Ypsilanti und Wagenknecht
Zwei Frauen ganz links und in Rache vereint
Andrea Ypsilanti, der Inbegriff der linken SPD, und Sahra Wagenknecht, Verkörperung des Kommunismus in der Linkspartei, haben erstaunliche Gemeinsamkeiten. Sie wähnen das politische System am Ende. In ihren Parteien haben beide Frauen einen schweren Stand. Nun haben sie sich in einem Varieté duelliert.
Von Thomas Vitzthum
Ein Zauberflötenhimmel goldener Sterne auf blauem Grund wölbt sich über grauen Häuptern. Auf unbequemen Stühlen harren einige hundert meist ältere Herrschaften im "Steintor-Varieté" in Halle der Ankunft der Königinnen der Nacht.
Zweifelsohne, in den Herzen Andrea Ypsilantis, der Allegorie der linken SPD, und Sahra Wagenknechts, der Verkörperung des Kommunismus in der Linkspartei, kocht der Hölle Rache: gegen ein System, das sie am Ende wähnen und gegen ihre Parteien, welche die beiden mit Schimpf und Schande überzogen haben.
Ypsilanti war nach ihrem gescheiterten rot-grünen Regierungsprojekt unter Tolerierung der Linken in Hessen für mehr als ein Jahr aus der Öffentlichkeit verschwunden. "Ich habe im letzten Jahr nicht mal an Fastnacht teilgenommen", sagt sie. "So tief konnte ich mich gar nicht ducken." In dieser Woche tauchte ihr Name wieder auf. Sie ist Mitgründerin eines Vereins namens "Institut Solidarische Moderne", der Politiker und Sympathisanten von SPD, Linken und Grünen versammelt.
Ypsilanti will einen neuen Politikentwurf entwickeln, eine Alternative zu allem "Neoliberalen". "Wir haben nach wenigen Tagen schon 600 Mitglieder. Das zeigt, dass wir einen Nerv treffen", sagt sie und träumt von einer breiten gesellschaftlichen Bewegung – und mithin davon, dass mehr von ihr bleibt als die sprichwörtliche Ypsilanti-Falle. "Diesmal werde ich wieder bei der Fastnachtssitzung dabei sein."
Sahra Wagenknecht fremdelt mit der Narretei. "Das ist eine schöne Tradition, die es ruhig geben soll", sagt gnädig die Ostdeutsche, die als Abgeordnete für den Landesverband der Linken Nordrhein-Westfalen im Bundestag sitzt. Wagenknecht steht kurz davor, endlich zu erreichen, was ihr in der PDS versagt blieb: der Aufstieg zur stellvertretenden Parteivorsitzenden. Vor zwei Wochen wurde sie für dieses Amt nominiert, im Mai wird ein Parteitag darüber abstimmen. Der Moderator, der Linken-Bundestagsabgeordnete Roland Claus, tut Wagenknecht im "Steintor-Varieté" den Gefallen, von ihr die Antworten einzufordern, mit denen sie brillieren kann.
So betet sie ihr Credo, welches da lautet: Verstaatlichung aller Banken, Verstaatlichung großer Unternehmen, Weg mit dem "barbarischen Repressionssystem Hartz?IV", 30-Stunden-Woche. Es gibt viel Beifall. "Hartz", sagt einer aus dem Publikum, "ist schlimmer als das, was im Dritten Reich war." Wagenknecht und Ypsilanti schlucken und verwahren sich gegen den nicht statthaften Vergleich. Die Hessin hadert aber auch mit dem, was sie von der Nachbarin hört.
Ypsilanti verzieht die Lippen und meldet dem Moderator, mit dem sie sich duzt, Einspruch. "Ich teile nicht alle Träume von Sahra Wagenknecht". Allenfalls Energie-Unternehmen will sie verstaatlichen, auch das Hartz-Mantra der Linken sieht sie kritisch. "Da muss erst eine Alternative her, bevor man sagen kann, Hartz muss weg". Begeisterung erntet sie dafür nicht. Was sie mit ihrem "Institut sozialistische Moderne" wolle, wird sie gefragt. Ypsilanti zuckt, heißt es doch nicht sozialistisch, sondern solidarisch.
Doch das Missverständnis löst sie später auf, zuvor schildert sie, wie das damals in den schlimmen Tagen war, in Hessen. Das Publikum fühlt mit, so fällt die Enttäuschung milde aus, als sie erklärt, dass ihr Institut sich nicht dem Sozialismus, sondern der Solidarität verpflichtet fühlt.
Während Ypsilanti spricht, sitzt Wagenknecht ungerührt da. Auf den Bildern, die Rentner mit Prinz-Heinrich-Mütze nach der Veranstaltung mit ihr knipsen werden, wird sie aussehen wie eine Figur aus Madame Tussauds Wachsfigurenkabinett. Wagenknecht ist das Denkmal ihrer Gesinnung. Dagegen zeigen Ypsilantis schnelle Bewegungen und ihr Strahlen, wie viel Energie in ihr steckt. Sie wirkt zufrieden. Die SPD hat sie aufrecht vertreten, ohne sich mit einer der radikalsten Linken zu überwerfen. Schade für’s Publikum. Gut für sie. Ypsilanti ist wieder da.
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