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Bankdaten-Streit

"Die Schweizer haben zu wenig Selbstvertrauen"

Der deutsche Werber Alexander Segert lebt seit vielen Jahren in der Alpenrepublik, ist sogar Mitglied der Schweizer Volkspartei. Im Interview mit Morgenpost Online bescheinigt er den Eidgenossen zu wenig Selbstvertrauen. Der Ankauf der gestohlenen Bankdaten befördere nun die Deutschland-Komplexe der Schweizer.

Lange bevor die Regierung in Berlin sich zum Kauf gestohlener Bankkundendaten entschloss, hat die rechtspopulistische Schweizerische Volkspartei die Deutschen ins Visier genommen. Mit einer Kampagne gegen den „Deutschen Filz“ will sie die Zürcher Gemeinderatswahlen gewinnen. Der Mann hinter den Inseraten stammt selbst aus Deutschland und hat schon mit zahlreichen Kampagnen für Empörung gesorgt, zuletzt mit einem Plakat, das für das Minarettverbot warb. Alexander Segert ist Geschäftsführer und Miteigentümer der Agentur Goal, die seit gut 30 Jahren für die SVP wirbt.

Morgenpost Online: Herr Segert, Sie kommen aus Hamburg und leben seit über 20 Jahren in der Schweiz. Wie geht es Ihren Landsleuten, seit sich die Bundesregierung entschlossen hat, gestohlene Schweizer Bankdaten zur Verfolgung von Steuersündern anzukaufen?

Alexander Segert: Auf die Deutschen, die hier leben, hat das meiner Meinung nicht so große Auswirkungen. Aber die Schweizer verstehen die Entscheidung nicht. Sie waren immer offen gegenüber den Deutschen, haben Arbeits- und Studienplätze zur Verfügung gestellt – und jetzt ernten sie dafür diese Drohgebärden.

Morgenpost Online: Haben Sie jemals Feindseligkeiten erlebt wie jene, von denen Deutsche schon zuvor berichtet haben – Unfreundlichkeiten in der Tram, aufgestochene Autoreifen, sogar Morddrohungen gab es.

Segert: Nein, nie, das sind wohl Extremsituationen. Schweizer fühlen sich höchstens veräppelt, wenn man als Deutscher überall ein -li dranhängt.

Morgenpost Online: Wenn sich Deutsche zurzeit in der Schweiz nicht besonders willkommen fühlen, machen sie also Ihrer Meinung etwas falsch?

Segert: Es gibt schon kulturelle Unterschiede. Deutsche wirken auf Schweizer oft sehr forsch, der Schweizer setzt lieber auf Understatement. Bestes Beispiel: In Deutschland würde ich sagen: Wir haben die letzte Abstimmungskampagne gewonnen. In der Schweiz sage ich: Wir durften die Abstimmungskampagne für unseren Kunden gestalten.

Morgenpost Online: Sie „dürfen“ gerade eine Kampagne für die SVP gegen „Deutschen Filz“ machen. Hatten Sie keine Bedenken?

Segert: Überhaupt nicht. Die Deutschen stellen die größte Ausländergruppe, Schweizer haben damit Mühe, fühlen sich unwohl in der Tram, im Gastgewerbe, in den Läden, weil Deutsche dominanter auftreten. Dass ich selbst Deutscher bin, macht die Sache pikant, in erster Linie ist es aber ein Sachproblem, das ich im Sinne des Kunden bestmöglich zu lösen versuche. Die SVP kennt nun mal keine Tabus und versucht, dem Volk aus der Seele zu sprechen, auch wenn das vielleicht politisch unkorrekt ist.

Morgenpost Online: Hat dieses Volk zurzeit einen Minderwertigkeitskomplex?

Segert: Nein, aber ich denke die Schweizer haben zu wenig Selbstbewusstsein. Wenn sie als Staat und als Marke überleben wollen, sollten sie die Stärken ihres Landes viel offensiver verteidigen, die direkte Demokratie, Freiheit, Unabhängigkeit, Selbständigkeit und Volkssouveränität. Aber UBS, Gadaffi und Steinbrück haben auch den stark ausgeprägten Widerstandsgeist des Schweizers geweckt.

Morgenpost Online: Hat äußerer Druck die Schweizer dazu gebracht, im Inneren den Druck auf Minderheiten zu erhöhen?

Segert: In der Schweiz gibt es vier Sprachen, drei Kulturen, und zwei ungefähr gleich starken Religionen. Ohne einen starken Minderheitenschutz würde die Schweiz als Staat gar nicht existieren. Das heißt aber nicht, dass Asylmissbrauch und Kriminaltourismus geduldet werden müssen.

Morgenpost Online: Wie weit würden Sie persönlich gehen – bis zu einem Plakat, das „Deutsche raus“ fordert?

Segert: „Deutsche raus“ wäre sehr, sehr plump, davon würde ich dem Kunden abraten.

Morgenpost Online: Prinzipielle Tabus kennen Sie nicht?

Segert: Doch, zwei: alles, was verboten ist und was keinen Erfolg bringt.

Morgenpost Online: Im Vergleich zur Aggressivität Ihres Anti-Minarett-Plakats wirken die Anzeigen gegen den angeblichen „Deutschen Filz“ fast zahm. Hat die Empörung, die Sie im Herbst ausgelöst haben, Wirkung gezeigt – oder fällt Ihnen der Angriff auf Muslime einfach leichter?

Segert: Wir treten jetzt keinesfalls moderater auf. Die Minarett-Initiative hat gezeigt, dass wir Mehrheiten bekommen, wenn es uns gelingt, die Sache auf den Punkt zu bringen. Und das kommt ja nicht so oft vor bei Volksabstimmungen. Seit 1848 sind erst 17 Volksinitiativen angenommen worden. Bei der Minarettinitiative hatte das Plakat einen großen Anteil am Erfolg. Es gibt Studien von Dritten, die den Werbewert der Berichterstattung über das Plakat auf 1,5 Millionen Franken beziffern. Das ist ein Vielfaches von unserem tatsächlichen Budget und hat uns darin bestätigt, dass kurze, knackige, emotionale Botschaften wichtig sind.

Morgenpost Online: Welche Botschaften wollten Sie mit dem Minarett-Plakat vermitteln?

Segert: Das Minarett-Plakat zeigt, dass die Schweiz bedroht ist, indem aus der Schweizer Fahne Minarette hervorschießen wie Pilze...

Morgenpost Online: ... oder Raketen ...

Segert: Erstaunlich, was alles in unsere Plakate hineininterpretiert wird. Mich hat die Minarettsymbolik eher an Gitterstäbe, Gefängnisstäbe erinnert. Das ist eine treffende Assoziation, da der Islam in seiner übersteigerten Form des Islamismus einengt, vor allem Frauen.

Morgenpost Online: Das UN-Menschenrechtskomitee nannte das Plakat „erschreckend“, die Eidgenössische Komission gegen Rassismus „diffamierend“. Lässt Sie das völlig kalt?

Segert: Man muss das im politischen Kontext sehen: Wir visualisieren die pointierten Forderungen der SVP, der politische Gegner läuft zum Richter, statt mit ebenso guten Visualisierungen oder Argumenten zu kontern. Aus Sicht der Kommunikation ist das toll, denn der Schweizer mag das nicht. Fremde Richter, fremde Vögte kennt er aus der Geschichte. Der politische Gegner tappt also immer wieder in die Falle, die ihm die SVP stellt.

Morgenpost Online: Die Sie ihm stellen. Sie wurden mehrfach angezeigt für Ihre Plakate.

Segert: Das ist das politische Spiel der Linken. Mittlerweile winken die Gerichte schon von vornherein ab, dass sie absolut keinen juristischen Handlungsbedarf sehen. Wie fadenscheinig die Klagen gegen mich und meine Agentur sind, zeigt sich auch daran, dass kein einziges Mal auch nur eine dieser Klagen stattgegeben wurde.

Morgenpost Online: Wo würden Sie sich selbst politisch verorten?

Segert: Ich bin Mitglied der SVP, woran Sie übrigens sehen, wie offen die SVP gegenüber Ausländern ist. Warum? Weil ich nicht will dass sich in der Schweiz deutsche Zustände breit machen. Deutschland wird meiner Meinung nach politisch und wirtschaftlich an die Wand gefahren. Dass wir so viele Deutsche in der Schweiz haben, zeigt ja wie sehr die Leute die Nase voll von der steuerlichen Belastung und den EU-Diktaten haben.

Morgenpost Online: Schweizer Historiker bezeichnen Sie als Bindeglied zwischen den eher im intellektuellen oder kulturellen Bereich agierenden Neuen Rechten und den rechtspopulistischen Politikern.

Segert: Ich betrachte mich eher als Bindeglied zwischen Werbung und Politik, unabhängig von der Ausrichtung.

Morgenpost Online: Bevor Sie zur Agentur Goal kamen, die schon seit gut 30 Jahren für die SVP wirbt, haben Sie Anfang der Neunziger unter anderem für die rechtsnationale „Schweizerzeit“ geschrieben und gegen Schwule, Abtreibung und den Islam gewettert. Entspricht das immer noch ihrem Weltbild?

Segert: Freude an pointierten Formulierungen habe ich heute mehr denn je. Aber ich nehme auch in Kauf, dass sie nicht immer allen passen. Außerdem gibt es immer zwei Ebenen. Ich mache vielleicht eine Kampagne gegen „Deutschen Filz“, aber persönlich habe ich natürlich nichts gegen Deutsche. Ich bin ja selber einer – und habe viele deutsche Freunde, mit denen ich mich nach wie vor gut verstehe.

Morgenpost Online: Wie halten Sie es mit dem Islam?

Segert: Der Islam ist meiner Meinung nach wirklich eine unterschätzte Bedrohung. Wir vergessen auf unsere Wurzeln. Europa hat schwer gekämpft, um sich über die Aufklärung von der Dominanz der Religion zu befreien. Wir geben dieses Erbe jetzt leichtfertig preis, in der Meinung, man müsse gutmütig oder tolerant sein. Ich würde für einen Wettstreit der Religionen plädieren.

Morgenpost Online: In diesem Wettbewerb haben die Schweizer Muslime jetzt einen Nachteil, sie dürfen keine Minarette bauen. Hätten Sie etwa gegen ein Minarett-Verbot gestimmt?

Segert: Nein, weil es mir nicht um Minarette gegangen wäre. Die stören in der Schweiz kaum jemand. Es ging um die Gefahren, die vom radikalen Islam ausgehen und gegen die die Regierung nichts unternimmt. Es ging darum zu verhindern, dass die eigenen Werte zugunsten eines falsch verstandenen Toleranzgedankens aufgegeben werden.



Erschienen am 03.02.2010

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