Frank-Walter Steinmeier
Vom Strippenzieher zum Vollblutpolitiker
Frank-Walter Steinmeier – mit diesem Namen assoziierte man vor allem einen ernsthaften, fleißigen Bürokraten. Er brauchte etwas, um aus dem Schatten Gerhard Schröders zu treten. Und tatsächlich: Der Kanzlerkandidat der SPD hat in den vergangenen vier Jahren deutlich an Format und Ansehen gewonnen.
Der Spitzenbeamte, der Mann im Hintergrund, der Bürokrat, der selbst die Blumensträuße im Aktenordner abheftet – die Klischees über Frank-Walter Steinmeier waren ausgeprägt, als er vor knapp vier Jahren die politische Vorderbühne betrat.
Ob denn dieser fleißige Herr Steinmeier das Amt des Außenministers beherrsche, wurde im Herbst 2005 gefragt. Sollte Steinmeier die Fußstapfen seines Vorgängers Joschka Fischer ausfüllen? Vom Vollblutpolitiker Fischer war dann die Rede, in bewusster Abgrenzung zu Steinmeier.
Ähnliche Fragen wurden wiederholt, abermals runzelte mancher bedenkenreich die Stirn, als Steinmeier zum stellvertretenden SPD-Vorsitzenden aufstieg und Franz Müntefering als Vizekanzler beerbte. Erneute Bedenken, als Steinmeier die Aufgabe der Kanzlerkandidatur längst übernommen hatte, die Umfragewerte der Sozialdemokratie aber im Keller verharrten.
Noch weit nach der Bundestagswahl 2005, als Frank-Walter Steinmeier längst aus dem Schatten Gerhard Schröders getreten war, wurde er weiter als dessen Zögling, Mitarbeiter, Lehrling, ja gar als eine Kopie des Altkanzlers gescholten. Steinmeier hat das geärgert, auch wenn seine Karriere mit der Schröders nun einmal verwoben ist und ohne diesen nicht möglich gewesen wäre. Eineinhalb Jahrzehnte lang hat Steinmeier in Hannover, Bonn und Berlin mit Schröder regiert. Daraus aber eine Ähnlichkeit abzuleiten zwischen dem Lebensweg der beiden Männer oder gar ihrem Charakter, das muss man mindestens originell nennen.
In erster Linie ist Steinmeier in den vergangenen vier Jahren seinen Weg gegangen auf die ihm eigene Art. Unbeirrt, sicher, bodennah, bedächtig, zuweilen schwerfällig, niemals eilend oder gar gehetzt. Steinmeier ist Westfale. Kritik an seiner Führung des Auswärtigen Amtes war selten zu vernehmen. Angreifbar machte sich Steinmeier, als er den Eindruck zuließ, Kanzlerin Angela Merkel sei für die Menschenrechtspolitik zuständig, während er den Trampelpfad der Egon-Bahr'schen Dialogpolitik beschritt. Merkel empfing den Dalai Lama "privat" im Kanzleramt. Steinmeier sprach von "Schaufensterpolitik". Beide setzten auf einen stärker distanzierten Umgang mit Russland und ein entspannteres Verhältnis zu den USA, als es Schröder pflegte.
Die Zweifel an Steinmeiers Eignung als Chefdiplomat waren zerstreut – und sogleich wurde infrage gestellt, ob Steinmeier als "Parteipolitiker" geeignet sei. Der sah sich genötigt, auf seine jahrzehntelange Mitgliedschaft in der SPD zu verweisen. Die ersten Auftritte als Redner auf Parteitagen aber verunglückten. Plötzlich gab Steinmeier den Bierzeltredner, brüllte ins Mikrofon und verwirrte das Publikum mit allzu dröhnender Rhetorik.
Die "Schaufensterpolitik" oder die "Kaufhausmusik" (über das CDU-Programm) waren keine Begriffe von ihm – und jeder merkte es. Zögerlich agierte Steinmeier, als der seinerzeitige SPD-Vorsitzende Kurt Beck die Partei nicht aus dem Dauertief zu holen vermochte. Längst warben große Teile der SPD für eine Kanzlerkandidatur Steinmeiers, und selbst Beck bat darum – der Kandidat-Kandidat aber zauderte und wartete ab.
In einer denkbar ungünstigen Stimmung musste sich Steinmeier vor gut einem Jahr, am Schwielowsee, selbst zum Kanzlerkandidaten ausrufen. Beck kam ihm abhanden, Franz Müntefering wurde dessen Nachfolger. Steinmeier habe auch den Parteivorsitz übernehmen müssen, sagen heute einige. Dies aber traute er sich, auf Solidität und Sicherheit bedacht, nicht zu. Noch nicht.
Er wäre ein guter Kanzler, aber er ist kein guter Kandidat – lautete das neue, vorschnelle Urteil über Steinmeiers Herausfordererrolle. Die ersten Reden Steinmeiers vor Parteipublikum wirkten hölzern. Bandwurmartige Sätze und allerlei Floskeln. Das Geländer, das Steinmeier spontan formulierte, lautete "aus meiner Sicht" oder "ich bin mir da ganz sicher".
Heute wirken diese Unsicherheiten wie aus grauer Vorzeit. Von Wahlkundgebung zu Wahlkundgebung, von Hannover über Wiesbaden nach Brandenburg an der Havel wurde Steinmeier sicherer, selbstgewisser, rhetorisch geschliffener. Der unterschätzte und durch Umfragen angegriffene Steinmeier erwartete vom Fernsehduell mit Merkel wenig. Die Kommentare seien doch schon zuvor alle geschrieben, murmelte er zuvor im kleinen Kreis. Doch es kam ganz anders.
Merkel trat schlechter als erwartet auf, Steinmeier überzeugender als vermutet. Und wenigstens die meisten Kommentare waren doch noch nicht geschrieben. Seit jenem Sonntag vor fast zwei Wochen ist Steinmeier gelassener und fröhlicher. "Mit wirklich großer Zuversicht" sehe er der morgigen Wahl entgegen, sagt Steinmeier. Als er am Montag im Willy-Brandt-Haus auftrat, verabschiedete er sich auf typische Art: "Jau, bis Sonntag!"
Am Sonntag könnte Steinmeier den Vorsitz der SPD beanspruchen. Oder den Fraktionsvorsitz. Oder beides. Nach diesem Wahlkampf aber wird kaum jemand mehr fragen, ob Steinmeier diesen Spitzenjobs gewachsen ist.
















