15.04.10

Aufarbeitung der Misshandlungen

Ehemalige Heimkinder bemängeln "Runden Tisch"

Die Frage nach Entschädigungen für misshandelte Heimkinder wirft neuen Streit auf. Während der "Runde Tisch" über Möglichkeiten beratschlagt, demonstrieren Betroffene. Sie sehen Posten falsch besetzt und werfen dem "Runden Tisch" Bagatellisierung der Misshandlungen an Zehntausenden von Kindern vor.

Von M. Hollstein und M. Kamann
Foto: dpa
Demonstration ehemaliger Heimkinder.

Es waren nur 250 Demonstranten, aber ihr Protest stellt ein Prestigeprojekt deutscher Unrechtsbewältigung infrage. Ehemalige Heimkinder zogen durchs Berliner Regierungsviertel und machten ihrem Unmut über den "Runden Tisch Heimerziehung" Luft, der auf seiner siebten nicht öffentlichen Sitzung die Misshandlungen und die systematische Entrechtung von Kindern in bundesdeutschen Heimen der 50er- und 60er-Jahre weiter aufarbeiten sollte.

Doch diese Aufarbeitung funktioniert nicht, beklagten die ehemaligen Heimkinder bei ihrer Demonstration. Die Misshandlungen an Zehntausenden von Kindern würden bagatellisiert, und die Moderatorin des Runden Tisches, die frühere Bundestagsvizepräsidentin Antje Vollmer (Grüne), sei für den Posten nicht geeignet.

"Frau Vollmer ist als Moderatorin des Tisches nicht neutral, weil sie eine Kirchenfrau ist", sagte Monika Tschapek-Güntner, Vorsitzende des Vereins ehemaliger Heimkinder (VeH), Morgenpost Online. Viele jener Heime standen damals in kirchlicher Trägerschaft, weshalb Vollmer, studierte Theologin mit guten Kontakten zur evangelischen Kirche, am Runden Tisch nicht überparteilich agieren könne, zumal bei Entschädigungsforderungen an die Kirchen.

Der Verein fordert 50.000 Euro für jedes misshandelte Heimkind. Bei geschätzten 500.000 Betroffenen würde das eine Zahlung von insgesamt 25 Milliarden Euro bedeuten. Bislang sei nicht einmal der geforderte Soforthilfetopf eingerichtet worden, aus dem Therapien finanziert werden sollen, sagte Tschapek-Güntner:

"Da findet eine Retraumatisierung der Betroffenen statt." In Irland und Kanada haben Klagen von Heimkindern bereits zu Entschädigungen in Milliardenhöhe geführt.

In Deutschland aber gibt es bisher kein Anzeichen für eine Annäherung in der Entschädigungsfrage, da eine Rechtsgrundlage dafür fehlt. Immerhin ein neuer Ton war vom amtierenden Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Präses Nikolaus Schneider, zu hören.

Im RBB-Inforadio sagte Schneider auf die Frage nach Entschädigungsverhandlungen: "Die Kirchen werden sich diesem Gespräch nicht entziehen." Doch verwies er abermals auf das Fehlen einer Rechtsgrundlage, und da beim Runden Tisch ohnehin über Geld geredet werden soll, lässt sich Schneiders Satz auch so verstehen, dass der EKD-Vertreter am Runden Tisch bloß an jenem Gespräch teilnimmt, man sich aber in keiner Weise festlegen will.

Beim prominentesten Fall von Heimkindermisshandlung in der katholischen Kirche wächst der Druck auf den Augsburger Bischof Walter Mixa. Ihm wird vorgeworfen, am Schrobenhausener Kinderheim St.Josef in den 70er- und 80er-Jahren als dortiger Stadtpfarrer Heiminsassen heftig verprügelt zu haben.

Während Mixa dies bestreitet, sprachen Heimleiter Herbert Reim und für den Träger der Schrobenhausener Stadtpfarrer Josef Beyrer eine Entschuldigung in einem Brief an sieben ehemalige Heimkinder aus, die angeben, von Mixa geschlagen worden zu sein. In dem Brief wird den ehemaligen Heimkindern versichert, ihre Vorwürfe würden ernst genommen. Zugleich bedauerten Reim und Beyrer, dass sie keinen Einfluss darauf hätten, wie Mixa mit den Vorwürfen umgeht.

Der vom Heimträger, der Katholischen Waisenhausstiftung Schrobenhausen, eingesetzte Sonderermittler, der Ingolstädter Rechtsanwalt Sebastian Knott, kündigte für Freitag eine Pressekonferenz an. Der CSU-Landtagsabgeordnete Thomas Goppel meinte dazu, Mixa wäre gut beraten, wenn er sich noch rechtzeitig erklären würde, bevor der Ermittler seinen Bericht vorlegt. Nur so könne der Bischof das Heft des Handelns in der Hand behalten.

Unterdessen präsentierte das ARD-Magazin "Panorama" eine weitere Frau, die eidesstattlich versichert haben soll, von Mixa mehrmals geohrfeigt worden zu sein. Dies sei ihr bereits 1971 als Firmling passiert, als Mixa noch Dorfpfarrer in Weilach bei Schrobenhausen war, so die ARD.

Wie schon die bisherigen Vorwürfe wurde auch dieser von Mixas Öffentlichkeitsreferent Dirk Hermann Voß dementiert. Die 51-Jährige sowie sieben ehemalige Heimkinder sind nach Medienangaben bereit, ihre eidesstattlichen Erklärungen auch vor Gericht zu bestätigen.

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