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24.02.10

Beschattungsverdacht

Münte, Michelle und der Clinch zweier Magazine

Der Hamburger "Stern" enthüllt angeblich unlautere Methoden der Münchener "Bunte": Mit Geheimdienstmethoden habe die Zeitschrift das Privatleben von Oskar Lafontaine und Franz Müntefering ausspionieren lassen, heißt es. Doch vielleicht ist es auch nur die Geschichte zweier konkurrierender Magazine.

dpa/DPA

Im Jahr 2009 hat der frühere SPD- Vorsitzende Franz Müntefering ...

7 Bilder

Die Story, die der "Stern" am Donnerstag auf acht langen Seiten erzählt, hat scheinbar alles, was eine gute Magazingeschichte ausmacht: mächtige Männer, die Affären mit schönen Frauen haben, Dunkelmänner, die sie heimlich dabei observieren und versteckte Kameras aufstellen. Es ist allerdings die Geschichte der Konkurrenz. Normalerweise ärgerlich, diesmal nicht: Die Illustrierte "Bunte" soll fragwürdige Recherchen über das Privatleben der Politiker Franz Müntefering, Oskar Lafontaine und Horst Seehofer in Auftrag gegeben haben – berichtet die Illustrierte "Stern".

Der Kern der Geschichte ist schnell erzählt. "Bunte" soll der Berliner Presseagentur "CMK Images" gut eine Viertelmillion Euro dafür gezahlt haben, Fotos zu besorgen, mit denen sich Affären der Politiker nachweisen lassen. Die "CMK" ist eine Agentur, bei der neben vielen anderen Medien auch der "Stern" selbst und die Axel Springer AG, in der auch Morgenpost Online erscheint, schon Fotos gekauft haben.

Im vom "Stern" angeprangerten Fall soll die Agentur zu unlauteren Methoden gegriffen haben: Angeblich wurde Müntefering "beschattet" und der Briefkasten seiner späteren Gattin Michelle Schumann mit Werbematerial "manipuliert", um festzustellen, ob sie das Haus betreten hat.

Im Fall Lafontaine hätten die CMK-Mitarbeiter Überwachungsprotokolle unter dem Codenamen "Scarface" angefertigt, eine unpassende Anspielung an eine Narbe, die Lafontaine seit einem Messerattentat zeichnet. Die erwogene Installation einer Kamera sei jedoch unterblieben. Neben schriftlichem Material belegt der "Stern" seine Geschichte mit den Zeugenaussagen ehemaliger Mitarbeiter von CMK.

Die Chefredakteurin der Bunten, Patricia Riekel, ließ die Vorwürfe gestern zurückweisen. Ihr Blatt habe lediglich eine "journalistische Fotorecherche" in Auftrag gegeben. Der Inhaber der Agentur habe der Chefredaktion der "Bunte" versichert, die vom "Stern" beschriebenen Methoden nicht angewendet zu haben.

Die Kronzeugen des "Stern" seien ehemalige Mitarbeiter, von denen sich die Agentur im Streit getrennt habe. Es handele sich um einen Versuch der "Verleumdung eines erfolgreichen Mitbewerbers". Tatsächlich kämpfen "Stern" und "Bunte" um die Marktführerschaft am Donnerstag, dem schwierigsten Tag am deutschen Kiosk. Der Burda-Entertainment-Verlag, der zur Verlagsgruppe Burda gehört, kündigte nun juristische Schritte gegen den "Stern" an.

Juristische Schritte erwägt freilich auch Franz Müntefering. Zwar schweigt der ehemalige Vizekanzler, doch Brigitte Zypries, die als ehemalige Justizministerin mit Müntefering im Kabinett saß und heute Justiziarin der SPD-Bundestagsfraktion ist, deutete gegenüber Morgenpost Online bereits an: "Hier ist das Persönlichkeitsrecht in eklatanter Weise verletzt worden. Das Bürgerliche Gesetzbuch sieht für dieses Delikt Schadensersatz vor." Lafontaine hingegen ließ dieser Zeitung sagen, er wolle nicht klagen.

Zypries ordnete den Vorgang auch gleich ein: "Die schwarzen Schafe in den Medien müssen geächtet werden. Investigativer Journalismus ist gut und wichtig. Seine Aufgabe besteht aber nicht darin, private und intime Beziehungen von Abgeordneten auszuspionieren." Ähnlich reagierten weitere Politiker – wenn auch hinter vorgehaltener Hand: Es sei gut, wenn in einem "journalistischen Selbstreinigungsprozess" nun das linksliberale Hamburger Blatt die klatschorientierte Münchener Konkurrenz angehe.

Politiker aller Parteien fühlen sich seit dem Umzug der Bundesregierung in Berlin zunehmend von der Presse bedrängt. Die Geschichte hat freilich auch eine andere Seite: Zuletzt enthüllte die "Bunte" – mit Material der Agentur CMK – pikante Details über CSU-Parteichef Horst Seehofer. Der Politiker, der vorher mit Homestories über seine Familie selbst in die Öffentlichkeit gegangen war, hatte in Berlin die Büroleiterin eines CDU-Abgeordneten geschwängert.

Auch bei Müntefering lässt sich das Private nur auf den ersten Blick deutlich vom Politischen trennen. Der Politiker hatte seinen Rückzug aus dem Kabinett nach einer verlorenen Machtprobe mit seinem damaligen Parteichef Kurt Beck explizit privat begründet: Er wolle seine an Krebs erkrankte Ehefrau pflegen.

Lafontaine, dessen angebliche Affäre mit der Kommunistin Wagenknecht zuerst der Hamburger "Spiegel" andeutete, hatte Anfang der 90er aus Wut über den "Schweinjournalismus" als saarländischer Ministerpräsident sogar das Pressegesetz ändern lassen. Dabei vermengte auch er selbst Privates und Politisches. "Es gibt nicht 'die Frau'" antwortete er in den 80ern schon mal dem Lifestylemagazin "Tempo", um in den 90ern im Doppelinterview mit seiner Frau Christa Müller Auskunft über Schwangerschaften, Kinderwünsche und Gleichberechtigung zu geben – in der "Bunten".

Mitarbeit: Daniel Friedrich Sturm, Lucas Wiegelmann

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