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31.01.10

Verbot an US-Schulen

Amerikaner finden Anne Franks Tagebuch obszön

Das Tagebuch der Anne Frank darf an Schulen in einem US-Bezirk nur noch in zensierter Form gelesen werden. Eltern hatten sich beschwert, dass das jüdische Mädchen in dem historischen Werk aus dem Zweiten Weltkrieg seine Vagina thematisiert. Das Verbot hat eine hitzige Debatte in den USA ausgelöst.

© dpa
Das Tagebuch der Anne Frank darf an Schulen in einem US-Bezirk nur noch in zensierter Form gelesen werden.

Das "Tagebuch der Anne Frank" wird in den Vereinigten Staaten viel gekauft und gelesen. Bereits Schülern ist das 13-jährige jüdische Mädchen ein Begriff, das sich mit seiner Familie während des Zweiten Weltkriegs vor den nationalsozialistischen Besatzern in einem Amsterdamer Hinterhaus versteckte und schließlich doch im Konzentrationslager Bergen-Belsen sterben musste.

An der Mittelschule von Culpeper im Bundesstaat Virginia darf die Originalversion dieses erschütternden Dokuments der Zeitgeschichte hingegen nicht mehr gelesen werden. Die Eltern eines Schülers hatten sich beschwert, weil Anne Frank in ihrem Tagebuch "anstößige" Inhalte behandelt.

Das pubertierende Mädchen beschäftigte sich in einer Passage mit seiner Vagina. Die Leitung der öffentlichen Schule zog daraufhin die Originalversion des für 12- bis 13-jährige Achtklässler vorgesehenen Buches aus dem Verkehr. Das Tagebuch wird von den Schülern nun in der erstmals 1946 erschienenen und von Annes Vater Otto Frank überarbeiteten Fassung gelesen.

Die Verfügung der Schulverwaltung hat in dem rund 70 Meilen südwestlich der Hauptstadt Washington D.C. gelegenen Distrikt eine hitzige Debatte ausgelöst. In örtlichen Internetforen fällt der Begriff "Zensur". Ein empörter Leser fragt: "Denken Sie etwa, die Mädchen der achten Klassen schreiben in ihren Tagebüchern nicht über ihre Körper? Begreifen Sie nicht, dass dies eine wunderbare Gelegenheit für unsere Kinder ist zu sehen, dass die etwas gemeinsam haben mit Anne Frank?"

Namens der Schulleitung verteidigte Superintendent Bobbi Johnson die Entscheidung: "Der Kern der Geschichte, der Kampf eines jungen Mädchens gegen schreckliche Grausamkeiten, geht nicht verloren, weil ein paar Seiten überarbeitet wurden, die die jugendliche Wahrnehmung intimer Themen beinhalten."

In der inkriminierten Passage schreibt Anne: "Wenn ich auf dem WC bin, schaue ich manchmal nach, und dann sehe ich ganz genau, dass der Urin aus einem Loch in der Vagina kommt, aber oben ist noch ein Ding, da ist auch ein Loch drin, aber ich weiß nicht, wozu das dient."

Diese Eigenbeobachtung fehlte lange Zeit in allen Ausgaben und Übersetzungen des Tagebuchs, das Annes Vater überarbeitet und um sensible Inhalte verkürzt hatte. Die Familie war 1944 in ihrem Hinterhausversteck aufgespürt und nach Auschwitz verschleppt worden. Von dort wurde Anne ins Konzentrationslager Bergen-Belsen transportiert, wo sie im Frühjahr 1945, wenige Wochen vor Kriegsende, an Typhus starb.

Aus dem Manuskript, von dem seine hochintelligente und literarisch ambitionierte Tochter bereits im Versteck Abschriften und Überarbeitungen verfasst hatte, strich Otto Frank allzu private Passagen. Dazu gehören ausgesprochen feindselige Ausfälligkeiten des Teenagers gegen seine Mutter. In der deutschen Ausgabe, erstmals 1950 erschienen, hatte die Übersetzerin Anneliese Schütz weitere Manipulationen vorgenommen.

Annes Aussage: "Es gibt keine größere Feindschaft auf dieser Welt als zwischen Deutschen und Juden", schwächte sie ab zu: "Eine größere Feindschaft als zwischen diesen Deutschen und den Juden gibt es nicht auf der Welt!" Otto Frank befürwortete die Änderung. Trotz des schrecklichen Schicksals seiner Tochter war ihm an einer Aussöhnung mit den Deutschen gelegen.

Erst 1986 publizierte das Niederländische Staatliche Institut für Kriegsdokumentation die textkritische Ausgabe des Originaltagebuchs. Nur 47 Zeilen, in denen Anna ein "äußerst unfreundliches und teilweise unrichtiges Bild der Ehe ihrer Eltern" zeichnete, blieben auf Wunsch der Familie zensiert. In Culpeper kommen jetzt, mit Rücksicht auf puritanische Empfindlichkeiten mancher Eltern, weitere Passagen hinzu.

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