28.02.13

Stilberatung

Diese Kleidung passt zum apfelgrünen Bentley

Ein Bentley in kreischendem Grün oder, um exakt zu sein: in Applegreen Metallic, ist genau das Richtige für wohlhabende Exzentriker. Aber was soll man zu diesem Auto nur tragen?

Von Stefan Anker
Foto: Reto Klar

Herrenausstatter Gerd Seehafer (vorn) hat „Welt“-Reporter Stefan Anker bei der Frage beraten, welche englische Kleidung am besten zu einem apfelgrünen Bentley Continental GT Speed passt. Dazu musste...

11 Bilder

Ich bin ja mehr der Typ Silbermetallic. Also beim Auto. Und so ähnlich kleide ich mich auch: Jeans, graues Sakko, dazu ein blaues, schwarzes oder weißes Hemd. Ich halte das für seriös, man könnte natürlich auch langweilig dazu sagen. Im Moment jedenfalls ist es völlig unangebracht.

Nein, nein, die falsche Kleidung zum Auto gebe es nicht, sagt Gerd Seehafer, in dritter Generation Inhaber des Berliner Herrenausstatters Brummer, der seit 1920 auf englische Stoffe und Schnitte spezialisiert ist.

Zu dem Luxusmodell, das ich ihm vorstelle, es ist ein Bentley Continental GT Speed in Applegreen Metallic, könne man auch Bermudas, Polohemd und Flipflops tragen. Als ich stutze, schiebt er noch nach: in St-Tropez, bei 30 Grad.

Zunächst probieren wir eine violette Hose

Seehafer ist halb Schneider, halb Kaufmann, seit 40 Jahren im Geschäft, er hat sehr schnell eine Idee, was passen könnte zu meinem extravaganten Wagen. An die Umkleidekabine bringt er mir eine violette Cordhose, und wer einmal das Emblem des All England Lawn Tennis and Croquet Club in Wimbledon gesehen hat, wundert sich nicht: Lila-Grün ist mindestens so britisch wie das Blau-Weiß-Rot im Union Jack.

Am Ende wird es eine rote Hose, 125 Euro, englischer Cord, darauf legt Seehafer Wert. Hält länger als italienischer und beult an den Knien nicht aus. "Davon haben Sie jahrelang etwas, das ist wie bei guten englischen Schuhen."

Ich überlege, ob das auch für das Auto gilt: Ist ein teures Modell nicht nur schöner, schneller, größer, sondern auch haltbarer? Oft ist das so, aber vielleicht nur, weil die Leute mehr als ein Auto besitzen und mit jedem einzelnen wenig fahren.

Lamborghini-Käufer schaffen im Durchschnitt 5000 Kilometer im Jahr, der millionenschwere Bugatti bekommt nicht einmal 2000 auf den Tacho.

"Für Berlin ist das etwas ungewöhnlich"

Aber ich kann mich beim Herrenausstatter nicht um Zahlen kümmern, es geht hier um Stoffe und Farben. Zu der roten Hose passt wenigstens das blau-weiß gestreifte Hemd und die braunen Wildlederschuhe, die ich mitgebracht habe. Ich bin ganz zufrieden, dass ein bisschen von meinem Standard-Look erhalten bleibt.

Aber alles, was nicht im Hintergrund verschwinden kann, kommt neu: ein Sakko aus Oxford-Tweed (398 Euro), klein kariert, vielfarbig, lindgrün im Grundton. Eine gelbe Weste (98 Euro) aus Moleskin. Eine rote Schalkrawatte (50 Euro) aus Seide. "Wenn Sie jetzt durch Hamburg oder Köln gehen würden, würden Sie gar nicht auffallen", sagt Seehafer. "Für Berlin ist das natürlich etwas ungewöhnlich."

Oh ja! Außer im Karneval habe ich noch nie fünf Farben auf einmal getragen, andererseits fühle ich mich nicht närrisch, im Gegenteil. Ich fühle mich lässig, so lässig eben, wie jemand sein kann, der ein Auto zum Listenpreis von 204.561 Euro in Apfelgrün bestellt.

Der Bentley, ohnehin durch seine muskulöse Gestalt und seinen fordernden Gesichtsausdruck sehr auffällig, ist in diesem Lack geradezu überpräsent, das muss man mögen. Und sich entsprechend kleiden: wennschon – dennschon.

104 Farben gibt es für den Bentley

Der englische Stil, darauf legt Gerd Seehafer Wert, hat nichts Unseriöses. "Das ist ja nicht Kikeriki, was Sie jetzt tragen." So ähnlich dürfte die Haltung in Crewe sein, der Bentley-Zentrale in England. 104 Farben sind für den Continental GT Speed im Angebot, davon allein 21 Blautöne und neunmal Schwarz (elfmal Grau und Silber auch).

Manche Lackierungen gehören zum sogenannten Bespoke-Programm, und Bespoke ist das Pendant zur Maßschneiderei. Applegreen Metallic etwa kostet 3844 Euro Aufpreis, und bei Brummer kann ich die gelbe Weste auch als Zweireiher haben, wenn ich will. "Die fertigen wir dann extra für Sie an."

Das Auto selbst ist natürlich ein Serienprodukt, wenn auch in Crewe vieles in Handarbeit entsteht. Und wenn sich der Wagen beim Fahren auch ein wenig exzentrisch aufführt. So sendet das Display in der Mittelkonsole eine Protestmeldung, als ich das erste Mal schnell fahren will. Immerhin trägt der Wagen den Beinamen Speed, und mit 330 km/h Höchstgeschwindigkeit ist er der schnellste Gran Turismo, den man kaufen kann.

Aber bei Tempo 200 erhebt er schon Einspruch. Der Reifendruck passe nicht zur gewünschten Geschwindigkeit. Ich taste ein wenig auf dem Touchscreen herum (der – by the way – etwas feinfühliger und zügiger auf meine Finger reagieren könnte) und entdecke, dass es drei Einstellungen für den Reifendruck gibt: normal, schnell, Maximum.

Der Continental GT Speed ist nichts für Chauffeure

Das ist ungewöhnlich, aber ich gehorche, pumpe an der Tankstelle vorn 3,7, hinten 3,4 Bar hinein und bin froh, dass ich zu diesem Zeitpunkt wieder umgezogen bin: In roter Hose und gelber Weste an den Ventilkappen hantieren?

Andererseits ist ein Continental GT Speed kein Auto, um einen Chauffeur zu beschäftigen. Hinten kann man zwar sitzen, aber die Freude am Zwölfzylinder, an 625 PS und 800 Newtonmeter Drehmoment, die möchte man nicht dem Personal überlassen.

Später telefoniere ich noch einmal mit meinem persönlichen Stilberater. Zu den Fotoaufnahmen hatte er dunkelblaue Nadelstreifen, weißes Hemd und rosa Krawatte getragen, sah also ganz anders aus als ich.

Ein Geschäftstermin war der Grund, und im täglichen Business unterschieden sich die Engländer in den großen Städten gar nicht so sehr von den Kontinentaleuropäern, sagt Gerd Seehafer in den Hörer. Nur am Casual Friday eben oder am Wochenende – "ich trage jetzt auch eine goldfarbene Cordhose".

Zu geizig für einen guten Anzug

Kunden, die wie ich nach passender Kleidung zum Auto fragen, habe Seehafer allerdings noch nie gehabt. "Es gibt aber welche, die wollen Anzüge für die Jagd oder fürs Golfspielen."

Was den Ausstatter umtreibt, sind Menschen, die ein Auto haben wie ich (die es im Gegensatz zu mir auch wirklich besitzen), aber beim Kleiderkauf geizen. "Die geben 150.000 Euro für ein Auto aus, aber sehen nicht ein, dass sie für einen Anzug 500 zahlen sollen."

Dabei ist das doch nur ein Bruchteil dessen, was man etwa für die Extras beim Bentley Continental GT Speed anzulegen hat. Ich finde am hübschesten eine Art Brillenetui hinter dem Wahlhebel der Achtgang-Automatik, das 500 Euro kostet.

Dazu ist das Auto mit Keramikbremsen (12.138 Euro) ausgestattet, einem Soundsystem von Naim (6390 Euro) und Karbon-Einlagen im Innenraum (4712 Euro), um nur mal die teuersten Extras zu nennen.

Kann man nicht auch im T-Shirt fahren?

Insgesamt kostet der apfelgrüne Bentley 240.755 Euro. Da sollte jedes Outfit für den Fahrer drin sein. Oder ist es am Ende viel cooler, so einen Wagen in Jeans und T-Shirt zu bewegen?

Die Freude an dem wummernden Sound, an der satten Straßenlage und an dem Allradantrieb, der der Hinterachse 60 Prozent der Kraft zuteilt, all das ist doch auch so zu erleben. Und der immense Schub jenseits der 200er-Marke (wenn man die Reifen korrekt befüllt hat): Mein Gott, denkt da wirklich noch jemand an die richtige Kleidung?

Ich mache das in Zukunft vielleicht häufiger. Denn als Gerd Seehafer und ich mit dem Bentley an der Tankstelle waren, sah mich die Frau an der Kasse ein paar Augenblicke länger an, als sie es sonst vielleicht getan hätte. Rote Hose, gelbe Weste? Unwillkürlich wendete sie den Kopf nach draußen, wo sie das apfelgrüne Auto entdeckte. Als sie dann abkassierte, sah ich, wie sich ein Wort in ihrem Gesichtsausdruck spiegelte: passt.

"Welt"-Reporter Stefan Anker twittert regelmäßig spontane Autonews und Beobachtungen aus Auto- und Testalltag. Er freut sich, wenn Sie hier klicken und ihm folgen. Oder Sie schauen auf seiner Facebook-Seite vorbei.

Quelle: DWTV
21.11.12 6:47 min.
Die ersten beiden Serien des Bentley T wurden parallel zum Rolls Royce Silver Shadow 1 gebaut, von 1965 bis 1980. Die zweite Auflage des handgefertigten V8-Motors hatte 6,8 Liter Hubraum und 223 PS.
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