CDU und FDP haben nach dem Rücktritt Horst Köhlers alte Fehler wiederholt. SPD und Grüne haben den besseren Kandidaten für das Bundespräsidentenamt gefunden, meint Thomas Schmid.
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Deutschlandweit gefragt: Die Kandidatur des Bürgerrechtlers Joachim Gauck zum Bundespräsidenten hatte viele Menschen begeistert.
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Er wird auch der "Bundespräsident der Herzen" genannt: Joachim Gauck.
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Der frühere Chef der Stasi-Unterlagen-Behörde und rot-grüne Präsidentenkandidat war auch bei Union und FDP offenbar so beliebt, dass er bei der Wahl zum Bundespräsidenten weit mehr Stimmen bekam, als SPD und Grüne Delegierte haben. Am Ende aber unterlag er Christian Wulff.
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Es war eine Überraschung, als SPD und Grüne den gebürtigen Rostocker nominierten (hier beim Verlassen der Bundespressekonferenz mit den Partei- und Fraktionsschefs), denn der ehemalige Pfarrer Gauck hatte immer dem christlich-liberalen Lager nahe gegolten.
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Özdemir, Gauck und SPD-Chef Sigmar Gabriel auf der Bundespressekonferenz. Gauck war bereits in der DDR politisch aktiv. Er ist über Parteigrenzen hinweg anerkannt und beliebt.
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Der Pfarrer war Mitbegründer des Neuen Forums und Vorsitzender der Vereinigung Gegen Vergessen - Für Demokratie.
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Am letzten Tag des Bestehens der DDR wurde Gauck, damals noch beim Bündnis 90, von der Volkskammer zum Sonderbeauftragten für die personenbezogenen Unterlagen des ehemaligen Staatssicherheitsdienstes der DDR gewählt.
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Er leitete die Stasiunterlagen-Behörde bis 2000.
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Seitdem hatte er keine politischen Ämter mehr inne.
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Seine Nachfolgerin in der Behörde wurde Marianne Birthler.
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Kurz nachdem er sein Amt aufgegeben hatte, startete Gauck in der ARD eine eigene Talkshow. Einer seiner Gäste: Joschka Fischer.
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2001 legte Gauck Berufung gegen ein Urteil ein, nach dem die Behauptung des letzten DDR-Innenministers Peter-Michael Diestel, Gauck sei ein Begünstigter der Stasi gewesen, durch das Recht auf freie Meinungsäußerung gedeckt sei.
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Im Januar 2010 fand zum 70. Geburtstag von Gauck ein Podiumsgespräch statt. Gauck überreichte Kanzlerin Merkel sein Buch "Winter im Sommer - Frühling im Herbst."
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Sie wäre die First Lady geworden: Daniela Schadt, Gaucks Lebensgefährtin. Während der langen Wahl kamen sie und Christian Wulffs Frau Bettina sich näher.
Nun ist es heraus: Es wird keinen Kandidaten für das Amt des Bundespräsidenten
geben, den die beiden großen politischen Lager gemeinsam unterstützen. Das
Regierungslager geht mit Christian Wulff und die rot-grüne Opposition mit
Joachim Gauck ins Rennen. Zwei respektable Kandidaten, und doch ein Elend.
Christian Wulff, der lange erfolglos gegen Gerhard
Schröder um das Amt des Ministerpräsidenten gekämpft hatte, schaffte es am
Ende doch und hat Niedersachsen ordentlich regiert. Er ist ein Mann des
Maßes und bei den Bürgern seines Landes beliebt – die Mitte in Person.
Joachim Gauck hat die DDR mit Anstand durchlebt, hat die Auseinandersetzung
mit der Stasi zu einem öffentlichen Thema gemacht und ist einer, der gerade
wegen seiner Erfahrung der Unfreiheit die Freiheit als etwas Einzigartiges
zu schätzen weiß. Mit beiden Kandidaten ist Staat zu machen.
Doch das Verfahren, das zu diesen beiden
Nominierungen geführt hat, ist blamabel. Vor nur vier Tagen geschah etwas in
dieser Republik noch nie Dagewesenes: Der Bundespräsident trat abrupt
zurück. Das war etwas Ungeheuerliches. Danach darf man – auch aus Achtung
vor diesem höchsten Amt im Staate – nicht routiniert zur Tagesordnung
übergehen.
Doch das ist geschehen. Das Regierungslager hat nicht den geringsten Versuch
gemacht, die Nachfolgefrage einvernehmlich mit der demokratischen Opposition
zu erörtern. Als sei das Amt des Bundespräsidenten ein Anhängsel der gerade
aktuellen schwarz-gelben Gemengelage. Kein Gedanke wurde darauf
verschwendet, dass es dem Vertrauen der Bürger zuträglich sein könnte, in
einer für Deutschland nicht einfachen Lage einen Kandidaten zu finden, der
nicht aus dem Küchenkabinett kommt.
Angela Merkel und Guido Westerwelle haben den Fehler
wiederholt, den sie 2004 mit der Nominierung Horst Köhlers schon einmal
begangen haben: den Bundespräsidenten nach Maßgabe ihrer aktuellen
Interessen auszuwählen. Sie haben nicht bedacht, dass die Bürger nicht
einfach nur das nun entstandene Präsidentenloch gefüllt sehen wollen. Sie
wollen erleben, dass die Politik auf das Drama dieser Woche mit Ernst
reagiert.
Da dies nicht geschehen ist, würde dem Bundespräsidenten Wulff der Makel
anhaften, ein Notbehelf zu sein. Joachim Gauck dagegen ist ein guter
Vorschlag der rot-grünen Opposition. Gut ist, dass Gauck nicht aus der
rot-rot-grünen Küche kommt. Gut ist, dass sich mit ihm nicht nur
Sozialdemokraten und Grüne, sondern auch christliche Demokraten und
Konservative anfreunden können. Und gut ist auch, dass er wie kaum ein
anderer im zwanzigsten Jahr der Einheit ein wirklich gesamtdeutscher
Kandidat ist. Er weiß, was es heißt, alle zu repräsentieren: den Linken und
den Rechten, den Reichen und den Armen, den Zuversichtlichen und den
Besorgten. Er verkörpert – mit Charme und Würde – die Erfahrung der
Freiheit. Es ist der Republik zu wünschen, dass er der zehnte
Bundespräsident Deutschlands wird.
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