25.09.09

Frank-Walter Steinmeier

Vom Strippenzieher zum Vollblutpolitiker

Frank-Walter Steinmeier – mit diesem Namen assoziierte man vor allem einen ernsthaften, fleißigen Bürokraten. Er brauchte etwas, um aus dem Schatten Gerhard Schröders zu treten. Und tatsächlich: Der Kanzlerkandidat der SPD hat in den vergangenen vier Jahren deutlich an Format und Ansehen gewonnen.

Foto: dpa
Steinmeier
Wahlkampf musste er erst lernen: SPD-Kandidat Frank-Walter Steinmeier

Der Spitzenbeamte, der Mann im Hintergrund, der Bürokrat, der selbst die Blumensträuße im Aktenordner abheftet – die Klischees über Frank-Walter Steinmeier waren ausgeprägt, als er vor knapp vier Jahren die politische Vorderbühne betrat.

Ob denn dieser fleißige Herr Steinmeier das Amt des Außenministers beherrsche, wurde im Herbst 2005 gefragt. Sollte Steinmeier die Fußstapfen seines Vorgängers Joschka Fischer ausfüllen? Vom Vollblutpolitiker Fischer war dann die Rede, in bewusster Abgrenzung zu Steinmeier.

Ähnliche Fragen wurden wiederholt, abermals runzelte mancher bedenkenreich die Stirn, als Steinmeier zum stellvertretenden SPD-Vorsitzenden aufstieg und Franz Müntefering als Vizekanzler beerbte. Erneute Bedenken, als Steinmeier die Aufgabe der Kanzlerkandidatur längst übernommen hatte, die Umfragewerte der Sozialdemokratie aber im Keller verharrten.

Noch weit nach der Bundestagswahl 2005, als Frank-Walter Steinmeier längst aus dem Schatten Gerhard Schröders getreten war, wurde er weiter als dessen Zögling, Mitarbeiter, Lehrling, ja gar als eine Kopie des Altkanzlers gescholten. Steinmeier hat das geärgert, auch wenn seine Karriere mit der Schröders nun einmal verwoben ist und ohne diesen nicht möglich gewesen wäre. Eineinhalb Jahrzehnte lang hat Steinmeier in Hannover, Bonn und Berlin mit Schröder regiert. Daraus aber eine Ähnlichkeit abzuleiten zwischen dem Lebensweg der beiden Männer oder gar ihrem Charakter, das muss man mindestens originell nennen.

In erster Linie ist Steinmeier in den vergangenen vier Jahren seinen Weg gegangen auf die ihm eigene Art. Unbeirrt, sicher, bodennah, bedächtig, zuweilen schwerfällig, niemals eilend oder gar gehetzt. Steinmeier ist Westfale. Kritik an seiner Führung des Auswärtigen Amtes war selten zu vernehmen. Angreifbar machte sich Steinmeier, als er den Eindruck zuließ, Kanzlerin Angela Merkel sei für die Menschenrechtspolitik zuständig, während er den Trampelpfad der Egon-Bahr'schen Dialogpolitik beschritt. Merkel empfing den Dalai Lama "privat" im Kanzleramt. Steinmeier sprach von "Schaufensterpolitik". Beide setzten auf einen stärker distanzierten Umgang mit Russland und ein entspannteres Verhältnis zu den USA, als es Schröder pflegte.

Die Zweifel an Steinmeiers Eignung als Chefdiplomat waren zerstreut – und sogleich wurde infrage gestellt, ob Steinmeier als "Parteipolitiker" geeignet sei. Der sah sich genötigt, auf seine jahrzehntelange Mitgliedschaft in der SPD zu verweisen. Die ersten Auftritte als Redner auf Parteitagen aber verunglückten. Plötzlich gab Steinmeier den Bierzeltredner, brüllte ins Mikrofon und verwirrte das Publikum mit allzu dröhnender Rhetorik.

Die "Schaufensterpolitik" oder die "Kaufhausmusik" (über das CDU-Programm) waren keine Begriffe von ihm – und jeder merkte es. Zögerlich agierte Steinmeier, als der seinerzeitige SPD-Vorsitzende Kurt Beck die Partei nicht aus dem Dauertief zu holen vermochte. Längst warben große Teile der SPD für eine Kanzlerkandidatur Steinmeiers, und selbst Beck bat darum – der Kandidat-Kandidat aber zauderte und wartete ab.

In einer denkbar ungünstigen Stimmung musste sich Steinmeier vor gut einem Jahr, am Schwielowsee, selbst zum Kanzlerkandidaten ausrufen. Beck kam ihm abhanden, Franz Müntefering wurde dessen Nachfolger. Steinmeier habe auch den Parteivorsitz übernehmen müssen, sagen heute einige. Dies aber traute er sich, auf Solidität und Sicherheit bedacht, nicht zu. Noch nicht.

Er wäre ein guter Kanzler, aber er ist kein guter Kandidat – lautete das neue, vorschnelle Urteil über Steinmeiers Herausfordererrolle. Die ersten Reden Steinmeiers vor Parteipublikum wirkten hölzern. Bandwurmartige Sätze und allerlei Floskeln. Das Geländer, das Steinmeier spontan formulierte, lautete "aus meiner Sicht" oder "ich bin mir da ganz sicher".

Heute wirken diese Unsicherheiten wie aus grauer Vorzeit. Von Wahlkundgebung zu Wahlkundgebung, von Hannover über Wiesbaden nach Brandenburg an der Havel wurde Steinmeier sicherer, selbstgewisser, rhetorisch geschliffener. Der unterschätzte und durch Umfragen angegriffene Steinmeier erwartete vom Fernsehduell mit Merkel wenig. Die Kommentare seien doch schon zuvor alle geschrieben, murmelte er zuvor im kleinen Kreis. Doch es kam ganz anders.

Merkel trat schlechter als erwartet auf, Steinmeier überzeugender als vermutet. Und wenigstens die meisten Kommentare waren doch noch nicht geschrieben. Seit jenem Sonntag vor fast zwei Wochen ist Steinmeier gelassener und fröhlicher. "Mit wirklich großer Zuversicht" sehe er der morgigen Wahl entgegen, sagt Steinmeier. Als er am Montag im Willy-Brandt-Haus auftrat, verabschiedete er sich auf typische Art: "Jau, bis Sonntag!"

Am Sonntag könnte Steinmeier den Vorsitz der SPD beanspruchen. Oder den Fraktionsvorsitz. Oder beides. Nach diesem Wahlkampf aber wird kaum jemand mehr fragen, ob Steinmeier diesen Spitzenjobs gewachsen ist.

© Berliner Morgenpost 2013 - Alle Rechte vorbehalten
Die Favoriten unseres Homepage-Teams

Bei den Lohnverhandlungen gab es eine Einigung bei den BVG
Aktualisiert vor 9 MinutenLohnverhandlungen
BVG zahlt höhere Löhne - Streikgefahr abgewendet

In den festgefahrenen Tarifverhandlungen bei den Berliner Verkehrsbetrieben gab es einen Kompromiss. Die Löhne sollen in drei Schritten bis 2015 erhöht werden. mehr...

Rechtsanspruch: Bis 2017 müssen insgesamt 11.000 Betreuungsplätze geschaffen werden
09:47Erfolgloses Konzept
"Ein-Euro"-Kitas werden wieder abgeschafft

Viele Berliner Kitas müssen dringend saniert werden, den Bezirken fehlt jedoch das Geld. Das zur Lösung des Problems geplante Ein-Euro-Programm wird nun beendet - der Senat hält es für gescheitert. mehr...


Rocket-Internet-Geschäftsführer Alexander Kudlich in der Firmenzentrale in Mitte
11:03Rocket Internet
100 Millionen Dollar für Zalando-Klon Zalora

Der von Rocket Internet im vergangenen Jahr nach dem Zalando-Vorbild in Südostasien gegründete Modeversender Zalora geht auf Expansionskurs. Finanziert von Kinnevik, Summit Partners und Tengelmann mehr...


In diesem Supermarkt in der Residenzstraße in Berlin-Wedding wurde der 82-jähriger Mann niedergestochen
21.05.13Wedding
Mann ersticht Kunden an Fleischtheke im Supermarkt

Erneut ist es in Berlin zu einer Gewalttat gekommen: Ein offenbar verwirrter Mann erstach am Dienstag einen 82-jährigen Kunden an der Fleischtheke eines Supermarktes in Gesundbrunnen. mehr...

Leser-Kommentare Kommentare
Leserkommentare sind ausgeblendet.
Kommentare einblenden
Die Technik der Kommentarfunktion "DISQUS" wird von einem externen Unternehmen, der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen

Die Moderation der Kommentare liegt allein bei MORGENPOST ONLINE.
Allgemein gilt: Kritische Kommentare und Diskussionen sind willkommen, Beschimpfungen / Beleidigungen hingegen werden entfernt. Wie wir moderieren, erklären wir in der Netiquette.
blog comments powered by Disqus
 
Multimedia
Frank-Walter Steinmeier

Eine lange Karriere in der SPD

Top-Thema
title
Start-ups in Berlin

Gründerzeit: Die Serie und das Blog der Berliner Morgenpost.

Video Nachrichten mehr
Oklahoma Wiedersehen nach dem schweren Tornado
Xbox One Microsoft stellt neue Spielkonsole vor
Iran Rafsandschani darf bei Wahl nicht antreten
US-Kongress Apple verteidigt Steuersparmodell
Die Welt - Aktuelle News
  1. 1. DeutschlandParteijubiläumDie SPD hat den Glauben an eine bessere Welt verloren
  2. 2. WirtschaftManagergehälterDeutsche-Bank-Chefs sollen Boni zurückzahlen
  3. 3. AuslandSyrienBND rechnet mit Vormarsch von Assads Truppen
  4. 4. WirtschaftManagergehälterDer Schweiz drohen die eigenen Konzerne wegzulaufen
  5. 5. DeutschlandPartei im ZwielichtDie Grünen waren ein „Honigtopf“ für Päderasten
 
Top Bildershows mehr
Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Fotogalerie

Das sind die Berliner Bilder des Tages

Bilder von oben

Das zerstörte Oklahoma City aus der Luft

 
In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote