Fatale Fehleinschätzung
Neonazi-Attacke in Sachsen – Polizei war gewarnt
Mittwoch, 6. Oktober 2010 13:54Auf dramatische Weise wurde in der sächsischen Kleinstadt Brandis offenbar, wie wenig wehrsam der Fußball ist, wenn Gewalttäter seine Bühne missbrauchen. Allerdings wurde er in diesem Fall auch Opfer einer fatalen Fehleinschätzung: Der Klub hatte die Polizei auf die drohenden Gefahren hingewiesen. Doch sie schickte nur zwölf Beamte.

Der Stadionsprecher in Brandis wusste es vorher. „Die Dummen kommen noch“, ließ er wissen und forderte die Fans auf, sich auf der dem Eingang gegenüberliegenden Seite zu sammeln, um auf diese Weise die Fanblöcke räumlich zu trennen. Er sollte Recht behalten, die Dummen kamen. Und wie.
Etwa 50 rechtsgerichtete Gewalttäter stürmten den „Sportplatz Freundschaft“ und machten Jagd auf Spieler und Fans von Roter Stern Leipzig. Mit Eisenstangen, Holzlatten und Steinen wurden diese attackiert, auch Molotowcocktails flogen. Es grenzt an ein Wunder, dass der Überfall lediglich drei Schwerverletzte forderte.
Zunehmende Intensität in den unteren Ligen
Auf dramatische Weise wurde in der sächsischen Kleinstadt offenbar, wie wenig wehrsam der Fußball ist, wenn Gewalttäter seine Bühne missbrauchen. Während der Rechtsextremismus aus den Stadien der oberen Ligen weitgehend verdrängt ist, findet rechte Gewalt mit zunehmender Intensität in den unteren Ligen statt.
„Wir haben einfach nicht die Möglichkeiten, einen umfassenden Schutz zu garantieren“, sagt Lutz Mende, Sicherheitsbeauftragter des Sächsischen Fußball-Verbandes. Geschäftsführer Bernd Kraus ergänzt: „Wir haben an jedem Wochenende 1000 Spiele in Sachsen, da können wir nicht überall zu 100 Prozent für Sicherheit sorgen.“
Überall wohl nicht, in Brandis allerdings schon. Denn es gab Hinweise und Gerüchte, der Überfall war eine geplante Aktion und kam wenig überraschend. Deswegen hat sich der TSV Brandis in Absprache mit dem Verband im Vorfeld der Partie mit der Bitte um Hilfe an die Polizei gewandt. „Der Buschfunk war relativ eindeutig“, sagt Günter Kögler, der Präsident des FSV Brandis, „deswegen haben wir das Gespräch mit der Polizei gesucht und auf die drohenden Gefahren hingewiesen.“ Ohne Erfolg.
Polizei räumt Fehler ein
Lediglich zwölf Ordnungshüter waren für die Partie abgestellt, eine fatale Fehleinschätzung, die Schmiedel von „einem Komplettversagen der Polizei“ sprechen lässt. „Im Nachhinein muss man einräumen, dass sich die Lage anders dargestellt hat, als wir sie erwartet haben“, räumt Michael Hille, der Pressesprecher der Polizei West-Sachsen, im Gespräch mit Morgenpost Online ein. Er betont aber, dass die Polizei die Entscheidung, auf massive Polizeipräsenz zu verzichten, gemeinsam mit dem ausrichtenden Verein getroffen hat. Sachsens Polizeipräsident Bernd Merbitz die Aufklärung der Vorfälle zur Chefsache erklärt und die eingesetzte Ermittlungsgruppe von acht auf 16 Beamte aufgestockt. „Es sind einige Fragen zu klären, die mich auch intern interessieren“, sagte Merbitz im Mitteldeutschen Rundfunk.
Der Staatsschutz hat inzwischen Ermittlungen wegen gefährlicher Körperverletzung und schweren Landfriedensbruch aufgenommen, sollte der am Kopf verletzte Fan tatsächlich seine Sehkraft verlieren, kämen schwere Körperverletzung und die Beteiligung an einer Schlägerei hinzu. Noch gab es keine Festnahmen, allerdings dürfte es zeitnah die ersten Fahndungserfolge geben, da einige der Täter den Behörden namentlich bekannt sind.
Die Spieler von Roter Stern Leipzig wollen ihrem Hobby trotz der dramatischen Vorfälle weiter nachgehen. Noch. „Wir können den Nazis ja nicht das Feld überlassen“, sagt Schmiedel, „allerdings fragt man sich manchmal schon, ob der Einsatz nicht zu hoch ist.“DW
Erschienen am 26.10.2009






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