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25.03.10

Afghanistan

Nato-Soldaten fürchten neue Taliban-Bombe

Die RAF benutzte eine solche Bombe beim Attentat auf Alfred Herrhausen. Im Irak wird sie von US-Soldaten gefürchtet. Jetzt setzten die Taliban die EFP-Bombe in Afghanistan ein. Ein Anschlag wurde per Video dokumentiert. Seit die Taliban mit EFP bomben, steigt die Zahl der Anschlagsopfer unter den Nato-Soldaten stetig.

Islami Emirate Afghanistan/Nr. 14

Angeblich stammen die Aufnahmen aus dem Magazin von den Taliban. Sie wurden von Islamisten in einem so genannten "Taliban-Magazin" auf einschlägig bekannte, verschlüsselte Internetseiten gestellt. Hier ist das Titelbild der 14. Ausgabe (Februar 2010) abgebildet.

47 Bilder

Zunächst wirkt alles wie immer. Ein Militärfahrzeug fährt in das Bild der Kamera, dann folgt eine Explosion am Straßenrand, das Fahrzeug setzt leicht beschädigt seinen Weg fort.

Doch etwas ist ungewöhnlich an dieser Szene aus einem kürzlich veröffentlichten Propagandavideo der afghanischen Taliban.

Was dort am Wegesrand detoniert, war keine gewöhnliche Sprengfalle ("IED"). Es war eine "EFP-Bombe". Und das Video ist der vermutlich erste Beweis für die Verwendung dieser Waffe durch die Taliban in Afghanistan.

Die Abkürzung EFP kommt aus dem Englischen und steht für "Explosively Formed Projectiles", als für explosive Projektile. Sie sind eine weiterentwickelte Form der gewöhnlichen, selbstgebauten und ferngezündeten Sprengfallen, mit dem IED (Improvised Explosive Device) bezeichnet werden.

EFP-Bomben bestehen aus einem mit Sprengstoff gefüllten Zylinder, der auf einer Seite mit einer Kupfer- oder Stahlplatte verschlossen wird. Wird die Sprengladung gezündet, verformt sich die Verschlussplatte durch den Druck und die Hitze zu einem kegelförmigen Geschoss das mit hoher Geschwindigkeit in eine bestimmte Richtung fliegt.

Aus den ansonsten recht primitiven Bomben werden so zielgerichtete Geschosse, die auf 100 Meter mühelos eine 10 Zentimeter dicke Panzerung durchschlagen können. Meist werden die Abschuss-Stationen direkt am Straßenrand vergraben, oft aber auch auf einem Stativ in Gestrüpp und hohem Gras nahe einer Straße platziert.

In Afghanistan sind diese Geschosse neu auf dem Schlachtfeld. Nato-Truppen verzeichnen eine stetige Zunahme der neuen Sprengfallen und daraus folgend eine wachsende Opferzahl in Bomben-Anschlägen.

Noch vor wenigen Jahren gaben afghanische und amerikanische Soldaten in einer Umfrage an, Afghanistan sei vor allem deshalb weniger gefährlich als der Irak, weil es in Afghanistan "weniger Selbstmordattentäter und EFP-Bomben" gebe.

Im Irak tauchten die neuartigen, panzerbrechenden Sprengfallen bereits 2004 auf. Angeblich wurden sie im Iran konstruiert. Schiitische Milizen, die vielfach finanziell und logistisch aus dem Nachbarland Iran unterstützt werden, setzten die Geschosse mit tödlicher Wirkung im Irak gegen amerikanische und britische Panzerfahrzeuge ein.

Bei Razzien im mehrheitlich schiitischen Süd-Irak stellten britische und amerikanische Truppen eine Vielzahl von EFPs sicher. Seither gehen die Militärs davon aus, dass die Bomben in Bausätzen oder schon komplett gefertigt aus dem Iran in den Irak gelangt waren.

Die jetzt veröffentlichten Videoaufnahmen der Taliban bestätigen möglicherweise einen Bericht der britischen "Sunday Times", wonach die Taliban-Kämpfer im Iran in der Handhabung von Sprengfallen trainiert werden.

Laut "Sunday Times" sagten zwei Taliban-Kommandeure, iranische Offizielle würden die afghanischen Islamisten in verschiedenen Guerilla-Taktiken ausbilden. Ein "dreimonatiges Training" habe im Winter stattgefunden. Dazu seien Taliban-Kämpfer über die ostiranische Grenzstadt Zahedan in einer "einstündigen Autofahrt zu den Trainingscamps in der Wüste" gebracht worden.

Im ersten Monat hätten die Afghanen von iranischen Ausbildern in ziviler Kleidung gelernt, wie sie Nato-Konvois angreifen und fliehen können, bevor die westlichen Truppen Unterstützung anfordern können. Der weiterführende Teil der Ausbildung bestand angeblich aus dem Erlernen der Sprengfallen-Taktik, sagte ein Taliban-Kommandeur der britischen Zeitung. Abschließend hätten die Iraner den Taliban das "Erstürmen von Militärbasen und Checkpoints" auf einem künstlichen Trainingsgelände beigebracht.

Schon seit Jahren beschuldigen amerikanische Militärs das Regime in Teheran, die afghanischen Aufständischen mit Waffen und Material zu versorgen. Der damalige Nato-Sprecher James Appathurai ließ bereits im Sommer 2008 verlauten, dass "Waffen iranischer Herkunft und großer Zahl in Afghanistan aufgetaucht sind".

Karl Eikenberry, der US-Botschafter in Afghanistan, wiederholte diese Behauptung vor kurzem. "Iran oder Elemente im Iran haben die Taliban mit Training und Waffen versorgt", sagte Eikenberry.

Ob es aber tatsächlich diese Kooperation zwischen den radikal-sunnitischen Taliban und dem schiitischen Gottesstaat Iran gibt, ist unter den Experten umstritten. In der Vergangenheit galten Taliban und Iran als Feinde, besonders nachdem die Taliban während ihrer Herrschaft in Afghanistan Massaker unter der schiitischen Bevölkerung der Hazara verübten und Schiiten als Ketzer und Gotteslästerer bezeichneten.

Denkbar ist, dass die EFP-Technik über irakische Terroristen an den Hindukusch gelangte. In diesem Fall würden die Taliban nun die Bomben der verhassten schiitischen Milizen lediglich kopieren. Teile für den Bombenbau könnten auch über Schmuggler und Kriminelle aus dem Iran nach Afghanistan gelangen.

Tom Kelly, der ehemalige Vize-Chef der "ISAF Counter-Bomb-Operations" in Afghanistan, warnte im Juli 2007 davor, zu schnell den Iran als Drahtzieher hinter den EFP-Anschlägen zu vermuten. "Einige EFP-Komponenten sind vielleicht im Iran hergestellt worden", sagte Kelly damals, "aber das heißt nicht unbedingt, dass das iranische Regime dahinter steckt." Es gebe einen Unterschied zwischen den irakischen und den afghanischen Sprengfallen. Die afghanischen EFPs hätten "ihre eigene Handschrift", so Kelly.

Erstmals getestet wurden die EFPs von der pro-iranischen Hisbollah-Miliz im Libanon. Während des Kampfes gegen die israelische Besatzung im Süd-Libanon in den 1990er Jahren und zuletzt im Sommer 2006 zerstörten die ferngezündeten Sprengfallen der Hisbollah die als nahezu unzerstörbar geltenden israelische Merkeva-Panzer.

Sogar die deutsche RAF verwendete am 30.November 1989 eine solche Sprengfalle mit einem Infrarot-Auslöser, um Deutsche Bank-Chef Alfred Herrhausen zu ermorden.

"Mit einer selbstgebauten Hohlladungsmine (Fachbegriff für die EFPs) haben wir seinen gepanzerten Mercedes gesprengt", hieß es in einem RAF-Bekennerschreiben zum Attentat.


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