TV-Duell
Merkel gegen Steinmeier - Als würden Igel kuscheln
Das TV-Duell zwischen Bundeskanzlerin Merkel (CDU) und ihrem Herausforderer Frank-Walter Steinmeier (SPD) hat dem schleppenden Bundestagswahlkampf keinen neuen Schwung verliehen. Das Duell war eher ein Duett. Eine große Koalition wahrscheinlicher denn je, meint Morgenpost-Kommentator Hajo Schumacher.
Ein Duell wie ein Diesel: Zäh und holprig ging es los, erst mit der Zeit kam Fahrt ins Gespräch. Zum spannenden Zweikampf wurde das Fernsehereignis des Jahres dennoch nicht. Die 90 Minuten gerieten eher zu einem betulichen Vier-gegen-Zwei-Kampf: Moderatoren gegen Politiker. Positionen verschwammen, nur selten wurden für den Wähler klare Alternativen herausgearbeitet. Die Kanzlerin und ihr Vize spielten eher eine Koalitionsrunde nach als einen anspruchsvollen politischen Streit. So muss es sein, wenn Igel kuscheln.
Bundeskanzlerin Angela Merkel übte sich in präsidialem Gestus, der Herausforderer Frank-Walter Steinmeier zeigte sich vor allem am Anfang überraschend stark; aber beide beschränkten sich darauf, Fragen abzuarbeiten oder auszuweichen anstatt sich direkt mit dem politischen Gegner auseinander zu setzen. Die Kanzlerin hatte schon einige bessere TV-Momente, der überraschend souveräne Herausforderer kaum. Der deutliche Abstand, der Union und SPD derzeit in den Umfragen trennt, bildete sich in diesem Schaukampf nicht ab. So endete das Duell mit einem Unentschieden, das eher dem Herausforderer nutzte, die Regierungschefin aber nicht arg beschädigte. Sie füllte ihre Kanzlerinnen-Rolle gerade zum Ende hin so aus wie gewohnt.
Wer einen Ringkampf miterleben wollte, wurde erwartungsgemäß enttäuscht, im Gegensatz zu Raufbolden aus der Schröder/Stoiber-Klasse präsentierten sich Regierungschefin und Vize-Kanzler als routinierte Polit-Schachspieler. Überraschungen blieben aus, ebenso größere Pannen, Ausfälligkeiten oder emotionale Gipfel. Wer vier Jahre lang nebeneinander sitzt und regiert, verzichtet eben auf Polemik. Spürbar war der Wille, sich nicht allzu weh zu tun. Und die Moderatoren Illner (ZDF), Kloeppel (RTL), Plasberg (ARD) und Limbourg (Sat. 1) schafften es nicht, die Kontrahenten zu einem Streit zu bewegen. Wobei am Rande festzuhalten ist, dass ein Qualitätsunterschied zwischen privaten und öffentlich-rechtlichen Fragestellern nicht erkennbar war.
Das TV-Duell litt von Anfang an unter seinem Konstruktionsproblem: Vier Moderatoren sind zuviel, erst recht, wenn der Egomane Frank Plasberg dabei ist. Der Start ist mäßig vorbereitet, die Frager provozieren erwartbare Allgemeinplätze zu vier Jahren großer Koalition, die Kontrahenten keilen nicht, sondern entwischen erwartungsgemäß. Fast zehn Minuten lang plänkelt man sich bis zum ersten Inhalt: Es geht um Krise und soziale Gerechtigkeit. Limbourgs Frage, welche Gewissheiten ins Wanken geraten sind, ist gut, aber die Kanzlerin weicht aus. Plasberg wechselt grundlos das Thema. Nächste Chance verspielt.
Endlich wird es konkret: Mindestlohn. Es geht um das Symbolthema Frisörpreise. Eine gute Chance für die Kanzlerin, Wirtschaftskompetenz und Empathie für Kleinverdiener zu demonstrieren. Sie zeigt Mitgefühl für die Karstadt-Verkäuferin, erklärt aber nicht, warum dem Opel-Malocher mit Staatshilfen beigesprungen wird, der Karstadt-Mutter Arcandor dagegen nicht. Leider fragen die Moderatoren auch nicht danach. Der Herausforderer spielt die Klassiker: ethische Wirtschaft, Boni, Abfindungen, Gehaltsdeckel.
Auch das zweite Arbeits-Thema geht eher zu Steinmeiers Gunsten aus: der Mindestlohn. Die Kanzlerin unterschätzt die Frage offenbar: Sie antwortet zu technisch, fern von den Menschen. Steinmeier nimmt den Ball eleganter auf, argumentiert mit den Erfahrungen anderer Länder, schrödert überraschend untechnokratisch. Doch Merkel punktet mit nachgereichten Sätzen.
Endlich das erste polarisierende Thema, das den Zuschauern echte Orientierung verschafft: Atomkraft. Die Kanzlerin bekräftigt, dass sie Kernenergie als Brückentechnologie betrachtet, Steinmeier bekräftigt das Bekenntnis zum Ausstieg. Auch hier fehlt die Nachfrage: Wenn Brücke, wie lange? Wenn sofortiger Ausstieg, was ist mit dem Klima? Das erste Drittel betulichen Abfragens endet mit einer sekundengenau gleichlangen Redezeit: je 13 Minuten und 19 Sekunden. Beide haben sich locker und sicher geredet.
Die Duellanten werden auch im Mittelteil kaum gefordert. Spürbar ist die konzentrierte Vorbereitung, die Merkel wie Steinmeier ganz offenbar in ihren Trainingslagern absolviert haben. Sie lassen sich nicht provozieren. Allenfalls beim Thema Steuererleichterungen ist ein Dissens festzustellen. Angela Merkel muss erklären, wie sie einen strapazierten Haushalt organisieren will. Sie setzt auf Wachstum, der Vize betont die Gerechtigkeit und greift stellvertretend für die Union die FDP scharf an.
Geplauder und Geplänkel
Während Merkel mit dem Ackermann-Dinner gequält wird, kommt Steinmeier relativ ungeschoren aus den Glaubwürdigkeitsrisiken Ulla Schmidt und Afghanistan heraus. Gerade beim Krieg gegen den Terror, der den Wahlkampf 2002 noch mit entschied, wurden Merkel wie Steinmeier zu schnell aus dem Gespräch entlassen. Steinmeiers Drehungen bei Afghanistan fallen beim Kuschelplaudern kaum auf.
Das Schlussdrittel wird von den üblichen Rechenspielchen zu Koalitionen besprochen, aus denen sich beide elegant herausflunkern können. Allenfalls die Frage nach dem Umgang mit der Linkspartei bringt noch etwas Stimmung. Merkel greift an und verweist darauf, dass die SPD-Präsidentschaftskandidatin Gesine Schwan nur mit den Stimmen der Linken den Sprung ins Schloß Bellevue geschafft hätte. Zentrale Themen wie Rente oder Bildung finden nicht statt, weder die Krawalle in Hamburg noch der Tote in der Münchner S-Bahn.
Das Finale: Steinmeiers Schluss-Plädoyer wirkt wie aufgesagt, Merkel hat besser geübt, bedankt sich, schafft den Spagat zwischen versöhnlichen Worten und hartem Führungsanspruch. Die Kanzlerin punktet mit einem sauber durchgearbeiteten und für ihre Verhältnisse stark vorgetragenen Schlusswort. Steinmeier kann von Glück reden, dass die Runde vorbei ist. Immerhin hat er die Rolle des Vizes über weite Strecken abgeschüttelt.
Fazit: Beiden Kandidaten fehlten vor allem die emotionalen Momente. Wo waren die christlichen Werte, wo blieb die mitmenschliche Schalmei, wo verbarg sich der Nachweis von gelebter Bürgernähe und Verständnis, warum fehlte ein tröstendes Wort für die Opfer des Afghanistan-Einsatzes? Kanzlerin wie Herausforderer haben auf der Gefühlsebene kein Milligramm mehr geliefert, als man bei einem Gespräch zwischen einem Juristen und einer Physikerin erwarten konnte. Der Bürger dürfte das Duett eher verwirrt hinterlassen haben.
Eine große Koalition ist nach diesem Abend wahrscheinlicher denn je.
Die Moderation der Kommentare liegt allein bei MORGENPOST ONLINE.
Allgemein gilt: Kritische Kommentare und Diskussionen sind willkommen, Beschimpfungen / Beleidigungen hingegen werden entfernt. Wie wir moderieren, erklären wir in der Netiquette.
blog comments powered by Disqus
- Digitale Analyse 2: Merkels wichtigste Themen im Kanzler-Duell
- Digitale Analyse 1: Steinmeiers wichtigste Themen im Kanzler-Duell
- Presseecho: So kommentieren die Zeitungen das TV-Duell
- Protokoll: Das TV-Duell Merkel gegen Steinmeier im Wortlaut
- Kommentare im Netz: Was die Twitter-Nutzer zum TV-Duell meinen
- 14,21 Millionen Zuschauer: Maue Quote für TV-Duell Merkel gegen Steinmeier
-
17:02Prozess: Reisebusunglück - Bewährungsstrafe für Angeklagte...
-
16:56Entscheidungslösung: Jeder Bundesbürger soll über Organspende nachdenke...
-
16:43Währungsausschuss: EU will Ein- und Zwei-Cent-Münzen abschaffen
- 1. Live-Ticker Otto Rehhagel - "Ich habe so etwas noch nie erlebt"
- 2. Drogeriekette Berggruen macht Schlecker-Mitarbeitern Hoffnung
- 3. Bauexperten Zweifel am neuen Eröffnungstermin für BER wachsen
- 4. "Ein Scherz" Flugsicherung prüft juristische Schritte gegen RBB
- 5. Entscheidungslösung Der Bundestag beschließt Organspende-Reform














