Neuer Botschafter in Berlin
China hat Kommunismus nicht abgeschworen
Peking hat einen seiner Top-Diplomaten nach Berlin geschickt: Wu Hongbo. Der neue Botschafter präsentiert sich offen und angriffslustig. Er definiert China als sozialistischen Staat, der sich für die Demokratisierung der internationalen Politik einsetzt. Amerika und Europa sieht er jedoch als reisende Belehrer.
Von Daniel-Dylan Böhmer
In den vergangenen 60 Jahren hat sich China der Welt zugewandt. Aber ob das Riesenreich vor allem auf Kooperation oder auf Konkurrenz setzen soll, wird auch in Peking noch heftig diskutiert.
Dass Wu Hongbo im Sommer als Botschafter nach Berlin entsandt wurde, ist ein Signal: Wu studierte in Neuseeland und dolmetschte und recherchierte für westliche Medien in Peking. Er war bisher Vizeaußenminister und ist damit eine besonders hochkarätige Besetzung. Und noch ungewöhnlicher ist, dass chinesische Würdenträger so bereitwillig ihr System diskutieren.
Morgenpost Online: Botschafter Wu, wie würden Sie einem Deutschen den chinesischen Kommunismus von heute erklären?
Wu Hongbo: Wir bezeichnen uns nicht als kommunistischen, sondern als sozialistischen Staat. Sozialismus ist die Anfangsphase vom Kommunismus. Nach der Theorie Ihres Landsmannes Karl Marx gibt es in einer kommunistischen Gesellschaft keine Klassen und keine Ausbeutung, der Reichtum gehört allen Menschen, und jeder wird gefordert nach seinen Fähigkeiten und gefördert nach seinen Bedürfnissen. Wenn Sie sich China heute ansehen, dann können Sie selber das Fazit ziehen: Wir sind noch sehr weit entfernt von so einer Gesellschaft. Das heißt aber auf keinen Fall, dass diese Gesellschaft unerreichbar ist. Wir haben in den letzten 30 Jahren 250 Millionen Chinesen aus der Armut befreit. Aber nach den Kriterien der Uno sind in China immer noch mehr als 100 Mio Menschen arm.
Morgenpost Online: Aber welche Werte vertritt China in der Welt?
Wu: China tritt für die Demokratisierung der internationalen Politik ein. Im "Global Village" dürfen nicht die Stärkeren und Reicheren den anderen befehlen. Alle Länder sollten gemeinsam Lösungen für internationale Probleme suchen. Und alle Länder, egal groß oder klein, reich oder arm, sind gleichberechtigt.
Morgenpost Online: Aber wie unterscheidet sich China darin von Europa und den USA?
Wu: Ich persönlich finde, Amerika und Europa haben eine starke Neigung, andere zu belehren. Konfuzius sagt: "Wenn drei unterwegs sind, dann kann einer unter ihnen mir bestimmt ein Lehrer sein." Aber die Amerikaner und Europäer handeln in den internationalen Angelegenheiten nach dem umgekehrten Prinzip – wenn drei unterwegs sind, dann muss ich ihr Lehrmeister sein. Die Staaten des Westens haben schon 200 Jahre enormer wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Entwicklung hinter sich. Aber manche bei Ihnen glauben, dass Ihr Modell für die ganze Welt gelten müsse. Diese Leute reisen dann auf der ganzen Welt herum und belehren alle. Das ist etwas anstrengend. Für die ganze Welt übrigens.
Morgenpost Online: Aber unsere Entwicklung verdanken wir eben der Demokratie.
Wu: Auch wir suchen nach Wegen zur Weiterentwicklung unserer Gesellschaft. Wir haben uns Ihre Systeme sehr genau angesehen und wir haben bemerkt, dass die politischen Systeme auch im Westen sehr unterschiedlich aussehen. Das liegt an den unterschiedlichen Gegebenheiten der Länder. Und wir haben uns auch die Entwicklungsländer angesehen, die westliche politische Systeme übernommen haben. Dort ist die Situation nicht sehr ermutigend: Dort gibt es vielfach Wahlen, doch an die Macht kommen auch korrupte Politiker. Bei uns gibt es ein Sprichwort: Wenn man Orangen südlich des Huai-Flusses pflanzt, dann werden sie süß, im Norden werden sie sauer.
Morgenpost Online: Die ökonomischen Unterschiede sind aber weniger gravierend. Chinas Engagement hat gerade sehr geholfen, die Weltwirtschaftskrise in Grenzen zu halten. China hat gerade den Kapitalismus gerettet.
Wu: Ich finde, wir sollten eine andere Perspektive wählen. Wir alle sind Einwohner dieses Planeten. Wenn wir Probleme haben, dann sollten wir einander helfen. Ganze 22 Prozent des weltweiten Wirtschaftswachstums im vergangenen Jahr gehen auf China zurück. Dass ein sozialistisches China neben dem Kapitalismus existiert, ist doch ein gutes Zeichen. Wir können einen fairen Wettbewerb führen, welches System dem Menschen mehr Glück bringt. Wir treten dafür ein, dass Länder verschiedener Gesellschaftssysteme friedlich koexistieren und gemeinsam entwickeln können.
Morgenpost Online: In Ihrem Land lassen Sie diesen Wettbewerb aber nicht zu. Noch immer gibt es keine Pressefreiheit. Viele Journalisten sind inhaftiert.
Wu: Nehmen Sie eine internationale Umfrage der Univeristät von Maryland zum Thema Pressefreiheit. Darin haben 89 Prozent der Chinesen die Frage bejaht, ob es bei uns Pressefreiheit gebe. Von diesen sagten 12 Prozent, die Pressefreiheit in China sei ausreichend. Weitere 26 Prozent sagten, es gebe eine gewisse Pressefreiheit und 51 Prozent sagten, es gebe zwar Pressefreiheit, aber sie könne ausgebaut werden. Aber auch sie behaupteten nicht, die Presse sei bei uns völlig unfrei. Interessant fand ich übrigens auch, dass in den USA 22 Prozent der Befragten fanden, es solle dort weniger Pressefreiheit geben.
Morgenpost Online: Als junger Mann haben Sie selbst für westliche Journalisten in Peking recherchiert und gedolmetscht.
Wu: Richtig, für Nigel Wade vom Londoner Daily Telegraph und für Jim Laurie vom US-Fernsehsender ABC, Ende der 70er-, Anfang der 80er-Jahre. Beide haben sich immer sehr beklagt, dass sie keine Informationen bekamen. Es gab nur drei Quellen für westliche Medien – die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua, und zwei Zeitungen. Heute gibt es bei uns so viele Medien, dass die Journalisten der Informationsflut gar nicht mehr Herr werden. Bis letztes Jahr brauchten ausländische Journalisten für ein Arbeitsvisum eine einladende Institution und wenn sie Interviews wollten, musste das durch die Institution organisiert werden. Das ist heute alles nicht mehr so. Heute haben die Behörden Sprecher und es gibt sogar eine Verordnung, die sie verpflichtet, den Hörer abzunehmen, wenn die Journalisten anrufen.
Morgenpost Online: Als Gastland der Frankfurter Buchmesse hat sich China aber weniger umgänglich gezeigt. Auf Druck der Pekinger Führung mussten die Frankfurter die regimekritischen Autoren Dai Qing und Bei Ling von einem Symposion ausladen. Und als sie dennoch erschienen, räumten Chinas Vertreter unter Protest den Saal. Schadet China so nicht seinen Interessen?
Wu: Ich mache mir eher Sorgen um das Image Deutschlands in China. Bei dem Symposion war auch eine Gruppe junger Journalisten aus China und sie haben meinen Kollegen dort auch unbequeme Fragen gestellt: Wie kann es sein, dass die Gastgeberin in ihrer Rede bei der Eröffnung des Symposions kein einziges Begrüßungswort für den Mitveranstalter China übrig hatte? Wie kann es sein, dass die deutsche Seite den Ablauf eigenmächtig ändert, ohne China zu informieren? Warum wird man gezwungen, etwas anzuhören, was man nicht hören will? Ich weiß nicht, was diese Journalisten schreiben werden, aber ich hoffe sehr, dass Deutschlands Image in China keinen Schaden nimmt. Denn die überwiegende Mehrheit der Deutschen ist freundlich.
Morgenpost Online: In China gab es Experimente mit Wahlen. Werden sie fortgesetzt?
Wu: In der Schlussresolution des XVII. Parteitags der Kommunistischen Partei Chinas kam das Wort Demokratie 60 Mal vor! In der Stadt Nanjing wählen die Ortsvereine der Partei ihre Kader selbst. Und auch Wahlen durch die Bürger gibt es: In 600.000 Dörfern wurden 95 Prozent der Dorfleiter direkt gewählt, das sind 2,3 Millionen Personen. Und die KP will den Anteil der direkt gewählten Mitglieder der Stadteinwohnerkomitees auf 50 Prozent erhöhen. Die demokratische Politik in China befindet sich in der Entwicklung. Aber die chinesische Demokratie wird chinesisch geprägt sein. Dieser Prozess geht nur Schritt für Schritt voran. Aber es ist ein großartiges demokratisches Experiment für ein Fünftel der Weltbevölkerung.
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