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19.11.09

Werte-Studie

Junge Türken sind konservativer als ihre Eltern

Deutschland hat bei hier lebenden Türken einen guten Ruf, aber richtig heimisch fühlen sich viele Deutschtürken nicht. Obwohl sie formell gut integriert sind, halten sie an Muttersprache und Kultur fest. Auch die Werte von hier lebenden Türken und Deutschen driften weit auseinander. Das gilt besonders bei jungen Leuten.

Türken in Deutschland sind formal besser integriert als häufig angenommen – dennoch fühlen sich viele nicht akzeptiert und wünschen sich mehr Rücksicht auf ihre Gewohnheit und Besonderheiten. Insbesondere die Generation der 15- bis 29-Jährigen gleicht sich der Gesamtbevölkerung in Sachen Bildungsabschluss, Sprachkenntnisse und Mediennutzung deutlich an. Kulturell sieht es aber in derselben Altersgruppe anders aus: Die jungen Migranten wenden sich zunehmend traditionellen Überzeugungen zu, zeigt eine aktuelle Untersuchung.

Nach Erkenntnissen der vergleichenden Studie zur Wertewelt von Deutschtürken hat Deutschland bei diesen einen guten Ruf – eigentlich. Die überwiegende Mehrheit der türkischstämmigen Einwanderer findet es richtig, nach Deutschland gekommen zu sein. Dass man es hier unabhängig von der Herkunft zu etwas bringen kann, bejahen 80 Prozent. Deutsche Institutionen genießen bei den Deutschtürken sogar ein höheres Ansehen als bei den Deutschen selbst. Doch gleichzeitig pochen 93 Prozent auf den Erhalt einer eigenen türkischen Kultur.

Für die Studie hatten die zusammengehörenden Institute Info und Liljeberg Research insgesamt 1000 Personen interviewt – davon jeweils ein Drittel Deutsche, in Deutschland lebende Türken und Türken in der Türkei.

Der Vergleich zwischen Deutschtürken und in der Türkei lebenden Türken zeigt deutliche Unterschiede zwischen beiden Gruppen. So trägt ein Drittel der Türkinnen in Deutschland aus religiöser Überzeugung ein Kopftuch. In der Türkei tun dies doppelt so viele Frauen. Die Haushalte türkischstämmiger Familien in Deutschland sind mit durchschnittlich 3,5 Personen zwar größer als der Bundesdurchschnitt (2,6 Personen), aber doch erheblich kleiner als im Herkunftsland, wo 4,8 Personen pro Haushalt leben. Für Berlins ehemalige Ausländerbeauftragte und Vorsitzende des Beirats der Antidiskriminierungsstelle des Bundes, Barbara John (CDU), sind die Zahlen ein Beweis gegen eine "kulturelle Determination". Sie zeigten, dass die Türken sich in die "in Deutschland übliche Wertewelt" hineinentwickelten.

Tatsächlich liegen die Deutschtürken bei Fragen zu Rollenverständnis, familiären Pflichten, sozialer und gesellschaftlicher Toleranz zwischen Türken in der Türkei und Deutschen. Die Unterschiede bleiben dennoch deutlich. Mehr als die Hälfte der Deutschtürken etwa ist der Meinung, dass Frauen vor der Ehe keinen Sex haben sollten, fast ebenso viele räumen den Eltern ein Mitspracherecht bei der Wahl des Partners ein. Zum Vergleich: Nur sieben Prozent der Deutschen sind gegen vorehelichen Sex, nur fünf Prozent würden ihre Eltern bei der Wahl des Partners mitreden lassen. Immerhin ein Drittel der Deutschtürken sieht sich dazu verpflichtet, die Ehre der Familie auch mit Gewalt zu schützen.

Ausgerechnet bei den 15- bis 29-Jährigen sind traditionelle Einstellungen teilweise stärker ausgeprägt – das trifft für die Jungfräulichkeit vor der Ehe und die Ablehnung von Schwangerschaftsabbrüchen ebenso zu wie für den Glauben an das Paradies. Die jungen Deutschtürken seien zum Teil deutlich traditioneller eingestellt als ihre Eltern, bilanzierte der Geschäftsführer von Liljeberg Research International, Holger Liljeberg. Dies sei auch eine Gegenreaktion auf den gesellschaftlichen Druck zur Anpassung an die deutsche Gesellschaft.

Von einer gelungenen Integration könne man angesichts der Umfragedaten dennoch sprechen, meint Barbara John. "Wir sind doch keine Gesinnungsgemeinschaft. Wir sind eine Rechtsgemeinschaft", betonte die CDU-Politikerin. Und grundrechtlich gesicherte Werte, darunter Frieden, Demokratie, Gerechtigkeit und der Respekt vor anderen Religionen und Kulturen, würden in allen drei Gruppen ähnlich hoch geschätzt. Auch Werte wie Freundschaft, Liebe und der Zusammenhalt in der Familie erzielen bei den Befragten der verschiedenen Gruppen fast gleich viel Zustimmung.

Was darüber hinausgehe, sei nicht mehr Integration, sondern Assimilation, hieß es bei der Vorstellung der Studie. Doch mit assimilierten Einwanderern sei innerhalb der nächsten Generation nicht zu rechnen. Für die Türken in Deutschland heißt das: Auch wer die Bundesrepublik ebenso als Heimat empfindet wie die Türkei (38 Prozent), hält an Muttersprache und Kultur fest. Das zeigt auch der Wunsch nach einer Heimkehr in die Türkei – 42 Prozent der Deutschtürken wollen irgendwann wieder dort leben.

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