Missbrauchsskandal
Eklat im Gottesdienst um vorbestraften Pfarrer
In Bad Tölz (Bayern) ist es zu einem Eklat gekommen. Gemeindemitglieder hatten aus den Medien erfahren, dass ihr Pfarrer ein vorbestrafter Sexualstraftäter und von der katholischen Kirche gedeckter Wiederholungstäter sei. Als in der Messe beschönigende Worte über die Taten des Pfarrers fielen, machten sie ihrem Zorn Luft.
Von Sonja Vukovic
Als Papst Benedikt XVI. als Erzbischof tätig war, wurde in seinem Bistum ein Priester in der Gemeindearbeit eingesetzt, obwohl dieser wegen Kindesmissbrauchs vorbelastet war. WELT ONLINE blickt auf diesen Lebensabschnitt Ratzingers zurück.
Beim Sonntagsgottesdienst im bayerischen Bad Tölz kochten die Emotionen hoch. Pfarrer Peter H. war nicht da, um die Messe in der Franziskanerkirche zu halten – und alle Gemeindemitglieder wussten warum: Zuvor war bekannt geworden, dass der inzwischen 62-jährige Gottesdiener in den achtziger Jahren Minderjährige missbraucht hatte. Und dass die Katholische Kirche ihn trotz des Wissens darum immer wieder als Seelsorger eingesetzt hatte. Das schreibt die "Süddeutsche Zeitung" (SZ).
Sein Vertreter, Pfarrer Rupert Frania, ließ das Thema Missbrauch und Misshandlung in seiner Sonntagspredigt nicht unerwähnt: "Es wird momentan ein wenig einseitig aufgelistet", sagte er der "SZ" zufolge. Und meinte damit die Medien und ihre Kirchenkritik.
Die Menschen im Gotteshaus, die erst jetzt um die kriminelle Vergangenheit ihres Pfarrers wissen, hatten sich aber offensichtlich anderes erhofft, als nur noch weitere Entschuldigungen. "Ich kann das nicht hören. Sie können doch jetzt nicht mehr ablenken", unterbrach ein Mann Anfang 30 die Predigt.
Um seinen Zorn zu untermalen, stand er auf und erklärte: Der Tölzer Pfarrer hätte ihn und seine Freundin demnächst trauen sollen. Es sei ein Schock, dass er nun aus dem Medien erfahren musste, dass sein Priester ein verurteilter Missbrauchstäter ist. Einige Gläubige verliessen nach Angaben der "SZ" die Sonntagsmesse aus Protest gegenüber dem Priester.
Das erste Mal, dass Pfarrer H. sich an einem minderjährigen Kind vergriff, war Ende der 1970er Jahre. Da arbeitete er noch in Essen. Das Bistum dort hatte 1979 davon erfahren und daraufhin das Münchener Erzbistum gebeten, den Kaplan aufzunehmen.
Eigentlich hätte H. in Süddeutschland eine Therapie machen sollen. Stattdessen trat er wieder seine Dienste an, erst in einer Münchener Pfarrerei, dann in Grafing. Dort missbrauchte er zwischen 1982 und 1985 wieder Kinder, wofür er 1986 schließlich verurteilt wurde – zu 18 Monaten auf Bewährung, so die "SZ".
Wieder setzte das Erzbistum H. ein, im Pfarrverband Graching an der Alz, in Engelsberg und 2008 schließlich in Bad Tölz.
Papst Benedikt XVI. war von 1977 bis November 1981 als Joseph Ratzinger Erzbischof in München und Freising. "Der Ordinariatsrat, zu dem auch Ratzinger gehörte, beschloss, dass der Kaplan zur Therapie nach München kommen und in dieser Zeit in einem Pfarrhaus wohnen könne " , schreibt die "SZ".
Den Akten des Erzbistums zur folge arbeitete der pädophile Pfarrer fast unmittelbar nach den Vorfällen wieder in einer Pfarrei in München. Nach Einsicht der Akten zu dem Fall räumte das Erzbistum München gegenüber der "SZ" bereits "schwere Fehler" ein.
In Bad Tölz allerdings ist man nun verärgert darüber, dass das Bistum Pfarrer H. weiter in Schutz nimmt. Pfarrer Frania verurteilt zwar die Taten seines Kollegen. Aber er sagt auch, dass es neben Schuld und Sühne auch Vergebung und Buße geben müsse.
Der "SZ" zufolge fragte er die Gemeindemitglieder: "Wie lange muss einer Buße tun?" Die Taten seines Kollegen lägen 25 Jahre zurück. Danach seien keine weiteren Vorfälle bekannt. Für die Zeit in Bad Tölz soll eine eidesstattliche Versicherung vorliegen, in welcher der Pfarrer angibt, dass nichts passiert sei.
Die Moderation der Kommentare liegt allein bei MORGENPOST ONLINE.
Allgemein gilt: Kritische Kommentare und Diskussionen sind willkommen, Beschimpfungen / Beleidigungen hingegen werden entfernt. Wie wir moderieren, erklären wir in der Netiquette.
blog comments powered by Disqus
- Katholische Kirche: Missbrauchs-Beauftragter beklagt Vertuschung
- Pädophilie: Psychologin findet Missbrauchsdebatte "verlogen"
- Late Night "Maischberger": Die Schuld der 68er am Missbrauch in der Kirche
- Amtszeit als Erzbischof: Kirche bestätigt Missbrauch in Ratzingers Bistum
- Vorwürfe einer Ex-Schülerin: In Odenwaldschule zu Strip-Poker gezwungen
- Erfahrung eines Schriftstellers: Die Macht des missbrauchten Kindes
-
09:38Moabit: Berliner Ausländerbehörde mit Steinen und Farbe...
-
09:12Schulden-Haushalte: Sarrazin vergleicht Griechenland-Krise mit Berlin
-
09:08GfK-Konsumklima: Deutsche Verbraucher optimistischer als die Firmen
- 1. Drogeriekette Berggruen macht Schlecker-Mitarbeitern Hoffnung
- 2. ifo-Index Griechenland-Krise schickte deutsche Wirtschaft auf Talfahrt
- 3. Schuldenkrise Keine Annäherung zwischen Merkel und Hollande
- 4. EU-Gipfel Griechenland soll nicht um jeden Preis im Euro bleiben
- 5. Ausreißer Kater Felix legt 240 Kilometer bis nach Berlin zurück














