Streit in der Regierung
Türkische Ministerin hält Schwulsein für krank
Freitag, 28. Mai 2010 11:26 - Von Boris KálnokyDie türkische Familienministerin hat in der islamisch geprägten Regierung einen Streit ausgelöst, weil sie Homosexualität für eine Krankheit hält, die behandelt werden müsse. Andersartige Sexualität ist in der Türkei ein heikles Thema. Die Intoleranz endete schon mehrmals tödlich.

Seit einigen Tagen streiten türkische Minister um das Wesen der gleichgeschlechtlichen Liebe. Die Familienministerin der islamisch geprägten Regierung, Selma Aliye Kavaf, erklärte in einem Interview mit der Zeitung „Hürriyet“, Homosexualität sei eine „Krankheit“ und müsse „behandelt“ werden.
Der Reporter hatte sie nach ihrer Meinung über Eheschließungen zwischen gleichgeschlechtlichen Partnern gefragt, und dies war ihre Begründung für die Antwort, sie habe „keine positive Meinung“ über solche Ehen.
Istanbul mit großer Schwulenszene
Da sie Schwulsein als Krankheit bezeichnet hatte, fühlte sich ihr Kabinettskollege Recep Akdag angesprochen, der Gesundheitsminister. Denn wenn Homosexualität eine Krankheit ist, dann wäre ja wohl sein Ressort gefragt, um sie zu bekämpfen.
Akdag ließ die Kollegin wissen, dass Homosexualität als gesellschaftliches Problem eher in ihren Bereich gehöre: Es sei ein Fall für „Freiheiten“ – also Toleranz und Gleichberechtigung.
Nun wartet man in der Türkei gespannt, ob sich Ministerpräsident Erdogan in den Streit einschaltet – er hatte Akdag schon früher gemaßregelt, als der zu Impfungen gegen die Schweinegrippe aufrief. Erdogan sprach sich damals dagegen aus und sagte, die Impfstoffe seien zu riskant.
Die Türkei ist ein seltsames Land, wenn es um Homosexualität oder überhaupt „andersartige“ Sexualität geht. Istanbul ist eine der größten und turbulentesten Schwulenszenen Europas. Transsexuelle Showstars erfreuen sich beachtlicher Beliebtheit quer durch alle Gesellschaftsschichten, beispielsweise die Sängerin Bülent Ersoy. Vor zwei Jahren musste sie vor Gericht, aber „nur“ weil sie eine Offensive der Armee gegen die PKK kritisiert hatte.
Besonders brutal trifft die neue Intoleranz Transsexuelle – acht wurden seit 2008 ermordet, sagt die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, allein zwei im Februar. Offenbar führt die neue Religiosität in der Türkei zu mehr Gewalt gegen Homo- und Transsexuelle.
Der Staat beschäftigt sich bislang höchstens dann mit der Frage, wenn solche Mordfälle vor Gericht kommen, oder die Justiz mal wieder eine Schwulenorganisation schließen will. Insgesamt fünf solche Organisationen mussten bislang vor Gericht um ihr Existenzrecht kämpfen, weil sie laut Staatsanwaltschaft „gegen die moralischen Prinzipien der Türkei“ verstoßen. Es spricht für das Land, dass bislang keiner der Schließungsanträge zum Verbot führte. Nicht alle Verfahren sind abgeschlossen.
Überfällige Debatte
Eine gesellschaftliche Debatte über das Thema ist längst überfällig, schon um das Land von seiner schizophrenen Haltung gegenüber Homosexuellen zu befreien. Wer weiß, vielleicht löst der Ministerstreit diese Diskussion jetzt aus.
Freilich täte eine solche Debatte auch vielen Homosexuellen selbst gut. Das Wort ist so verpönt, dass in der Türkei selbst Schwule sich nicht als Homosexuell verstehen, solange sie den „aktiven“ Part beim Geschlechtsverkehr übernehmen. Ähnlich sieht man es in der Gesellschaft – so richtig „Schande“ bringt nur der passive Homosexuelle über sich und seine Familie.
Erschienen am 11.03.2010
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