20.03.13

Ex-Ministerin

Das neue und einfache Leben der Dr. Annette Schavan

Als Bundesbildungsministerin war Annette Schavan Anfang Februar zurückgetreten. Aber ihr politisches Leben geht weiter, beispielsweise bei einer Preisverleihung - auch ohne Referent und Leibwächter.

Foto: HARALD THIERLEIN

Annette Schavan erhält in Potsdam den Abraham-Geiger-Preis aus der Hand von Professor Walter Homolka. Sie hatte die Fachrichtung jüdische Theologie in Potsdam mit Nachdruck durchgesetzt
Annette Schavan erhält in Potsdam den Abraham-Geiger-Preis aus der Hand von Professor Walter Homolka. Sie hatte die Fachrichtung jüdische Theologie in Potsdam mit Nachdruck durchgesetzt

Der israelische Botschafter war gekommen, Brandenburgs amtierende Kultusministerin, der Oberbürgermeister der Stadt Potsdam, ein früherer Ministerpräsident und einige Hochschullenker. Im Potsdamer Nikolaisaal wurde Annette Schavan mit dem Abraham-Geiger-Preis geehrt. Der Vizepräsident der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, Christoph Markschies, hielt die Laudatio.

Die ehemalige Bildungsministerin, die zur Zeit vor Gericht gegen die Aberkennung ihres Doktortitels kämpft, wirkte in Potsdam gelöst. Kein Wunder, konnte sie doch annehmen, hier mit Freunden und alten Weggefährten aus der Wissenschaftsszene zusammen zu sein, die sich in den Monaten vor ihrem Rücktritt als ihre Verteidiger erwiesen hatten.

Nicht nur auf Markschies trifft das zu. Neben ihm saß ja auch Jan-Hendrik Olbertz, sein Nachfolger als Präsident der Humboldt-Universität, der nach Schavans Rücktritt bestürzt erklärt hatte: "Die Bundespolitik verliert mit Annette Schavan eine großartige, versierte und sehr engagierte Wissenschaftsministerin, die in Deutschland und auf internationalem Podium höchste Anerkennung genießt."

Es war also ein Heimspiel, auch wenn die Lücken im Auditorium nicht zu übersehen waren. Nicht anwesend war der brandenburgische Ministerpräsident Matthias Platzeck. Nicht anwesend war Schavans Nachfolgerin Johanna Wanka. Nicht anwesend war auch der Präsident der Kultusministerkonferenz, Stephan Dorgerloh. Annette Schavan wird das genau registriert haben. Schließlich ist sie seit 1975 in der Politik. Sie kennt die unerbittlichen Gesetze des Betriebs.

Würdige Preisträgerin

Annette Schavan ist die achte Trägerin des Abraham-Geiger-Preises seit 2000, das das gleichnamige Kolleg an der Universität Potsdam für "Verdienste um das Judentum in seiner Vielfalt" vergibt. Es hätte keine Verdienstvollere geben können, hätte nicht der Schatten des erzwungenen Rücktritts auf dem Festakt gelegen.

Es war Annette Schavan, die die Verankerung der Fachrichtung jüdische Theologie an einer deutschen Hochschule, nämlich der Universität Potsdam, mit Entschlossenheit durchgesetzt hatte. "Ich bin davon überzeugt, dass die Theologien der drei großen Weltreligionen - des Judentums, des Islams und des Christentums - im Haus der Wissenschaft wichtig sind, und ich bin froh darüber, dass entsprechende Initiativen erfolgreich waren", sagte sie.

Annette Schavan trug einen Brokatblazer, dazu ein schwarzes Top. Sie gab sich aufgeräumt, und man musste bei ihrer Dankesrede schon sehr genau hinhören, um Zeichen der Kränkung zu erkennen. So dankte sie Markschies ausdrücklich dafür, dass er jene Reden so gründlich nachgelesen hatte, die sie zu ihren Zeiten "als Bundesministerin" über theologischen Fragen gehalten hatte. Markschies, der unermüdliche Anwalt Schavans, hatte in diesem Zusammenhang noch gesagt, er hoffe, derlei werde "in diesen Tagen nicht nur von Plagiatsjägern gelesen".

Was war das also für eine Veranstaltung? Eine ehemalige Bundesministerin wurde geehrt, die unter unrühmlichen Umständen ihr Amt abgeben musste. Der Wissenschaftsbetrieb, dem sie auf Bundesebene acht Jahre vorstand, machte auf diese Weise einen Haken unter diese lange und ja auch erfolgreiche Periode.

Kein Dienstwagen, kein Referent

Die neuen Zeiten, die für Annette Schavan mit ihrem Rücktritt am 9. Februar angebrochen sind, zeigten sich in Potsdam noch einmal deutlich am Verlust der Insignien der Macht. Kein Dienstwagen mehr, kein Referent, und ein Sicherheitsmann war auch nicht in Sicht. Annette Schavan kam mit der Fahrbereitschaft des Bundestags, die jedem Abgeordneten rund um die Uhr zur Verfügung steht. Und Bundestagsabgeordnete will sie ja bleiben, über die Wahl im September hinaus.

Mit großer Mehrheit war sie erst im Wahkreis Ulm nominiert und dann in Weilheim auf der CDU-Landesliste Baden-Württemberg verankert worden. Bei dieser Versammlung hatte man Schavan demonstrativ weiter mit dem Doktortitel angesprochen, den sie – so lange das Verwaltungsgericht Düsseldorf keine Entscheidung über ihre Klage getroffen hat - auch weiter tragen darf.

Die CDU, die so lange mit ihr fremdelte, scheint die über eigene Fehler Gefallene mehr zu mögen als die alte Strippenzieherin Schavan. Das wird auch die Kanzlerin freuen, man weiß ja, dass Angela Merkel mit ihr ein Vertrauensverhältnis verbindet. Eine Freundschaft, die Annette Schavan am Tag ihres Rücktritts mit den Worten kommentierte: "Freundschaft hängt nicht an Amtszeiten und wirkt über diesen Tag hinaus."

Margot Käßmann im Publikum

Für Annette Schavan war der Abend von Potsdam der dritte öffentliche Auftritt seit diesem Termin im Kanzleramt. Vorher hatte man sie im Ehinger Karneval gesichtet – Fastnachtsruf: "Kügele hoi!". Bei der Gelegenheit hatte sie beteuert: "Ich bin mit mir im Reinen. Es geht mir gut."

In Potsdam saß eine Frau im Publikum, die sich als ähnlich zäh erwiesen hatte: Margot Käßmann. Die Theologin, die im Februar 2010 wegen einer Trunkenheitsfahrt ihr Amt als Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland aufgegeben hatte. Was für Schavan die CDU, war für Käßmann damals die Kirche. Die 54-Jährige ist heute Spezial-Luther-Beauftragte der EKD.

Im Fall Schavan wird über Ähnliches nachgedacht. Sollten die Richter hinsichtlich der Plagiatsvorwürfe auf Freispruch entscheiden, so ein CDU-Bundesvorstandsmitglied, "dann sollten wir über eine Teil-Rehabilitierung nachdenken".

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