Dokumentation im Internet
Axel Springer öffnet Medienarchiv zu 1968
Sonntag, 17. Januar 2010 10:29 - Von Sven Felix KellerhoffBislang war es praktisch unmöglich, einen vollständigen Überblick über die Berichterstattung der Springer-Zeitungen 1967/68 zu bekommen. Ab heute dokumentiert der Verlag im Internet seine viel kritisierte Berichterstattung über die Studentenbewegung.
Anfang November 1967 hatte Hans-Joachim Stenzel, der Karikaturist der Berliner Morgenpost, eine Idee. Zu dieser Zeit kam in West-Berlin und auch in der westdeutschen Presse die Forderung nach einer Enteignung Axel Springers auf. Linke Gruppen und konkurrierende Pressehäuser befeuerten diese Diskussion, die sich angeblich gegen undemokratischen Einfluss des Verlegers richtete, tatsächlich eher einen politisch unbequemen, aber erfolgreichen Wettbewerber unter Druck setzen sollte.
Stenzel, bekannt für seinen schonungslosen Humor, fragte sich angesichts dieser Diskussion, wen man noch so alles „enteignen“ könnte. Daraufhin zeichnete er ein Dutzend ungepflegte Gestalten, die Plakate mit Enteignungsforderungen gegen bekannte Namen der Studentenbewegung und des linken Establishments hochhielten.
Hätte es Stenzel dabei belassen, man hätte gegen diese Zuspitzung kaum etwas haben können. In vier Details allerdings überschritt er eindeutig die Grenze nicht nur des guten Geschmacks, sondern auch des journalistischen Anstandes, dem auch ein Karikaturist verpflichtet ist: Er schrieb den Namen des Schriftstellers Günter Grass mit SS-Runen (39 Jahre vor dem Geständnis des Literaturnobelpreisträgers, als Jugendlicher in der Waffen-SS gedient zu haben), ebenso wie den Namen des als Affen dargestellten Kabarettisten Wolfgang Neuss.
Den „Spiegel“-Verleger Rudolf Augstein zeichnete Stenzel als Gartenzwerg. Unter der Karikatur stand ein knapper Halbsatz: „... so haben wir auch einmal angefangen! A.H.“ Mit diesem Hitler-Zitat setzte Stenzel die Studentenbewegung mit der NSDAP gleich – ein kalkulierter Affront. Die Karikatur erschien am 5. November 1967.
Eine Kampagne gegen Dutschke?
Seit mehr als vierzig Jahren gilt in der deutschen Öffentlichkeit als sichere Gewissheit, die Berliner Morgenpost wie auch andere Zeitungen des Verlages Axel Springer hätten eine „Kampagne“ gegen die Studentenbewegung betrieben und gegen den SDS-Sprecher Rudi Dutschke „Pogromhetze“ betrieben. In den zahlreichen Veröffentlichungen dazu taucht Stenzels Karikatur nie auf; die Gegner des Verlages hatten sie schlicht übersehen.
Erst jetzt wird diese Entgleisung öffentlich dokumentiert – und zwar vom Verlag Axel Springer selbst. Denn heute wird das mit großem Aufwand erstellte Medienarchiv '68 im Internet freigeschaltet (Das Archiv im Internet: www.axelspringer.de/medienarchiv68) Seit vergangenem Sommer hat eine Arbeitsgruppe um Rainer Laabs, Leiter des Unternehmensarchivs, systematisch mit „Bild“, „BZ“, „Welt“, „Welt am Sonntag“, „Bild am Sonntag“, dem „Hamburger Abendblatt“ und natürlich der Morgenpost die wichtigsten Zeitungen zwischen Dezember 1966 und Dezember 1968 durchgesehen und alle Artikel, die sich im weiteren Sinne mit der Studentenbewegung beschäftigen, dokumentiert.
Als Online-Datenbank sind die Ergebnisse dieser Forschungen nun für jeden frei zugänglich, einschließlich umfangreicher Suchmöglichkeiten und aller dokumentierten Artikel im Kontext auf den Originalseiten im universellen PDF-Format. Das Archiv ermöglicht bemerkenswerte Erkenntnisse. Einerseits sind nicht nur Artikel und Karikaturen dokumentiert, die oft vorwurfsvoll als Belege für den Vorwurf der „Hetze“ angeführt werden. Auch bislang unbeachtete Beispiele wie Stenzels Zeichnung sind zu finden.
Kleiner Anteil am Gesamtumfang
Andererseits zeigt sich bei der Durchsicht der 5655 Dokumente aus den sieben Zeitungen, darunter etwa ein Viertel aus der Morgenpost, dass es zwar eine dreistellige Anzahl von Beiträgen gab, die inhaltlich inakzeptabel war. Dieser Artikel wegen schreibt Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender der Axel Springer AG, in seinem Editorial zur Datenbank: „Dazu gehört ausdrücklich auch die neuerliche Entschuldigung für die journalistischen Fehler, die unser Haus damals gemacht hat.“ Doch ebenso wichtig ist es festzustellen, was an dem geläufigen Vorwurf zutrifft, die Zeitungen des Verlages hätten gegen den SDS „gehetzt“. Hierzu bietet die Datenbank interessante Einsichten.
Zunächst ist die Zahl von 5655 einzelnen Dokumenten zwar relativ hoch. Sie macht aber doch in der Berichterstattung von sieben Zeitungen während 25 Monaten nur einen Anteil im unteren Promillebereich aus. Eine „Kampagne“ sieht anders aus.
Tatsächlich gab es Häufungen von Berichten, Kommentaren und auch mitunter scharfen Karikaturen – allerdings fast ausnahmslos zu Anlässen, die von den wenigen Hundert Aktivisten in West-Berlin selbst gesetzt worden waren.
Zum Beispiel bei der meist verharmlosend „Pudding-Attentat“ genannten geplanten Rauchbombenattacke auf den damaligen US-Vizepräsident Hubert Humphrey Anfang April 1967. Damals berichtete die Morgenpost, gestützt auf den Polizeibericht, spitzte aber allzu sehr zu: „FU-Studenten fertigten Bomben mit Sprengstoff aus Peking.“ Als einen Tag später bekannt wurde, dass die Täter „nur“ Rauchkörper gebastelt hatten, vermeldete die Morgenpost das sachlich.
Gegen die „aggressive Clique“
Vize-Chefredakteur Johannes Otto schrieb im Leitartikel aber auch auf, was er von solchen Aktionen hielt: Es könne zum „unerwünschten Selbstmord“ führen, „wenn man permanent übersehen will, dass eine aggressive Clique eine sich demokratisch verhaltende Mehrheit fortgesetzt tyrannisiert“.
Weitere Schwerpunkte waren die Vorgänge rund um den Staatsbesuch des Schahs von Persien Anfang Juni 1967, die Auseinandersetzungen um ein sogenanntes Springer-Tribunal im Februar 1968 und die Attacken auf Druckereien und Redaktionen des Verlages Axel Springer nach dem Attentat auf Rudi Dutschke zu Ostern 1968.
Doch für die Wahrnehmung einer „Aufhetzung“ der Bevölkerung durch Morgenpost und die anderen Zeitungen des Verlages Axel Springer enthält die Datenbank keine Belege. Im Gegenteil verurteilte die Morgenpost etwa nach der Großdemonstration von 80.000 West-Berlinern gegen SDS und „Außerparlamentarische Opposition“ am 21. Februar 1968 das „bedauerliche gewalttätige Verhalten einiger Demonstranten“ – unter anderem hatten wütende Bürger einen Dutschke ähnlich sehenden Mann verfolgt und ihm Prügel angedroht.
Aufrufe zur Selbstjustiz, wie seither den Zeitungen des Verlages Axel Springer oft unterstellt, sind unter den dokumentierten Artikeln nicht zu finden. Nur durch mutwillige Verkürzung kann dieser Eindruck hervorgerufen werden.
Die Datenbank wird ergänzt durch 233 ausgewählte Artikel aus dem „Tagesspiegel“ und dem sozialdemokratischen „Telegraf“, den beiden wichtigsten Konkurrenten der Morgenpost auf dem West-Berliner Markt. Hier wird deutlich, dass negative Bewertungen der SDS-Aktivisten oder Kommunarden wie „FU-Chinesen“, „exaltierte Halbstarke“, „Dutschkisten“, „politische Dummköpfe“ oder „Maoisten“ – Beispiele aus Kommentaren der beiden Blätter – sich keineswegs auf Zeitungen aus dem Verlag Axel Springer beschränkten. Die Feststellung „Das Maß ist voll“ über die „radikalen Studenten“, gemeint waren Dutschke und Fritz Teufel, stand im „Telegraf“. Aggressive Leserbriefe gab es keineswegs nur in der Morgenpost, sondern ebenso im „Tagesspiegel“.
„Wir bezogen alles auf uns“
Ohnehin belegt das bewusst unkommentierte Medienarchiv '68 eine Vermutung, die Sachkenner bisher schon hatten: Die Wahrnehmung der vermeintlichen Kampagne beruhte auf Ausrissen aus den Zeitungen. Nur so konnte der Eindruck entstehen, der Verlag Axel Springer kümmere sich vorrangig um die selbst ernannten Revolutionäre. Unfreiwillig entlarvend heißt es in den Memoiren des damaligen Kommunarden Ulrich Enzensberger: „Obwohl wir uns aus dem SDS, aus der Öffentlichkeit zurückzogen, nahmen wir die Weltereignisse fast übertrieben deutlich wahr. Wir bezogen alles auf uns.“
So erklärt sich, wie es zur Vorstellung der „hetzerischen Springer-Presse“ kommen konnte. Das ändert zwar nichts daran, dass die Zeitungen des Verlages journalistische Fehler begangen haben. Allerdings sieht das ganze Bild der Berichterstattung nicht nur der Morgenpost und der „Welt“, sondern auch der Boulevardzeitungen „Bild“ und „BZ“ bei Weitem differenzierter aus, als Veteranen es heute darstellen. Das dokumentiert das Medienarchiv '68.
Das Archiv im Internet: www.axelspringer.de/medienarchiv68















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