EU-Experten warnen
Koma-Saufen als Einstieg zu harten Drogen
Jugendliche, die viel trinken, greifen auch eher zu anderen Drogen – das ist das Resultat einer europaweiten Bestandsaufnahme zur Drogenproblematik. "Koma-Saufen und Drogenmissbrauch gehen häufig Hand in Hand", warnt ein EU-Experte. Auf dem Vormarsch sind synthetische Drogen, die über das Internet vertrieben werden.
Von Katharina Schäder
Die legale – und sozial akzeptierte – Droge Alkohol ist offenbar ein entscheidender Faktor in der europäischen Drogenproblematik, vor allem bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Dem Jahresbericht der europäischen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht (EBDD) zufolge greifen Schüler, die sich zum "Komasaufen" bekennen, auch häufiger zu Freizeitdrogen. "Koma-Saufen und Drogenmissbrauch gehen häufig Hand in Hand", warnte EBDD-Direktor Wolfgang Götz.
Die Definition für "Komasaufen" als "fünf Drinks oder mehr pro Gelegenheit" mag regelmäßigen Kneipen- und Biergartenbesuchern zwar erstaunlich niedrig gegriffen erscheinen. Die Erhebung zeigt aber eine klare Korrelation: Unter 15-34jährigen, die viel Alkohol trinken, ist auch das Kiffen verbreiteter als in der Gesamtbevölkerung. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie im vergangenen Jahr Cannabis konsumiert hätten, sei zwei- bis sechsmal höher als in der Allgemeinbevölkerung. Der Kokainkonsum innerhalb dieses Zeitraums war zwei- bis neunmal höher.
Kokain ist nach Cannabis die am stärksten genutzte Droge in Europa. Ihre Verbreitung konzentriert sich bislang auf wenige Länder in Westeuropa: Besonders in Großbritannien, wo mehr als 12 Prozent der unter 34jährigen Erfahrungen damit haben, und in Spanien (11,8%) wird Kokain als Freizeitdroge genutzt. Doch die EU-Experten befürchten eine Ausbreitung auf den Osten Europas,
In Form von Crack spielt Kokain in der europäischen Drogenstatistik zwar noch keine große Rolle. Doch aus mehreren europäischen Städten, allen voran London und Dublin, werden erhebliche Crack-Probleme gemeldet – ein mögliches Zeichen dafür, dass Crack in Zukunft einen wesentlicheren Teil der Drogenproblematik darstellen könnte.
Heroin wird beliebter bei jungen Menschen
Als besonders bedenklich stuft der Bericht die Zahlen zur Heroin-Nutzung ein. Einen Beleg für eine "epidemische Verbreitung des Heroinkonsums" wie in den 80er- bis 90er Jahre gibt es zwar nicht. Doch der Trend zeigt einen steigenden Verbrauch an. Und die Droge findet offenbar ein neues Verbreitungsgebiet.
Informationen aus Frankreich zufolge nimmt der Konsum von Heroin in "sozial integrierten Gruppen" und in der Techno-Szene zu. In mehreren osteuropäischen Ländern ist ein Großteil der Fixer weniger als 25 Jahre alt, hat also erst vor relativ kurzer Zeit damit angefangen.
Synthetische Drogen auf dem Vormarsch
Kopfzerbrechen bereitet Politikern und Beobachtern zudem der immer komplexer werdende Markt für synthetische Drogen. Ecstasy und Amphetamine werden überall in Europa konsumiert, besonders in der Clubszene. Ein zunehmendes Problem könnte zudem durch Methamphetamine entstehen, fürchten die Beobachter. Doch hinzu kommt eine wachsende Nachfrage nach so genannten "Legal Highs". Gemeint sind Produkte, deren Inhaltsstoffe noch nicht kontrolliert werden, die aber ebenso schädlich sind.
Allein für die Anfang 2009 verbotene, als Räuchermischung vertriebene Droge "Spice" habe es habe es innerhalb kürzester Zeit 27 verschiedene Ersatzprodukte gegeben. "Wenn Spice einen Vorgeschmack auf künftige Szenarien gibt, muss Europa dafür Sorge tragen, dass es geeignete Antworten auf diese Herausforderungen geben kann," forderte Götz.
Für Beschaffung und Vertrieb machen sich Konsumenten und Händler das Internet zunutze. Dem Bericht zufolge nahmen die Ermittler in ganz Europa 115 Online-Shops für Drogen unter die Lupe, davon befanden sich allein 15 Prozent in Deutschland. Mehr Online-Dealer gibt es nur in Großbritannien.
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