erneut wurde der Rück- und der Parteiaustritt des 65-Jährigen gefordert.

© M. Lengemann
Thilo Sarrazin
Thilo Sarrazin hatte schon mehrfach für Empörung gesorgt, die Bundesbank sah sich veranlasst, sich zu distanzieren

Der für Polemik bekannte ehemalige Berliner Finanzsenator soll bei einer Unternehmerveranstaltung in Darmstadt gesagt haben, Deutschland werde durch Einwanderung auf natürlichem Weg dümmer. Zuwanderer "aus der Türkei, dem Nahen und Mittleren Osten und Afrika" seien weniger gebildet als Migranten aus anderen Ländern. Einwanderer bekämen mehr Kinder als Deutsche. Es gebe "eine unterschiedliche Vermehrung von Bevölkerungsgruppen mit unterschiedlicher Intelligenz".

Bundeskanzlerin Angela Merkel erklärte in der "Bild am Sonntag": "Solche schlichten Pauschalurteile sind dumm und nicht weiterführend." Es sei zwar richtig, "dass die Bildungsabschlüsse von Schülern mit Migrationshintergrund verbessert werden müssen und der wichtigste Schlüssel dabei die Beherrschung der deutschen Sprache ist", so die Kanzlerin. "Aber wenn wir genau das fördern und fordern, dann haben diejenigen, die zu uns kommen und in unserem Land leben wollen, große Chancen und bereichern uns alle."

Der Gastgeber der Veranstaltung, die Arbeitskreise Schule-Wirtschaft der Unternehmensverbände Südhessen, wandte sich allerdings gegen diese Darstellung in Medienberichten: "Ein Zusammenhang von ethnischem Hintergrund und Intellekt wurde so von Herrn Sarrazin nicht hergestellt", sagte der Geschäftsführer der Arbeitskreise, Reinhold Stämmler. Die Grünen in Hessen nannten den früheren SPD-Politiker gleichwohl einen "Hetzredner", dem kein Forum mehr gegeben werden dürfe. "Ich frage mich, wie lange die Bundesbank einen solchen Brandstifter und Rechtspopulisten noch an ihrer Spitze dulden will", sagte die Grünen-Vorsitzende Claudia Roth der"Leipziger Volkszeitung".

Auch aus Sarrazins eigener Partei kam scharfe Kritik. Die Vorsitzende der Berliner SPD-Arbeitsgemeinschaft Migration, Ülker Radziwill, forderte Sarrazin zum Parteiaustritt auf. Er habe "erneut in menschenverachtender Weise verschiedene Bevölkerungsgruppen" attackiert. Der Berliner SPD-Landesvorsitzende Michael Müller sagte: "Die erneuten Provokationen von Herrn Sarrazin sind in jedem Fall unerträglich." Nach dem Schiedskommissionsverfahren über einen Ausschluss aus der SPD im März sei Sarrazin ganz eindeutig aufgefordert worden, "sich in seinen Aussagen zurückzuhalten und zu mäßigen", sagte Müller. "Aber offenbar lernt nicht nur Hans nimmermehr, sondern auch Thilo hat nichts dazugelernt."

Die stellvertretende Linke-Chefin Sahra Wagenknecht meinte, ein Rücktritt sei mehr als überfällig. Es sei ein Skandal, dass Sarrazin "sein Gift versprühen und trotzdem in führenden Positionen in diesem Land tätig sein kann", hieß es in einer Mitteilung.

Sarrazin hatte schon mehrfach für Empörung gesorgt, die Bundesbank sah sich veranlasst, sich zu distanzieren. Auf Drängen von Notenbankpräsident Axel Weber wurden seine Kompetenzen beschnitten. Jetzt wies eine Sprecherin nur darauf hin, dass es sich um seine persönliche Meinung handle. "Wir kommentieren persönliche Meinungen unserer Vorstandsmitglieder nicht."

Quelle: dpa/rtr
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