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10.11.09

Deutschtürken

Sarrazin hat zu 70 Prozent Recht - sagen Migranten

Die Kritik des ehemaligen Berliner Finanzsenators Thilo Sarrazin (SPD) an mangelnder Integration in Berlin hat für Furore gesorgt. Deutschtürken streiten nun darüber, wie erfolgreiche Zuwanderung aussehen soll. Die Debatte zeigt, dass noch viel Arbeit auf Deutschland zukommt.

© AP
Integration in Deutschland ist immer noch ein Reizthema
Integration in Deutschland ist immer noch ein Reizthema

Der Aufschrei war groß, als Thilo Sarrazin, ehemaliger Berliner Finanzsenator und jetziger Bundesbank-Vorstand, – und ganz allgemein das Bild einer integrationsunwilligen, sich abschottenden ausländischen Unterschicht zeichnete. "Ich würde Sarrazin zu 70 Prozent recht geben", sagt Serdar Uzatmaz, 34, Deutschtürke aus dem rheinland-pfälzischen Worms.

Am Sonntag wollte er ein Vertreter der rund 5000 Migranten in der 80.000-Einwohner-Stadt Worms werden, im neuen Migrationsbeirat. Warum ist er angetreten? Weil seine ausländischen Mitbürger "eben nicht integriert" seien.

"Vor zehn Jahren haben wir uns mehr angepasst als jetzt", sagt Uzatmaz. Jetzt gebe es Gruppen seiner Landsleute, die sich bewusst distanzierten und auf ihren türkischen Hintergrund besännen. Türkische Jugendliche sonderten sich auf dem Schulhof ab, bestätigten ihm Direktoren. "Da muss man was tun", findet er. Im schicken schwarzen Anzug steht er im Mainzer Kurfürstlichen Schloss, und dreht ein Weinglas zwischen den Händen. Gleich findet hier ein Empfang der rheinland-pfälzischen Landesregierung statt, als Dank für Kandidaten.

Kommenden Sonntag sind Wahlen in Rheinland-Pfalz, doch diesmal geht es nicht um angesehene Posten, um Macht oder Entscheidungsfunktionen. Es geht um einen Beirat, von dem noch niemand so recht weiß, wie viel Einfluss er haben wird.

729.000 Menschen mit einem sogenannten Migrationshintergrund leben in Rheinland-Pfalz, das entspricht achtzehn Prozent der Bevölkerung in dieser Region. Fast jeder fünfte Mann, Frau oder Kind in dieser Region komme damit aus einem anderen Staat, sagt Ministerpräsident Kurt Beck (SPD), und er sagt es durchaus stolz. Tatsächlich hatte das Bundesland im Westen bislang in Sachen Ausländer eher weniger Probleme als so manche andere Gegend in Deutschland. Doch da war auch der Afrikaner, der 2007 auf einem Weinfest in Guntersblum zusammengeschlagen wurde, die islamische Kindertagesstätte, die in Mainz zu heftigen Auseinandersetzungen führte, und immer wieder auch Diskussionen um Kopftuch tragende Lehrerinnen.

Alle Einwohner können nun kandidieren

1994 wurden Ausländerbeiräte in Rheinland-Pfalz eingeführt, zunächst mit gutem Erfolg. Dann freilich sank die Akzeptanz immer weiter ab: Bei der vorangegangenen Beirätewahl betrug die Wahlbeteiligung 2004 landesweit nur noch neun Prozent, und immer schwieriger wurde es, Kandidaten zu finden. Als Hauptproblem machten Experten den deutschen Pass aus: Wer eingebürgert wurde, durfte an dem Beirat fortan nicht mehr teilnehmen. Den Beiräten brachen damit oft ihre engagiertesten Mitglieder weg.

2008 kam deshalb die Reform: Aus Ausländerbeiräten wurden Migrationsbeiräte, für die nun alle Einwohner kandidieren können. So sollen auch Spätaussiedler einbezogen werden. Zudem sollen die Beiräte enger an die kommunalen Räte angebunden werden und so mehr Einfluss erhalten. Ob Letzteres klappt, ist noch unklar, dennoch hat sich die Zahl der Kandidaten mit landesweit 1088 im Vergleich zu vor fünf Jahren verdoppelt – ein erster Erfolg.

Viele treten zum ersten Mal an, wie die Mainzerin Bilge Yalçinkaya. Sarrazin habe nicht recht, findet sie. "Integration kommt von lateinisch 'inter', und das heißt dazwischen", sagt die studierte Politikwissenschaftlerin. Bei der Integration müssten sich beide Seiten aufeinander zubewegen. Allerdings gebe es noch erhebliche "Informationsdefizite auf beiden Seiten", räumt sie ein. Die Mentalität sei einfach anders, sagt sie, und nennt als Beispiele das Fußballfieber der Türken und das Ehrgefühl.

"Die Deutschen sagen Stolz, vielleicht sind das sogar ähnliche Begriffe", gibt Yalçinkaya zu bedenken. Viele Migranten hätten aber "Angst, dass man versucht, sie zu Deutschen zu machen", das gelte besonders für diejenigen, die sich abkapselten. Integration heiße aber doch, "von beiden Kulturen das Beste zu nehmen". Deshalb will sie mithelfen, "mehr Brücken zu bauen".

"Es hat sich nichts geändert"

Sarrazins Sicht sei falsch, sagt auch Ferhat Ikizoglu, studierter Mathematiker aus Speyer. Es werde immer so dargestellt, "als hätte sich die erste Generation – meine Eltern – nicht integriert", sagt der 27-Jährige. Sein Vater sei aber ein "sehr ungebildeter Mensch" vom Dorf gewesen, der habe einfach das Wissen nicht gehabt über Bildung, das deutsche Schulsystem.

"Meine Eltern haben es nicht gewusst, und der Staat hat mir nicht geholfen", sagt Ikizoglu, der selbst die Hauptschule besuchte. Vor vier Wochen war er noch einmal da. Der Frust, die Perspektivlosigkeit, "es hat sich nichts geändert", sagt er, und fügt hinzu: "Vielleicht ist das der Grund, warum ich hier kandidiere."

Auch Uzatmaz ärgert die Perspektivlosigkeit junger Türken. Viele ergriffen keine Initiative, sie meldeten sich nach der Schule lieber gleich arbeitslos. Oder sie verkauften einfach "Döner, oder Äpfel und Gemüse", sagt Uzatmaz mit Blick auf Sarrazin. Der hatte gesagt, eine große Zahl Türken und Arabern in Berlin habe "keine produktive Funktion, außer für den Obst- und Gemüsehandel". Uzatmaz gibt ihm recht. Das sei eben "einfacher", dafür brauche man weniger Bildung.

Auch er selbst landete erst einmal auf der Hauptschule, absolvierte dann aber die Fachoberschule, machte sich mit 23 selbstständig und arbeitet heute als Finanzberater für eine große Firma. "Ich kam von ganz unten und bin jetzt mein eigener Chef." Diese Erfahrung wolle er weitergeben, anderen zeigen, dass es geht. "Ich glaube, ich kann ihnen helfen."

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