Deutschland braucht jetzt ...
Für Seyran Ates stirbt die Hoffnung zuletzt
In einer neuen täglichen Morgenpost-Online-Rubrik erklären Prominente, was Deutschland nach der Wahl unbedingt benötigt. Seyran Ates fordert eine Politik, die die Wahrheit ausspricht. Und für eine überhaupt glaubhafte Politik sind sichtbare, tastbare und spürbare Ergebnisse notwendig.
Deutschland braucht jetzt endlich mal wieder eine Politik mit politischem Profil, Glaubwürdigkeit und Wahrheiten. Wir einfachen Bürge(innen), denen all zu oft mangelnder politischer Verstand zugestanden wird, wissen, dass uns alle Parteien vor den Wahlen das Blaue vom Himmel versprechen. Und wir wissen, dass es wie mit dem Weihnachtsmann ist: Irgendwann glaubt kein Kind mehr an ihn. Kein Wunder also, wenn Weihnachtsmänner arbeitslos werden und Osterhasen Konjunktur haben.
Denn die Hoffnung stirbt zuletzt – wenn es den Weihnachtsmann wirklich nicht gibt, heißt das noch lange nicht, dass es auch keinen Osterhasen gibt. So dürfte das Wahlergebnis zustande gekommen sein. Oder auch nicht. Jedenfalls war die Mehrheit der Menschen, die zu diesem Wahlausgang beigetragen haben, ganz sicher davon überzeugt, dass alles besser werden würde.
Um den Glauben an Politik und vielleicht auch an den Weihnachtsmann wiederzuerlangen, brauchen wir sichtbare, tastbare und spürbare Ergebnisse. Liebe Parteien, egal, ob Sie weiter oder endlich regieren dürfen oder ob Sie nun auf der Oppositionsbank schmollen. Sagen Sie uns bitte die Wahrheit. Nicht nur, dass der mündige Bürger, der eine Wahl getroffen hat, die Wahrheit verträgt, er hat sogar einen Anspruch darauf, ernst genommen zu werden. Wer hat was von welchen Steuererleichterungen, wenn sie überhaupt möglich sind? Wie realistisch ist der Mindestlohn?
Und: Haben die Armen in diesem Land wirklich bald mehr Euro in ihren Geldbörsen? Können wir darauf vertrauen, dass unsere Kinder eine gute Bildung bekommen? Wird das friedliche Zusammenleben der vielen Kulturen und Religionen in naher Zukunft besser? Werden Frauen endlich genauso viel verdienen wie Männer? Haben Frauen Chancen, in Aufsichtsräten zu sitzen? Kann der Ausstieg aus der Atomenergie gelingen? Haben die Afghanen eine Chance, wenn der Westen dort Krieg treibt? Und so weiter.
Selbst wenn es "nur" die bittere Wahrheit sein sollte, nämlich, dass es uns in den nächsten Jahren nicht besser gehen kann, weil die Finanzkrise uns noch gar nicht richtig erreicht hat, sagen Sie uns die Wahrheit. Wir haben ein Recht darauf. Sonst wählen wir das nächste Mal vielleicht den Sandmann.
Die Verfasserin (46) ist Juristin und Frauenrechtlerin. Am 16. Oktober erscheint ihr neuestes Buch "Der Islam braucht eine sexuelle Revolution" im Ullstein-Verlag.
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