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04.06.10

Kanditatur Bundespräsident

Christian Wulff, der ehemalige Kanzler-Aspirant

Eigentlich wollte er einmal Bundeskanzler werden – jetzt ist Christian Wulff der Kandidat für die Union um das höchste Amt im Staat. Als superseriöser Landesvater von Niedersachsen steht er für Verlässlichkeit.

Getty Images/Getty

...dahin war weder für ihn noch für seine Befürworterin Angela Merkel leicht: In der Bundesversammlung reichte es in den ersten zwei Wahlgängen nicht zur absoluten Mehrheit für Wulff. Im dritten Wahlgang wurde er schließlich gewählt. Seit 2003...

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Er ist ja lange Zeit mit der geballten Faust durch Niedersachsen gefahren. Hatte sich geärgert über die Bundeskanzlerin, die schwarz-gelbe Koalition in Berlin. Darüber, dass sie ihn wieder nicht gefragt hatten. Ihn links liegen ließen, wenn es wirklich wichtig wurde. Hatte seinen Ministerpräsidentenstriemel durchgezogen. War zeitweilig abgetaucht, hatte sich selbst aus dem Rennen genommen mit der Bemerkung, er sei kein Alphatier und könne deshalb gar nicht Kanzler werden. Und hat dann doch wieder die Faust geballt in der Tasche. Aber diese Zeiten sind jetzt vorbei. Er ist aus der Deckung gekommen.

-> Der Gegenkandidat ums Amt des Bundespräsidenten: Jochaim Gauck, der Bürgerechtler

Christian Wulff, seit sieben Jahren niedersächsischer Regierungschef und seit zwölf Jahren stellvertretender Bundeschef der CDU, hat viel Post erhalten seit Roland Kochs angekündigter Demission. Dass er jetzt bitte nicht auch noch wie sein hessischer Kollege die Biege machen solle, abtauche aus der Politik, Richtung Wirtschaft. Man brauche ihn, ja ihn. Das hat gutgetan.

Im Zweifel wollte er sogar noch einmal kandidieren. Bei der nächsten Landtagswahl Ende 2012, Anfang 2013 – besser aber: für ein anderes, ein wichtigeres Amt. Bundeskanzler, Merkel-Nachfolger, das wäre seine erste Wahl gewesen, keine Frage. Er würde heute nicht mehr sagen: Kanzler kann ich nicht. Er würde sagen: Kanzler kann ich besser. Aber ein Angriff? Ein Aufstand gegen Merkel? Wulff hat in seinem Leben schon verloren. Zwei Landtagswahlen gegen Gerhard Schröder (SPD). Er will nicht ein weiteres Mal verlieren. Also kein Aufstand. Es geht nicht gegen Merkel, hat er einmal gesagt vor gar nicht allzu langer Zeit, es geht nur mit Merkel. Also Bundespräsident?

Vielleicht hat das ja eine Rolle gespielt, als sich das Blatt langsam wendete: Ursula von der Leyen wohnt mit ihrer Familie keine 20 Kilometer entfernt vom Haus des Ministerpräsidenten in Großburgwedel bei Hannover. Ginge das? Kanzler und Präsidentin aus demselben Bundesland, fast aus demselben Kaff? Das darf man bezweifeln, dass diese Konstellation an der Staatsspitze eine Mehrheit finden könnte im Fegefeuer des Föderalismus. Also Bundespräsident. Pflicht kann Wulff ja, Disziplin und tadelloses Benehmen. Aber er wird, auch im Schloss Bellevue, gelegentlich die Faust in der Tasche ballen, die Bundesregierung und die Bundeskanzlerin im Blick.

Der superseriöse Landesvater

Aber so weit ist es nicht. Gerade befinden wir uns noch mindestens eine Etage tiefer, im Gästehaus der niedersächsischen Landesregierung. Auch hier geht es gerade um die Wurst. Um die gute Eichsfelder. Und um Deutschländer, die beide in Niedersachsen gestopft werden.

Wulff, der Landesvater, stellt die erste niedersächsische "Genussbox" vor, ein PR-Gag der hiesigen Ernährungswirtschaft, die nach dem Autobau der zweitwichtigste Arbeitgeber ist im Lande. Entsprechend ernst nimmt Wulff diese Herausforderung, lässt sich nicht verleiten von der Möglichkeit, deftige Sprüche zu deftigem Fleisch zu servieren. Er bleibt superseriös, freut sich sehr, lobt Land wie Leute, findet den Bogen von Schnitzel mit Pommes zum Weltmarkt mit Chancen.

So kurz nach dem Köhler-Rücktritt sind ungewöhnlich viele Journalisten ins hannoversche Hindenburgviertel gekommen, wo außer dem schmucken Gästehaus und dem Zoo noch das Wohnhaus eines Altkanzlers und neuerdings auch skurrile Friedensversammlungen brutaler Rockerbanden zu besichtigen sind. Für die "Genussbox" interessieren sich Mikrofonhalter und Kameraleute und Schreiberlinge allerdings nicht so sehr. Gefragt ist vielmehr: Wulff, der Kandidat, der Rivale, der viel Genannte. "Was halten Sie von Frau von der Leyen?" – "Macht es Sie denn nicht wenigstens stolz, dass so viele Niedersachsen als mögliche Kandidaten benannt werden?" – "Wie ist es denn mit Ihnen selbst?"

Kein Zucken, kein Rucken, kein Garnichts. Stattdessen: "Alles Spekulationen." Daran beteilige er sich nicht. "Die Würde des Amtes" und so weiter und so fort. Gebetsmühle, wieder und wieder. Auch gestern Nachmittag ging das noch so, beim Deutschen Schifffahrtstag in Cuxhaven. Ein Grußwort für die Reeder. Er hatte schließlich zugesagt. Und dann: Gebetsmühle.

Wenn man überhaupt etwas hineininterpretieren will in Wulffs Antworten der vergangenen Tage, dann, dass er auch jetzt, da sehr viele sehr schlecht zu sprechen sind auf Horst Köhler, zu dem geflohenen Präsidenten steht. Wie eine Eins – minus. Natürlich hat auch ihm der abrupte Abgang des damaligen Bundespräsidenten nicht gefallen. Dennoch bleibt Köhler für Wulff einer, der viel geleistet hat für Deutschland, der ein feiner Mensch sei und dem er verbunden bleiben werde. Das sagen nicht so viele in dieser Deutlichkeit in dieser Woche. Eine Qualität, die sich der 50-jährige Osnabrücker bei Helmut Kohl abgeschaut hat. Für ihn ein Vorbild, immer noch.

Wulff liebt dieses Bild vom Kümmerer, vom Förderer und Mentor im Kleinen wie im Großen: Ursula von der Leyen (CDU) und Philipp Rösler (FDP) im Berliner Kabinett, David McAllister, sein Fraktionschef und designierter Nachfolger als Regierungschef in Niedersachsen, sind seine größten Talente. Er hat ihnen die Wege geöffnet. Und Beate Baumann natürlich, der Kanzlervertrauten, die er, Wulff, entdeckt und dann Merkel empfohlen hat. Das bedauert er jetzt manchmal. Auch, weil die beiden, die mittlerweile ein unzertrennliches Gespann bilden, ihm diese Vermittlerrolle aus seiner Sicht nie gedankt haben. Man kann da sehr empfindlich reagieren.

Wer es kurz und schmerzlos mag, für den ist die Spannung, die zwischen Merkel und Wulff herrscht, somit schnell erklärt: Er fühlt sich nicht hinreichend gewürdigt, gelobt, herausgehoben von ihr. Und ihr missfällt sein "gepflegtes Heckenschützentum", wie es ein Mitglied des Bundeskabinetts ausdrückt. Wulff neige im vertrauten Kreis zum Lästern über die Bundesregierung, auch über die Kanzlerin. Er sei "ein unsicherer Kantonist", man traue ihm auch "Illoyalitäten" zu. Der kolportierte Verlauf der Präsidentensuche dürfte denen, die ihm Übel wollen, Beweis genug sein für diese Charakterisierung. Der "Wulff im Schafspelz" kam lange Zeit nicht so gut an in Berlin. Zumal er, wenn es dann darum geht, öffentlich klare Kante zu zeigen, zögerte, zauderte, sich zurückhielt, die anderen machen ließ. Eigenschaften, die ja auch Merkel nicht fremd sind. Und die auch diejenigen in Wulffs engerem Umfeld nicht schätzen, die ihn unterm Strich loben.

Der Kümmerer und Zuhörer

Christian Wulff, das sagen Menschen, die länger mit ihm gearbeitet haben in Niedersachsen, ist ein sehr guter Zuhörer, der auch externen Rat schätze und einhole. Einer, der "eben nicht beratungsresistent" sei oder sich wie Merkel nur ihrer eigenen "Peergroup" bediene. Sondern einer, der sich eben auch von anderen eines Besseren belehren lasse, mit guten Argumenten. Ein begnadeter Redner aber, einer, der seine Zuhörer fesseln kann, ist Wulff nicht. Aber er kann überzeugen. Wie er beispielsweise in der finsteren Walsroder Stadthalle Hunderte von Bürgermeistern sachlich-nüchtern, verbindlich, nicht anbiedernd von einer neuen Kommunalverfassung überzeugt, die ihnen wahrlich nicht ausschließlich Vorteile bringt, wirkt das schon ziemlich professionell.

Wulff weiß ja auch um seine Außenwirkung. Im Guten wie im Schlechten. Er setzt den durch seine Scheidung etwas angekratzten Schwiegersohn-Charme noch immer ganz gekonnt ein, er wirbt um Vertrauen, er ist auf seine brave, manchmal fast biedere Art ein Menschenfänger. Einer, dem man sein Erspartes vielleicht doch noch anvertrauen würde. Kein schlechtes Vorzeichen in Zeiten wie diesen.

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