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24.11.09

Verkürzungspläne

Generalinspekteur will ganz neuen Wehrdienst

Die Bundesregierung will den Wehrdienst auf sechs Monate verkürzen. So mancher Rekrut kann sich nicht vorstellen, wie das funktionieren soll. Auch der Generalinspekteur der Bundeswehr, Schneiderhan, hat seine Zweifel. Er fordert für den Fall der Verkürzung eine Neustrukturierung des Dienstes.

© dpa
Wie geht es weiter mit dem Wehrdienst? Rekruten auf dem Gelände der Knüll Kaserne in Schwarzenborn
Wie geht es weiter mit dem Wehrdienst? Rekruten auf dem Gelände der Knüll Kaserne in Schwarzenborn

"Abteilung - halt!" "Stillgestanden!" "Heißt Flagge!" Mit gleichmäßigen Bewegungen zieht Robert S. (20) an der Leine, langsam schiebt sich der schwarz-rot-goldene Stoff am Mast nach oben. Mindestens zehnmal hat der 20-Jährige diese Zeremonie an diesem Morgen schon beobachtet. Jedes Mal stand er stramm in der Gruppe, den Blick geradeaus, zum Offizier, der auch jetzt die Kommandos gibt. "Rührt euch!"

Am 22. Tag seiner Grundausbildung im Lazarettregiment 31 in Berlin-Kladow steht heute die Flaggenparade auf dem Stundenplan. Eines von vielen täglichen Ritualen im Leben eines Wehrdienstleistenden. Gut 230 Tage hat Robert S. noch vor sich. Keinen davon möchte er missen. "Für mich ist das hier ein neuer Lebensabschnitt", sagt er. "Etwas mitnehmen" will er von der Bundeswehr. "Dafür wären mir sechs Monate zu kurz."

Rekrut S. bleibt noch neun Monate beim Bund. Ihn betrifft er also nicht, der Plan der neuen Regierung, Anfang 2011 die Wehrpflicht um drei Monate zu reduzieren. Was genau sich dann ändern wird, das weiß hier in Kladow noch niemand. Auch Kompaniechef Wolfgang Bender kennt nur den entsprechenden Absatz aus dem Koalitionsvertrag. Doch spätestens in einem Jahr muss er wissen: "Was sollen meine Rekruten überhaupt noch können, wenn sie nach sechs Monaten die Bundeswehr als Reservisten verlassen?"

Kritiker der Wehrdienst-Kürzung sprechen schon von einem "Praktikum im Tarnanzug", das nur ein "Schnuppern an der Waffe" erlaube. Hinter vorgehaltener Hand geben auch Truppenangehörige zu, dass es Probleme geben könnte mit lauter "angebrüteten" Leuten, gerade in technischen Bereichen, bei der Luftwaffe oder in der Marine.

"Was können wir in sechs Monaten erreichen?"

Ähnliche Klagen hat es in den vergangenen Jahren immer wieder gegeben. Seit 1956 ist die ehemals 18 Monate dauernde Wehrpflicht schrittweise reduziert worden. Immer haben Soldaten gestöhnt - immer hat es doch irgendwie funktioniert. Doch nun steht die Bundeswehr offensichtlich vor einer echten Radikalkur. "Es ist jetzt erforderlich, die Dienstzeit gut und nutzbringend zu gestalten und für die einzuberufenden jungen Männer nachvollziehbar militärisch zu begründen", sagt Generalinspekteur Wolfgang Schneiderhan.

Es werde sicher nicht reichen, vom jetzigen Wehrdienst einfach drei Monate herauszustreichen und so weiterzumachen wie bisher. Die Kernfrage laute: "Was können wir in sechs Monaten erreichen, und zu welchem Zwecke bilden wir die Grundwehrdienstleistenden aus?", so Schneiderhan. "Danach richten sich dann Aufbau, Inhalt und Organisation des Grundwehrdienstes."

Außer der Flaggenparade wird Rekrut Robert S. in den kommenden Wochen noch die wichtigsten Dinge lernen, die jeder in der 250.000 Mann starken Truppe beherrschen muss: Wie grüße ich welche Vorgesetzte, wie setze ich ein Gewehr zusammen, wie reinige ich es? Besteht er nach drei Monaten die Rekrutenprüfung, wechselt er als Gefreiter in ein regionales Sanitätszentrum.

Sechs Wochen lang wird er zunächst auf seinen neuen Job - die weitere Verwendung - vorbereitet. Danach kann er im Sanitätsdienst wichtige Hilfe leisten. Wäre Robert S. insgesamt nur sechs Monate beim Bund, blieben ihm abzüglich Urlaub keine zwei Monate auf dem neuen Posten. In dem Fall hätte die Bundeswehr jemanden für viel Geld ausgebildet, der ihr anschließend kaum noch dient.

Am Kasernentor das Gewehr in der Hand

Dennoch wird in einzelnen Bereichen der Vorwurf laut, nach dem Strammstehen folge das Rumsitzen. So berichtet etwa Reinhold Robbe (SPD), der Wehrdienstbeauftragte des Bundestags, dass sich junge Rekruten oft über "reinen Gammeldienst" in den letzten sechs Monaten beklagten. Ob sich die jungen Männer aber tatsächlich als Statisten der Truppe fühlen, scheint darauf anzukommen, wie sehr sie ihren Fähigkeiten entsprechend eingesetzt werden. Stefan Sch. (20) etwa langweilt sich bei Weitem nicht in seiner Stammeinheit.

Nach der Grundausbildung ist der Abiturient vor drei Monaten in die Julius-Leber-Kaserne versetzt worden, im Standortkommando Berlin arbeitet er nun im Geschäftszimmer des Kompaniefeldwebels. Schon kurz nach seinem Dienstantritt hat sich der Abiturient entschieden, ein sogenannter FWDL zu werden, ein freiwillig Wehrdienst Leistender. "Weil ich der Meinung bin, dass ich an meinem Platz länger gebraucht werde", sagt er. Würde Stefan Sch. die Bundeswehr schon nach einem halben Jahr verlassen, wäre das in zwei Wochen so weit. "So lange hätte ich dann noch Zeit, um meinen Nachfolger einzuarbeiten - obwohl ich selbst immer noch Fragen habe." 23 Monate bleibt er nun im Sekretariat. "So kann man die Arbeit viel effizienter ausrichten."

Im Zuge der Diskussion über Wehrdienstverkürzung stellen manche aber die Frage: Muss ein Soldat, der später bloß in der Schreibstube sitzt, überhaupt noch den Umgang mit Waffen erlernen? Für Stefan Sch. ist das schon wichtig. Alle zwei Wochen wird er nämlich auch zur Wache eingeteilt. Und am Kasernentor hat er dann eben ein Gewehr in der Hand.

"Wehrpflicht ist unverändert notwendig"

Weil aber mittlerweile die größten Herausforderungen im Ausland warten und dort ohnehin keine normalen Wehrdienstleistenden eingesetzt werden dürfen, sprechen sich immer mehr Politiker dafür aus, die Truppe zur reinen Berufsarmee zu machen. Denn Deutschland sei heute längst nicht mehr so bedroht wie zu Zeiten der Ost-West-Konfrontation. Dem hält die Bundeswehr entgegen, dass sie in der Wehrdienstzeit rund 40 Prozent ihrer dauerhaften Kräfte gewinnt.

Auch die FDP hätte gern eine Freiwilligenarmee eingeführt, wie es mittlerweile 23 von 28 Nato-Staaten getan haben. Die Union aber steht zur Wehrpflicht. Von der Verkürzung erhofft sie sich nun einen "größeren Durchlauf" und damit mehr Wehrgerechtigkeit. Im Koalitionsvertrag haben sich die Regierungspartner deswegen auf einen Mittelweg geeinigt - den viele als Einstieg in den Ausstieg deuten.

Anders General Schneiderhan: "Neben gesellschaftlichen, politischen und historischen Gründen halte ich die Wehrpflicht unverändert für militärisch notwendig." Es sei wichtig, den jungen Menschen zu vermitteln, dass der Wehrdienst kein Relikt des Kalten Krieges sei.

Während Experten munter über die "Wehrpflicht light" streiten, setzt Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) nun eine Kommission ein, die bis Ende 2010 Vorschläge für neue Organisationsstrukturen machen soll. "Ich beneide niemanden, der das planen muss", sagt Hans-Peter von Kirchbach, von 1999 bis 2000 Generalinspekteur der Bundeswehr. Sein Kommentar zur kürzeren Wehrpflicht fällt relativ gelassen aus. "Das ist keine Katastrophe", sagt von Kirchbach, "aber es verändert den Charakter der Wehrpflicht."

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