Religion
Die junge Generation hat Lust, jüdisch zu sein
Samstag, 6. Februar 2010 17:26Seit dreieinhalb Jahren ist Charlotte Knobloch Präsidentin des Zentralrats der Juden. In dieser Zeit war die Sorge um den jüdischen Gemeindenachwuchs oft Thema, doch Knobloch blickt zuversichtlich in die Zukunft: Werden sie gut betreut, entwickeln viele junge Juden großes Interesse an ihrer Religion.

Die Renaissance des deutschen Judentums ist in den vergangenen Jahren viel beschworen worden. Gerade die deutsche Politik teilt mit uns Juden die Hoffnung, dass die jüdischen Gemeinden zu Stützpfeilern der Zivilgesellschaft heranreifen. Und vieles wurde durch Bund, Länder und Gemeinden geleistet, damit die Voraussetzungen dafür geschaffen werden konnten. Viele der überall entstehenden Synagogen und Gemeindezentren wären ohne diese Hilfe nicht denkbar.
Wo immer ich seit meinem Amtsantritt Gemeinden besucht habe, war Positives sichtbar: bei Synagogeneinweihungen, bei der Ordination von Rabbinern durch das Abraham Geiger Kolleg, bei der Eröffnung des Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerks für jüdische Begabtenförderung, beim Jugendkongress der Zentralwohlfahrtsstelle. Es wächst eine junge Generation heran, die Lust und Freude hat, jüdisch zu sein und sich auf den Weg macht, zu ergründen, was das für sie oder ihn bedeuten kann.
Ich konnte vor allem spüren: Die Zuwanderung so vieler jüdischer Menschen nach Deutschland war ein Geschenk und eine Freude. Um ihre Verwurzelung im jüdischen Erbe und um die kommenden Generationen müssen wir uns nun besonders kümmern. Es gibt nämlich Indizien, dass die Zahl der Juden in Deutschland in Zukunft wieder abnehmen könnte – durch die natürliche Sterberate, aber auch durch Gemeindeaustritte aus Desinteresse. Hier müssen wir ansetzen.
Mit den Kindern gewinnen wir auch die Eltern
Die Frage lautet: Wie können wir deutlich machen, dass es sinnvoll ist, eine jüdische Identität herauszubilden? Meine Überzeugung ist, dies kann nur geschehen, wenn wir eines der Kernelemente des Judentums weiterentwickeln: die Bildung. Wo Reflexion der eigenen Existenz im Umfeld der jüdischen Tradition angeregt wird, haben wir gewonnen. Wir müssen die Authentizität jüdischer Erfahrungen in der Vergangenheit vermitteln, um sie für die Moderne greifbar und wirkmächtig werden zu lassen. Das beginnt bei jüdischen Kindergärten, damit wir Eltern wie Kinder erreichen. Für solche Kindergärten benötigen wir Erzieherinnen und Erzieher, die aus Deutschland kommen, unsere Sprache und Kultur kennen – und jüdisch sind. Alle Erfahrungen zeigen mir: Mit den Kindern gewinnen wir auch die Eltern für Werte und Erbe unserer Gemeinschaft.
Wo immer dies möglich ist, sollten wir auch das jüdische Schulwesen weiterentwickeln. Die Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg hat dazu wertvolle Beiträge in der Lehrerbildung zu leisten, und das Potsdamer Kantorenseminar betont zu Recht die pädagogische Ausrichtung in der Ausbildung junger Kantorinnen und Kantoren. Aber auch die Jugendarbeit insgesamt muss Identität stiften können und attraktiv sein.Summer Camps nach amerikanischem und auch russischem Vorbild wären hier ein wichtiger Schritt. Freundschaften bilden sich hier, die Jugendlichen lernen jüdisches Leben im Alltag kennen. Diese Erfahrungen bringen sie dann nach Hause und wollen sie zu Hause und in der Gemeinde weiterführen. Nichts kann so prägend sein wie eine positive jüdische Erfahrung in Kinder- und Jugendtagen.
Die Förderung unserer Studierenden durch ein jüdisches Stipendiatenwerk ist gerade auf den Weg gebracht worden. Das Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerk, dessen Schirmherrin ich gerne bin, vergibt seit Kurzem 70 Stipendien jährlich für unseren akademischen Nachwuchs. Die Wirkung kann ich gar nicht hoch genug einschätzen. Eine breite ideelle Förderung wird die Studierenden mit aktuellen Fragen des Judentums vertraut machen. Das führt mich zur Entwicklung der jüdischen Erwachsenenbildung. Wo diese Teil der Gemeindeangebote sein kann, haben wir gute Erfahrungen gemacht: in München, aber auch in den größeren Gemeinden wie Frankfurt oder Berlin.
Es ist gelungen, die Gräben zuzuschütten
Was aber machen die Gemeinden, die hier weniger Möglichkeiten haben? Es ist mir ein besonderes Anliegen, die Idee einer Jüdischen Akademie für die überregionale Erwachsenenbildung konsequent voranzutreiben. Ich erhoffe und erwarte davon deutliche Akzente für die Stärkung eines jüdischen Bewusstseins bei unseren Gemeindemitgliedern.
Dafür müssen aber die professionellen Voraussetzungen geschaffen werden, damit ein für alle zugängliches Bildungsangebot entstehen kann. Basis für all diese Ansätze aber sind unsere Gemeinden als identitätsstiftende Orte. Und Gemeinden können nur funktionieren durch ein harmonisches und gedeihliches Miteinander von ehrenamtlichen und hauptamtlichen Kräften: Rabbiner, Kantoren, Gemeindemitarbeiter in Erziehung, Organisation und Kultus.
Es ist uns gelungen, die Gräben zuzuschütten zwischen den verschiedenen Strömungen des Judentums in Deutschland. Darüber bin ich sehr glücklich. Respekt und Anerkennung für die Leistungen eines jeden von uns sind die notwendige Basis, damit uns gelingt, was wir uns vorgenommen haben. Einigkeit und konstruktive Zusammenarbeit werden unser Schlüssel dafür sein, dass eine Renaissance des deutschen Judentums kein Wunschtraum bleibt.Hier setze ich weiter auf den guten Willen der Regierenden in unserem Lande. Für die Solidarität in der Vergangenheit und Gegenwart schulden wir der öffentlichen Hand unseren großen Dank, für die Zukunft brauchen wir dieses Wohlwollen und die Aufgeschlossenheit aus früheren Tagen. Gerade als Zeugin der Gräuel vergangener Naziherrschaft machen mich so schwere Aufgaben auch glücklich. Ich sehe in den Herausforderungen große Chancen. Sie geben mir die Kraft, dafür zu arbeiten, dass jüdisches Leben in unserem gebrochenen Land wieder gelingen kann.






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