NRW-Parteitag
Westerwelle-FDP verschanzt sich in der Wagenburg
Mittwoch, 1. September 2010 08:38 - Von Kristian FrigeljEr redet fast eine Stunde lang, bedeutungsschwer, pathetisch, staatsmännisch. Guido Westerwelle versucht beim Landesparteitag in Nordrhein-Westfalen, die FDP gegen den politischen Giftmix der Anschuldigungen zu immunisieren. Der Vorsitzende prägt das Bild einer umzingelten Partei.

Als die Delegierten sich wieder erheben wie eine geschlossene Truppe beim Aufmarsch, blickt Guido Westerwelle zufrieden vom Podium. Es geschieht nun schon zum zweiten Mal, dass er stehenden Applaus bekommt, während er redet. In der fensterlosen Siegerlandhalle erfährt der Außenminister und FDP-Parteichef an diesem Sonntag uneingeschränkte Solidarität und maximale Anerkennung.
So soll die Geste des Aufstehens zu verstehen sein. Hier in der Abgeschiedenheit der Stadt Siegen in Nordrhein-Westfalen ist Westerwelle geschützt vor Kritik und Angriffen seiner Gegner. „Wir stehen“, ruft er in den Saal hinein und gibt dann ein Aufbruchsignal. „Wir wollen nicht, dass in Nordrhein-Westfalen zwanzig Jahre nach der deutschen Einheit Kommunisten und Sozialisten etwas zu sagen haben.“
Nur wenige Stunde zuvor ist Westerwelle von seiner Südamerika-Rundreise heimgekommen. Nach Chile, Argentinien, Uruguay und Brasilien nun die Stadt Siegen, die hinter Attendorn, Drolshagen und Olpe liegt. Der Grenzübergang von der Außen- zur Innenpolitik könnte krasser nicht sein.
Der Stadtname soll die symbolische Botschaft für die anbrechende letzte Phase des Landtagswahlkampfes sein. Denn die FDP müht sich durch die politische Ebene: Das Image der Sieger-Partei mit Potenzial zu zweistelligen Prozentergebnissen ist seit der Bundestagswahl verflogen. In mehreren Umfragen werden die Freidemokraten landesweit bei sechs, sieben Prozent taxiert.
Die Popularitätswerte des Außenministers sind miserabel, er und seine Partei werden seit Monaten konfrontiert mit Vorwürfen der Klientelpolitik und der Vetternwirtschaft, die sich mitunter auch gegen seinen Lebensgefährten Michael Mronz richten.
Ob Steuerentlastungen für Hoteliers oder großzügige Parteispender in der Reisedelegation des Außenministers – Westerwelle muss sich gegen den Ruch der Käuflichkeit wehren. Obendrein sprechen SPD und Grüne der FDP ihre demokratische Gesinnung ab. Sie seien „unsozial“, „radikal“, „extrem“, gar „marktradikale Extremisten“ ereifert sich Rot-Grün – so als handele es sich um Staatsfeinde, die sich im Visier des Verfassungsschutzes befinden.
Westerwelle versucht in Siegen seine Weggefährten gegen den politischen Giftmix dieser Anschuldigungen zu immunisieren. Er redet fast eine Stunde lang, verteidigt sich, legt sein Ansinnen dar. Er entschuldigt sich für nichts. Die Vorwürfe gegen die Auswahl seiner Delegation streift er nur. „Ich werde auch in Zukunft als Außenminister der deutschen Wirtschaft und insbesondere dem Mittelstand in anderen Ländern die Türen öffnen“, sagt er. In anderen Ländern gerieten Außeminister unter Druck, wenn sie dies nicht täten.
Es bleibt ein ernstes Problem, dass sich solche Diskussionen ausgerechnet bei Westerwelle festsetzen. Er selbst sieht darin eine linke Verschwörung, angezettelt von SPD, Grünen und Linken, wie er in Siegen betont. Westerwelle will deshalb besonders standhaft wirken, so als gebe es nichts zu deuteln.
Freilich sagt er nicht zum konkreten Vorhalt, dass der Vertreter eines Unternehmens nach Südamerika mitgereist sei, bei dem Westerwelles Bruder Anteilseigner ist. Ebenso wenig äußert er sich zu der Kritik, dass ein Parteispender zu seinem Reisetross gehörte. Zumindest gegenüber der „Bild am Sonntag“ verteidigte Westerwelle seinen Lebensgefährten Michael Mronz, dem vorgeworfen wird, er nutze Auslandsreisen zur Anbahnung privater Geschäfte. Und gegenüber der „Welt am Sonntag“ betonte er, dass es im Auswärtigen Amt ein eingespieltes Verfahren bei der Auswahl der Delegationen gebe.
Der Bonner hält eine politische Grundsatzrede, vielleicht wird es eine seiner wichtigsten sein, denn er muss sich um sein persönliches Ansehen sorgen. Auch in der FDP fragt man sich innerlich, ob er eine nützliche Wahllokomotive für die nordrhein-westfälische Freidemokraten sein kann.
Er wählt immer wieder bedeutungsschwere Worte, spricht von „Schöpferkraft“ und davon, dass das Land „zukunfts-, wind- und wetterfest“ machen müsse. Er formuliert pathetischen Sätze wie: „Es geht darum, welche Geisteshaltung den Zeitgeist der Zukunft prägen soll“ oder „Der Veränderungswillen muss sich über den Geist der Verharrung erheben.“.
Westerwelle betont den „Veränderungswillen hin zu einer freiheitlichen Gesellschaft, weg von der Gesellschaft staatlicher Entmündigung“. Er beklagt, dass der Beharrungswillen enorm sei in der Bundesrepublik. Westerwelle erzählt davon, dass die „Entwicklungsländer seiner Jugend“ aufholen würden und der Bundesrepublik mittlerweile auf gleicher Augenhöhe begegneten.
Über weite Strecken spricht er leise, staatsmännisch. Er wiederholt nicht mehr seinen Ausspruch von der „spätrömischen Dekadenz“ in der Hartz-IV-Debatte, aber er sagt auch, er habe nichts zurückzunehmen. Westerwelle versucht eine Differenzierung und sagt, wenn man Missbrauch bei Hartz-IV-Empfängern kritisiere, dann meine er nicht die Mehrzahl derjenigen wirklich Betroffenen, die solche Hilfe benötigten. Dann wieder spricht er anderer Stelle doch von Dekadenz, wenn er sagt: „Ich halte es für eine dekadente Entwicklung, wenn in Berlin Gymnasiumsplätze verlost werden. Die Zukunft der Menschen als Lotterielos, das ist würdelos.“
Seine schärfste Kritik richtet er gegen die Medien. Er fühlt sich diskreditiert und ruft den Medienvertretern zu: „Die veröffentlichte Meinung ist nicht die öffentliche Meinung“. Dann versichert er: „Ihr kauft mir den Schneid nicht ab“. Da erheben sich die Delegierten und klatschen.
Mit einer Wagenburg-Mentalität zieht die FDP in den Landtagswahlkampf. Noch acht Wochen sind es bis zum Wahltag am 9. Mai. In den Umfragen fehlt eine Mehrheit für die schwarz-gelbe Landesregierung. Es ist eine Abstimmung, die weitreichende Konsequenzen auch für den Bund hat. Bundeskanzlerin Angela Merkel und ihr Vizekanzler Westerwelle fürchten, ihre schwarz-gelbe Mehrheit im Bundesrat zu verlieren, wenn es zu einem Regierungswechsel in Nordrhein-Westfalen kommt. Für Westerwelle ist die Landtagswahl deshalb von existenzieller Bedeutung. Für ihn ist es nicht weniger als ein „Kampf der Geisteshaltungen in der Republik“.
Erschienen am 14.03.2010






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