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25.08.09

Niedergeschlagen

Henryk M. Broders Erfahrung mit nackten Fäusten

Der Kopenhagener Stadtteil Christiania ist Heimat für eine Aussteiger- und Hippiekommune mit besonderen Regeln. Sie gilt als rechtsfreier Raum. Das bekam auch der Autor Henryk M. Broder am eigenen Leibe zu spüren – und entfachte dadurch in Dänemark eine Debatte über die Macht des Staates im eigenen Land.

© AP/AP ORIGINAL zu : O:\\BILDER\\B_F
APTOPIX DENMARK CLASHES
Meist ist es friedlich im Kopenhagener Stadtteil Christiania, doch zuweilen wird es auch gewalttätig. Hier nehmen dänische Polizisten nach nächtlichen Krawallen mit Barrikadenbau und ausgebrannten Autos einen Demonstranten in Gewahrsam

Es gibt sicher nicht wenige, die sich freuen, wenn Henryk M. Broder am Boden liegt. Zu streitbar ist der Journalist und Buchautor, der sich in seinen Publikationen so gerne der Polemik bedient, als dass es in manchen Kreisen nicht ein Schmunzeln hervorrufen würde. Zumindest aber ist Broder immer für Aufregung gut, weil er gerne provoziert. Nicht umsonst gehörte sein am vergangenen Sonntag für "Spiegel online" geschriebener Erlebnisbericht über die Grenzen des dänischen Rechtsstaats, die er am eigenen Leib erfuhr, zu den meistgelesenen an diesem Tag.

Broder war also in Christiania unterwegs. Jener Hippie- und Aussteigerkommune im Herzen Kopenhagens, um die sich zahlreiche Mythen und Geschichten ranken und in der die Polizei schon lange nicht mehr das Sagen hat. In Christiania gibt es nicht viele Regeln. Harte Drogen etwa sind verboten, ebenso das Ausschenken von Spirituosen. Beides verträgt sich nur schlecht mit Haschisch, das dort in rauen Mengen angeboten wird. Täglich positionieren sich die Dealer in der sogenannten Pusher Street, dem touristischen Mittelpunkt Christianias, der auf dem 34 Hektar großen Gelände jedoch nur einen Bruchteil der Gesamtfläche ausmacht. Fotografieren ist dort, und hier kommen wir zu Regel Nummer drei, verboten, weil Drogenhändler es nicht gerne haben, wenn sie bei ihren illegalen Geschäften abgelichtet werden. Riesige Schilder mit durchgestrichenen Fotoapparaten weisen an jeder Ecke darauf hin. Wer sich nicht daran hält, muss mit Konsequenzen rechnen. Auch das steht dort.

Trotzdem zückte Broder die Kamera und schoss ein paar Bilder, unter anderem von einem Trinker, den er zuvor um Erlaubnis gebeten hatte. "Die Dealer habe ich nicht fotografiert", sagt der Autor. Vielleicht hätte er es getan, wäre er dazu gekommen. Schließlich gibt es in Dänemark kein Gesetz, das das Fotografieren an öffentlichen Plätzen verbietet. Doch so weit kam es gar nicht. Schon bald bauten sich zwei muskulöse Männer vor Broder auf und forderten dessen Kamera. Als er sie nicht rausrücken wollte, fand er sich mit einigen Schlägen schnell zu Fall gebracht – und seinen Fotoapparat in einer der brennenden Mülltonnen, die in der Pusher Street allgegenwärtig sind. "Ich habe ordentlich blaue Flecken abbekommen", sagt Broder.

Derartiges ist in Christiania schon häufiger passiert, im Falle des "Spiegel"-Autors rief das Ereignis in der dänischen Presse jedoch ein ungewohnt großes Echo hervor. Die beiden größten Tageszeitungen berichteten darüber, und die Beurteilung des Ganzen fiel doch recht unterschiedlich aus. Dabei ging es vor allem um die Frage, inwiefern das in Christiania geltende "Faustrecht" (Broder) zu akzeptieren oder aber die völlige Abwesenheit des Rechtsstaats anzuprangern ist. Eine Frage, die Dänemark nicht erst seit Broders Bekanntschaft mit nackten Fäusten beschäftigt.

Uneinigkeit über Bewertung des Vorfalls

Die linksliberale Zeitung "Politiken" und die konservative "Jyllandsposten", die im September 2005 die fast schon legendären zwölf Mohammed-Karikaturen abdruckte, waren sich jedenfalls uneins über die Bewertung des Vorfalls. So räumt "Politiken" der Meinung des Christiania-Pressesprechers Johannes Brandt großen Raum ein, ohne selbst Stellung zu beziehen. Broder sei auf Konfrontation aus gewesen, meint Brandt. "Und wer provoziert, muss mit Konsequenzen rechnen." Man müsse Verständnis haben für die Dealer, die ziemlich gestresst seien in letzter Zeit, weil sie Angst hätten, dass der dänische Staat seine Drohungen wahr mache, in der rechtsfreien Zone Christiania aufzuräumen. Selber schuld also, will man Broder damit wohl sagen.

Anders "Jyllandsposten", die in einem Leitartikel die mangelnde Präsenz der Polizei beklagt und ein hartes Durchgreifen des Staates fordert. Dazu druckte sie Broders "Spiegel"-Artikel und setzte darüber eine farbige Karikatur, die den Streitbaren zeigt, wie er auf dem Rücken liegend mit ansehen muss, wie seine Kamera von einem Schläger entsorgt wird. Daneben ein feist grinsender Bullterrier. Das Bild stammt von einem der Karikaturisten, die mit ihren Zeichnungen auch schon die Mohammed-Krise ausgelöst haben. Ein Umstand, von dem sich Broder "geschmeichelt" fühlt.

Die Aufregung in der dänischen Presse speist sich auch aus den Schilderungen Broders über seinen anschließenden Besuch bei der Polizei, die ihm freundlich mitteilte, dass ihr leider die Hände gebunden seien. "Wir brauchten 50 Mann, um da einzurücken", sagte einer der Beamten, "ansonsten machen die uns platt." Laut "Jyllandsposten" ein Armutszeugnis. Der Staat kapituliere vor dem kriminellen Milieu.

Broder selbst wollte nicht so schnell aufgeben und zumindest seine Kamera retten. Er kippte die brennende Mülltonne um, verbrannte sich dabei aber nun auch buchstäblich die Finger und musste um eine Erfahrung reicher von dannen ziehen. Der Fotoapparat war zu diesem Zeitpunkt ohnehin schon Schrott. Kopenhagen will er sich dennoch auch in Zukunft nicht vermiesen lassen. "Meiner Begeisterung für die Stadt tut das keinen Abbruch", sagt er. Broder wird also wiederkommen – wenn wohl auch nicht nach Christiania.

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