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21.11.09

Trauer nach Winnenden

"Verbale Gewalt kann im Amoklauf enden"

Bei dem Amoklauf von Winnenden hat Tim K. im März mit einer Waffe seines Vaters 16 Menschen getötet. Die Hinterbliebenen der Opfer kämpfen seitdem gegen das Vergessen und haben eine Stiftung gegründet. Eine von ihnen ist Gisela Mayer. Mit Morgenpost Online spricht sie darüber, ob Mitleid mit dem Täter möglich ist.

dapd/DAPD

Die Autogeisel des Amokschützen sagte aus, Tim K. habe nach den tödlichen Schüssen "zufrieden" auf ihn gewirkt.

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Morgenpost Online: Frau Mayer, Sie gehören zu den Gründern der "Stiftung gegen Gewalt an Schulen" und sind Mutter eines Opfers des Amoklaufs von Winnenden. Warum werden Sie bundesweit aktiv?

Gisela Mayer: Ein Amoklauf ist kein Naturereignis. Ein Mensch hat gemordet. Auch er ist nicht ganz allein daran schuld.

Morgenpost Online: Lassen sich Amokläufe überhaupt verhindern?

Mayer: Einen hundertprozentigen Schutz davor gibt es nicht. Dennoch kann man etwas dagegen tun.

Morgenpost Online: Wie soll die hoch gesicherte Musterschule aussehen, die Ihre Stiftung einrichten will?

Mayer: Unsere Musterschule bekommt ein Alarmsystem, das sich deutlich vom Feueralarm unterscheidet. Im Klassenzimmer wird es einen Alarmknopf geben, den der Lehrer im Notfall drücken kann. Zudem überlegen wir, eine Zentralverriegelung für die Türen einzubauen. Die Musterschule wird aber auf gar keinen Fall ein Gefängnis oder Hochsicherheitstrakt. Es geht nicht nur um Technik. Die Schule muss ein Wohlfühlraum sein. Wir wollen ein musterhaftes Vertrauensverhältnis zwischen Lehrern und Schülern sowie den Schülern untereinander schaffen.

Morgenpost Online: In den USA gehören Sicherheitskontrollen zum Standard. Können Metalldetektoren, Videoüberwachung oder Telefone im Klassenzimmer Schüler und Lehrer wirklich schützen?

Mayer: Definitiv nicht. Es muss mehr Absicherungen für den Notfall geben, aber mit Augenmaß. In den USA waren überzogene Sicherungsmaßnahmen ziemlich erfolglos. Es ist das falsche Signal an die Kinder, sie in den Schulen einzusperren. Dadurch eine entsteht eine schlechte Atmosphäre.

Morgenpost Online: Männlich, Waffen, auffällig unauffällig, psychische Erkrankung, Videospiel – das gibt es in der Jugendkultur millionenfach ohne finalen Gewaltausbruch. Wie können Vorwarnzeichen erkannt werden?

Mayer: Dafür liegen wissenschaftliche Konzepte vor. Die Lehrer müssen aber geschult werden, um dieses Wissen auch anwenden zu können. Nur so können sie erkennen, wann ein Schüler wirklich auffällig wird. Alle späteren Amokläufer haben vor ihren Taten entsprechende Signale gesendet. Die Pädagogen sind aber keine Amokfachleute. Außerdem stehen die Lehrer meist großen Klassen gegenüber und sind oft überfordert. Ihnen ist jedenfalls nicht bekannt, auf was sie achten müssen. Das will unsere Stiftung ändern – durch Schulungen und Anlaufstellen für Lehrer. Beide Seiten, Lehrer und Schüler, sind hilfebedürftig.

Morgenpost Online: Die Täter haben oft viele Stunden allein mit Gewaltspielen am Bildschirm verbracht. Sollten Eltern verpflichtet werden, auf den Medienkonsum ihrer Kinder zu achten?

Mayer: Das ist eine der wesentlichen Forderungen von uns. Gewaltverherrlichende Computerspiele sind für labile junge Menschen sehr gefährlich. Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass die Wahrscheinlichkeit, gewalttätig zu werden, enorm zu zunimmt, wenn sich solche Jugendliche über einen langen Zeitraum damit beschäftigen. Hier sind vor allem die Eltern gefordert.

Morgenpost Online: Verlangen Sie ein Verbot gewaltverherrlichender Spiele?

Mayer: Immer dann, wenn die Ausübung von Gewalt sichtbar und belohnt wird, muss der Zugang für Jugendliche verboten werden.

Morgenpost Online: Wie können Schüler die Fähigkeit zum Mitfühlen mit anderen Menschen erlernen, die Amokläufer verloren oder nie gehabt haben?

Mayer: Eigentlich sollte das jeder Mensch in seiner Familie lernen. Doch dies ist heutzutage nicht mehr überall der Fall. Auch in den Kindergärten und Schulen prägt sich das menschliche Miteinander ein. Hier komme ich auf die Gewaltspiele am Computer zurück: Viele Jugendliche verbringen mehr Zeit mit einer Maschine als mit ihren Mitmenschen. So erlernt man kein menschliches Verhalten. Es ist ein Irrtum, dass Empathie angeboren ist.

Morgenpost Online: Welche Rolle spielt Mobbing im Klassenzimmer?

Mayer: Mobbing ist der Anfang der Gewalt. Ihr Ausbruch am Ende, der Amoklauf, ist die Spitze einer Pyramide. Vorher passiert oft Mobbing als der verbale Ausdruck hoher Aggression, die mutwillig tief verletzend wirkt und den Mitmenschen verachtet. Verbale Gewalt ist eben auch Gewalt, die in einem Amoklauf enden kann.

Morgenpost Online: Es gibt zu wenig Schulpsychologen. Auf einen von ihnen kommen in Deutschland rund 16?000 Schüler. Wie lässt sich das ändern?

Mayer: Unter den bestehenden Verhältnissen ist die Arbeit von Schulpsychologen völlig aussichtslos. Sie sehen ein Kind vielleicht zehn Minuten und sollen dann ein Urteil abgeben. Wir fordern, dass die Bildungsministerien der Länder mehr Psychologen einstellen. Sie sind wichtiger als manche andere Dinge. Man braucht dafür nicht mehr Geld, man muss nur umschichten.

Morgenpost Online: Das Phänomen der School Shootings ist in Deutschland eine neue Erscheinung. Erfurt 2002, Emsdetten 2006, Winnenden 2009 – welche Parallelen sehen Sie?

Mayer: Die Täter wurden jeweils ausgegrenzt, sie verloren sich in ?einer virtuellen Welt, und die ?Umwelt bemerkte nicht, was sich innerlich bei ihnen abspielt. Ein Teil der Wissenschaft sagt deshalb die Zunahme von School Shootings voraus. Der nächste Amoklauf kommt also bestimmt.

Morgenpost Online: "Wir sollten uns eingestehen: Wir verstehen diese Tat nicht", hat der frühere Bundespräsident Johannes Rau 2002 in seiner Gedenkrede für die 16 Opfer in Erfurt gesagt. Verstehen Sie die Taten?

Mayer: Wir versuchen zu verstehen, was die Täter bewegt. Es ist ein multikausales Geschehen. Ebenso vielfältig wie Ursachen müssen unsere Gegenmaßnahmen sein. Aber auch ebenso entschlossen. Ein schicksalhaftes Hinnehmen ist die falsche Antwort.

Morgenpost Online: Können Sie Mitleid mit dem Amokläufer von Winnenden empfinden?

Mayer: Sein Amoklauf war im März. Mitleid mit ihm zu empfinden ist für mich gegenwärtig noch sehr schwierig. Wir Eltern der Opfer werden auch immer wieder gefragt, ob wir Mitleid mit den Eltern von Tim K. haben. Ich sage: Immer weniger. Denn dies wäre abhängig von deren Verhalten. Seine Eltern haben sich uns gegenüber lediglich in einem recht nichtssagenden Schreiben geäußert. Wir haben eine persönliche Begegnung erwartet. Sie hätten sich als verantwortungsbewusste Eltern zeigen müssen. Bisher verstecken sie sich.

Morgenpost Online: Der Täter entwendete die Waffe aus dem elterlichen Schlafzimmer. Muss sein Vater für den sorglosen Umgang bestraft werden?

Mayer: Das steht außer Frage. Der Vater hat fahrlässig gehandelt, zumal er wusste, dass sein Sohn eine labile Persönlichkeit war. Eltern sind gehalten, auch Medikamente wegzuschließen. Da kann man nicht eine Waffe herumliegen lassen. Die Lehre ist: Waffen und Munition sollten getrennt voneinander aufbewahrt werden. Wir führen hierüber mit den Schützenvereinen intensive Gespräche.

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