Sauerland-Ankläger
"Sie freuten sich auf einen Massenmord"
Bundesanwalt Volker Brinkmann hat den Angeklagten im Sauerland-Prozess eine erschreckende Menschenverachtung attestiert. Es habe große Gefahr gedroht, sagte der Ankläger, der ein Plädoyer auf die Nachrichtendienste hielt. Ihre Arbeit sei unverzichtbar, um solche Strukturen zu erkennen.
Von Kristian Frigelj
Seit rund zehn Monaten hatte Bundesanwalt Volker Brinkmann in die harmlosen Gesichter der vier Angeklagten geblickt. Doch Brinkmann zweifelte während der 57 Verhandlungstage keine Sekunde an der Gefährlichkeit der so genannten "Sauerland"-Terroristen, die ihm hinter dem Sicherheitsglas gegenüber saßen.
Der Bundesanwalt aus Karlsruhe hob die Niedertracht des Quartetts hervor, als er am gestrigen Mittwoch sein Plädoyer zum Abschluss des Prozesses vor dem Oberlandesgericht Düsseldorf (OLG) begann. Das Plädoyer wird am heutigen Donnerstag fortgesetzt. Dann werden die Ankläger bekannt geben, welche Haftstrafen sie fordern.
Die Angeklagten hätten sich an der Vorstellung erfreut, 150 Amerikaner zu töten. Dass es auch Frauen und Kinder hätte treffen können, "tat ihrer Freude auf einen Massenmord keinen Abbruch", sagte Brinkmann im Plädoyer.
Auf der anderen Seite hörten ihm Fritz Gelowicz, Adem Yilmaz, Daniel Schneider und Attila Selek regungslos zu. Die 24- bis 31-Jährigen haben umfassende Geständnisse abgelegt, so dass er der Prozess erheblich verkürzt wurde. Eine "geständige Einlassung" hat in der Rechtsprechung gemeinhin günstigere Auswirkungen auf das Strafmaß, weshalb Brinkmann erklärte, die Angeklagten wollten sich eine "Strafmilderung erkaufen".
"Selbst der härteste Gotteskrieger will nicht im Gefängnis sitzen und den heiligen Krieg an sich vorüberziehen lassen", sagte Brinkmann. Was wie Polemik klang, wurde durch weitere Einschätzungen weiter unterfüttert. Nach Ansicht des Bundesanwalts hätten die Angeklagten eine erschreckende Menschenverachtung offenbart. Sie hätten weder Reue gezeigt noch empfunden. "Emotionale Regungen sind ihnen fremd", sagte Brinkmann.
Das Mammutverfahren füllt 530 Aktenordner. Rund 2000 Asservate wurden sichergestellt, davon allein 800 Datenträger mit Unmengen an Informationen. Es gebe ein "erdrückendes Beweisergebnis insbesondere durch technische Aufzeichnungen", sagte Brinkmann und lobte die Überwachung bis zur Festnahme der Bombenbauer am 4. September 2007.
Rund 400 Beamte mehrerer Bundesländer waren im Einsatz gewesen. Die Gespräche der Terroristen im Auto und im Ferienhaus im sauerländischen Medebach-Oberschledorn wurden aufgezeichnet. Wer über solche Maßnahmen die Nase rümpfe, "der hat die Dimension des Krebsgeschwürs islamistischer Terrorismus nicht erkannt", sagte Brinkmann. Die Arbeit der Nachrichtendienste sei unverzichtbar geworden, um dschihadistische Strukturen zu erkennen.
Die Bedrohung durch islamistischen Terrorismus sei nicht fassbar und dadurch allgegenwärtig. "Es gibt bei der Wahl der Mittel keine Tabus mehr. Die Auswahl der Opfer wird beliebiger", betonte der Bundesanwalt. Die Islamische Dschihad Union (IJU), die das Quartett in einem Ausbildungslager im pakistanischen Waziristan angeworben hatte, wolle den "Heiligen Krieg" auch auf die Bundesrepublik ausweiten.
Der Ankläger beschrieb dann, wie ihm am 26. Juni 2007 ein observierender Beamter mitteilte, dass die Verdächtigen unterwegs seien, um drei Fässer Wasserstoffperoxid zu kaufen. "Diesen Tag werde ich nie vergessen", sagte Brinkmann. Mit dieser Menge hätte man eine Explosivkraft von mehr als 100 Kilo TNT erreichen können. Da wurde dem Bundesanwalt klar, dass die "Dimension der Gefahr einmalig war". Bei den verheerenden U-Bahn-Anschlägen in London 2005 seien nur wenige Kilo TNT eingesetzt worden.
Der Bundesanwalt sprach auch über die "religiöse Verblendung" der Angeklagten. "Sie haben dem Islam geschadet. Sie haben den Vorbehalten gegen die zweitgrößte Religionsgemeinschaft der Welt neue Nahrung gegeben", betonte er. In den nächsten Wochen haben die Verteidiger und die Angeklagten das Wort. Das Urteil wird am 4. März erwartet.
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