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27.10.09

Fan-Krawalle im Fussball

"Der erste Tote ist nur noch eine Frage der Zeit"

Der Neonazi-Angriff in Brandis steht exemplarisch für die zunehmende Brutalität am Rande des deutschen Fußballs. Für die unteren Ligen wagt Konrad Freiberg von der Gewerkschaft der Polizei eine düstere Prognose: "Es ist nur eine Frage der Zeit, wann wir die ersten Toten zu beklagen haben."

© dpa
WM 2006 - Vorführung Polizei-Einsatz bei Hooligan-Krawallen
Zwei Polizisten bei einer Übung gegen randalierende Fußballfans

Die Ärzte konnten Entwarnung geben. Der Fan des sächsischen Bezirksligavereins Roter Stern Leipzig wird sein Augenlicht nicht verlieren. Er war Opfer eines Überfalls von 50 Rechtsradikalen geworden, die beim Spiel zwischen dem FSV Brandis und Roter Stern mit Eisenstangen und Knüppeln Jagd auf Spieler und Anhänger des linksgerichteten Fußballklubs gemacht hatten. Sein Jochbein wurde zertrümmert, bis Montagabend stand zu befürchten, dass der Fan erblinden würde. Diese Katastrophe ist ausgeblieben, die körperlichen Wunden werden verheilen.

Brandis wird dennoch künftig exemplarisch für eine zunehmende Brutalität im deutschen Fußball beziehunsgweise an dessen Rand stehen. "Die Ausschreitungen sind nicht mehr, aber brutaler geworden", sagt Helmut Spahn, der Sicherheitsbeauftragte des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). Einen Anstieg der Gewalt sowohl in qualitativer als auch in quantitativer Hinsicht hat die Gewerkschaft der Polizei (GdP) festgestellt. "Die Gewalt hat drastisch zugenommen", sagt Konrad Freiberg, der Vorsitzende des Geschäftsführenden Bundesvorstandes der GdP. Insbesondere für den Fußball in den unteren Ligen malt er im Gespräch mit Morgenpost Online ein düsteres Bild. "Es ist nur eine Frage der Zeit, wann wir die ersten Toten zu beklagen haben."

Alarmierende Zahlen

Auf ihrem Symposium "Fußball und Gewalt" hat die Polizei im Mai im Berliner Olympiastadion alarmierende Zahlen präsentiert. Danach lagen die Gewalttaten im vergangenen Jahr 30 Prozent über dem Durchschnitt der vergangenen zehn Jahre. Zugleich wurden im selben Zeitraum in Deutschland 10.000 Stellen im Polizeidienst gestrichen, immer weniger Polizisten werden also mit immer mehr Gewalt konfrontiert.

Eine Spirale, die sich nur aufhalten lässt, wenn Deutschland bereit ist, für sein liebstes Hobby tief in die Tasche zu greifen. "Wir brauchen mehr Personal und bessere Ausrüstung", appelliert Freiberg an die neue Bundesregierung. "Wenn wir dazu nicht bereit sind, wird es immer schlimmer werden."

Denn schon jetzt sei die Polizei an ihre Kapazitätsgrenze gestoßen. Allein bei Bundesliga- und Zweitligaspielen wurden im Jahr 2008 von der Polizei knapp 1,4 Millionen Arbeitsstunden geleistet, 4577 Straftaten wurden dabei registriert. Fußballspiele waren 2008 Ursache von 40 Prozent der insgesamt 127 länderübergreifenden Großeinsätze der Polizei. Lediglich die Personalkosten für Polizeieinsätze am Rande von Fußballspielen betrugen bundesweit 80 Millionen Euro.

Was ist dem Steuerzahler zuzumuten?

Längst ist deswegen eine Debatte entbrannt, ob es dem Steuerzahler weiter zuzumuten ist, die Kosten für den Schutz von Fußballspielen zu übernehmen. Der Ruf, dass sich der Fußball und seine Organisationen Deutsche Fußball Liga (DFL) und DFB an den Kosten beteiligen wird immer lauter. 50 Millionen Euro nannte Rainer Wendt, der Bundesvorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG) als Summe, die er künftig jährlich von DFB und DFL fordern will. "Die Vereine können ihre Akteure unter anderem deshalb so gut bezahlen", sagt er, "weil sie einen wesentlichen Teilen ihrer Betriebskosten, nämlich die Sicherheit, beim Steuerzahler abladen."

Allerdings sind sich die Vertreter der Polizeigewerkschaften in dieser Frage erstaunlich uneins. Für Freiberg sind diese Äußerungen "populistisches Gerede", da sich eine Kostenübernahme durch die Vereine oder die Dachorganisationen des Fußballs rechtlich nicht durchsetzen ließe.

"Himmelschreiende Ungerechtigkeit"

DFB-Präsident Theo Zwanziger spricht in diesem Zusammenhang von einer "himmelschreienden Ungerechtigkeit" und argumentiert damit, dass die Vereine schon deswegen nicht zur Kasse gebeten werden dürften, da sie jährlich 700 Millionen Euro an das Finanzamt überweisen würden.

Die Frage der Kostenübernahme wird also ein zentrales Thema des Fußballgipfels sein. Nach Informationen von Morgenpost Online werden sich noch in diesem Jahr Vertreter der Polizei mit Vertretern des DFB, der DFL, der Deutschen Bahn, der Kommunen und der Bundesregierung treffen und Lösungen der Problematik der Gewalt anlässlich von Fußballspielen erörtern.

Möglicherweise muss dann auch über die Auswirkung des Urteils des Bundesgerichtshofs (BGH) zur Rechtmäßigkeit von Stadionverboten diskutiert werden. Am Freitag wird der BGH in Karlsruhe eine Grundsatzentscheidung über die Regeln der bundesweiten Stadionverbote fällen und darüber befinden, ob Stadionverbote rechtmäßig sind, die lediglich aufgrund von Verdachtsmomenten ausgesprochen werden. "Es wäre ein fatales Signal wenn der BGH diese Stadionverbote kippen würde", sagt Freiberg, "es wäre ein weiterer Rückschlag im Kampf gegen die Gewalt. Denn die Stadionverbote haben sich als Mittel der Abschreckung absolut bewährt."

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