28.02.13

Talk über Amazon

Anne Will kanzelt sichtlich amüsiert Wallraff ab

Amazon und die Folgen – bei Anne Wills Talkshow wurde daraus eine Diskussion über Sinn und Unsinn von Leiharbeit. Die Moderatorin war gut drauf – und konnte sogar Günter Wallraff verblüffen.

Von Sven Gantzkow
Foto: NDR/Wolfgang Borrs

Günter Wallraff zu Gast bei Anne Wills Talkshow mit dem Thema "Nach der Amazon-Affäre - Schluss mit der Leiharbeit?"

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Der Protest kam übers Netz – wie so oft, wenn in den vergangenen Monaten gesellschaftliche Debatten losgetreten wurden. Entsetzen herrschte in den sozialen Netzwerken. Amazon, der Dienstleister für die Generation Couch-Kauf, ein Ausbeuter? Muss man in Zukunft auch auf das Lebensgefühl "Klick mich" verzichten? Den Nebenbei-Konsum, der uns trotz Job und Privatleben das Shoppen ermöglicht?

Die ARD-Reportage "Ausgeliefert! Leiharbeiter bei Amazon" legte tatsächlich den Boykott des Internetversandhandels nahe. Denn die Zustände, die man als Zuschauer zu sehen bekam, verschlugen einem die Sprache: Arbeiter, die aus dem Ausland für wenige Monate nach Deutschland transportiert werden, wo sie sich kleine Hotelzimmer mit Kollegen teilen müssen.

Denen wenige Tage vor Weihnachten lapidar gekündigt und das geschnürte Gepäck vor die Tür gestellt wird. Dazu ein Securityservice, der die Mitarbeiter ausspioniert und schikaniert, noch dazu einer, der im Verdacht steht, der rechten Szene angehörig zu sein. Schwer zu verdauen.

Wallraffs Sympathieschwall abfedern

In den Foren kündigten User jedenfalls zu Tausenden an, künftig auf Amazons Bringdienst verzichten zu wollen. Und nicht nur Kleinverleger beendeten bereits die Zusammenarbeit. Auch der Börsenverein des Deutschen Buchhandels äußerste sich bei "ttt" in der ARD am vergangenen Sonntag erstaunlich kritisch.

Eine Erosion für einen Global Player – und das alles nur wegen einer Reportage? Für Günter Wallraff steht auf jeden Fall fest: "Dieser Film sollte Grimme-Preis und Deutschen Fernsehpreis auf einmal erhalten." Kaum zu bremsen war er bei Anne Will mit seiner Begeisterung.

Dabei verstieg er sich so sehr, dass nicht nur Co-Autorin Diana Löbl drohte vor Scham rot anzulaufen. Auch die Moderatorin war bemüht, den Sympathieschwall abzufedern, arbeitet sie schließlich für die Anstalt, die den Film in Auftrag gegeben hat. Und ihn als Aufhänger für eine Diskussion zu nehmen birgt die Gefahr der unkritischen Eigen-PR.

So viel lässt sich vorwegnehmen: Die Gesprächsrunde unter dem Titel "Nach der Amazon-Affäre – Schluss mit der Leiharbeit?" wurde kein Nachklapp eines überraschenden Quotenerfolgs, sondern eine differenzierte Auseinandersetzung, in der sich jeder der Gäste unangenehme Fragen gefallen lassen musste. Das fing bei Löbl an, die mit dem Interview konfrontiert wurde, das die Protagonistin, eine Leiharbeiterin aus Spanien, einer Lokalzeitung gegeben hat. "Vieles ist zwar wahr, aber vieles ist auch sehr verdreht dargestellt", ließ sich die Frau dort zitieren.

Wills goldene Brücken der Kommunikation

Beim Versuch, diesen Vorwurf zu entkräften, zeigte Löbl Nerven. Ob es daran lag, dass sie wenig Erfahrung als Gast einer Talkshow hat oder sie und ihr Co-Autor tatsächlich in ihrem Film das ein oder andere verschwiegen haben, vor allem um die Wohnverhältnisse in dem Unterbringungshotel dramatischer aussehen zu lassen, wurde dabei nicht klar.

Löbls Erklärungsansatz: Die Leiharbeiterin habe in dem Hotel mittlerweile eine Festanstellung. Das Jobangebot sei zeitlich mit dem Interview zusammengefallen.

Will machte keinen Hehl daraus, dass sie Löbl das nicht vollständig abnehmen wollte, und versuchte ihr goldene Brücken zu bauen, die journalistische Verkürzung als Feilerei im Dienste einer guten Sache einzuräumen. Die Journalistin verrannte sich daraufhin immer weiter in wackelige Erklärungsansätze, beispielsweise, dass nicht das Hotel Thema des Beitrags gewesen sei, sondern die Arbeitsbedingungen der Leiharbeiter.

FDP-Politiker meißelt am sozialen Partei-Image

Dazu gehören aber eigentlich auch die Wohnverhältnisse. Zu Anfang der Sendung hatte Löbl schließlich noch betont, sie und ihr Team hätten bei den Recherchen noch wesentlich schlechtere Unterbringungen gesehen. Immer mehr fragte man sich als Zuschauer: Warum haben sie sie dann nicht einfach gezeigt? Es blieb ein schaler Nachgeschmack.

Schützenhilfe erhielt Löbl in dieser Situation ausgerechnet vom arbeitsmarktpolitischen Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, Johannes Vogel. Zwar heilige der gute Zweck nicht die "zu massive Zuspitzung", aber trotzdem zeige der Film Dinge auf, die unbestritten inakzeptabel seien, beispielsweise das Verhalten des Sicherheitsdienstes, dessen Mitarbeiter sogar unangekündigt in die Zimmer gekommen seien.

Vogel, das war offensichtlich, wollte mit seinem Auftritt dazu beitragen, im Wahlkampfjahr am sozialen Image seiner Partei zu meißeln. Immer wieder wies er darauf hin, wie wichtig er die Debatte fände, die der Film ausgelöst habe, dass Rechtsbrüche wie im vorliegenden Fall zum Lizenzentzug für die betreffende Zeitarbeitsfirma führen könnten.

Vogels Problem: Zu sehr versteifte er sich im Verlauf der Sendung darauf, die personifizierte Differenziertheit sein zu wollen. Fast jede seiner Einlassungen begann mit: "Es ist nicht alles so einfach" oder: "Es gibt nicht nur Schwarz-Weiß". Irgendwann sorgte er mit dieser gebetsmühlenhaften Wiederholung einer Selbstverständlichkeit sogar im Publikum für vereinzeltes Gelächter.

Betriebspfarrer spricht von Angstimpotenz

Und er ließ damit Ariane Durian etwas allein auf weiter Flur. Die Zeitarbeitsunternehmerin, die gleichzeitig Vorsitzende des Interessenverbands Deutscher Zeitarbeitsunternehmen ist, verteidigte mit nervösem Lächeln und unsicherem Blick ihre Branche als "Türöffner in Festanstellungen", verwies auf den flächendeckenden Mindestlohn von 8,15 Euro und auf einen "Ethikkodex", den die Zeitarbeitsunternehmen entwickelt hätten, um schneller Konsequenzen ergreifen zu können. Auf Wills konkrete Frage, ob sie es richtig fände, dass Vertreter ihrer Branche mit Angst arbeiten, wich sie dreimal wortreich aus.

Eine Antwort hatte stattdessen Paul Schobel, katholischer Betriebspfarrer, der sich laut eigener Aussage auch mal selbst ans Fließband stellt, um die Stimmung in der Belegschaft mitzubekommen: "Ich erlebe eine unglaubliche Angst bei den Betroffenen", schilderte er seine Erfahrungen. Der normale Arbeitsvertrag sei sicher "keine Kuschelecke", räumte er ein, auch da müsse man Angst haben.

"Aber was sich bei der Leiharbeit abspielt, ist Angstimpotenz. Heuern und Feuern ist gang und gäbe." Auch der Mindestlohn zeige keine Wirkung, da ihn große Unternehmen durch individuelle Werkverträge umgehen würden.

Auch Wallraff stützte diese Erfahrungen: Seit zwei, drei Jahren nehme diese Entwicklung dramatisch zu. Er kenne Unternehmen, in denen es noch wesentlich schlimmer zugeht als bei Amazon. Ein sogenannter Ethikkodex bringe da gar nichts. Für einen älteren Mitarbeiter, der aus dem Betrieb ausscheidet, werde grundsätzlich ein Zeitarbeitnehmer zu geringeren Konditionen eingestellt.

Süffisante Entlarvungen

Im Endeffekt sei daran auch der Konsument schuld. "Wir sollten uns nicht immer nach dem Billig-billig-billig-Prinzip selbst schaden", rief er etwas dramatisch zum kollektiven Aufbruch auf. Bei Anne Will provozierte das die Frage, ob er selbst noch bei Amazon kaufe.

Seinem entschiedenen "Nein" ließ sie einen kurzen Einspieler folgen, der zeigte, dass viele Titel von Wallraff beim Online-Riesen erhältlich sind. An sich nichts Ehrenrühriges! Drollig war aber Wallraffs Reaktion, dass ihm das neu sei, weil er sich um so etwas nicht kümmere. Sichtlich amüsiert kanzelte Will ihn ab, dass sie ihm das nicht glaube.

Überhaupt bewies Will einen souveränen Umgang mit den Widersprüchlichkeiten ihrer Gäste. Ihre süffisanten Entlarvungen brachten etwas Pfeffer in eine ansonsten überaus gesittete Diskussion, in der die Gäste fast schon kreuzbrav auf ihren Einsatz warteten.

Das unterwürfige "Darf ich mal unterbrechen?" von Ariane Durian kurz vor Schluss der Sendung war da fast schon der Gipfel der Kontroverse. "Sie unterbrechen nicht, wir diskutieren hier", klärte Will sie auf. Gut, dass das mal gesagt wurde.

Das sagten die Gäste

Günter Wallraff,

Journalist und Aktivist:

 

Wir haben es in der Zeitarbeitsbranche

mit einer Herde von schwarzen Schafen zu tun.

Da gibt's auch ein paar weiße, aber nur zur Tarnung.

Paul Schobel,

ehemaliger Industriepfarrer:

 

Was sich bei der Leiharbeit abspielt, ist Angstimpotenz.

Heuern und Feuern ist gang und gäbe.

Johannes Vogel,

arbeitsmarktpolitischer Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion:

 

Wir reden hier über Rechtsbrüche.

Das, was bei Amazon geschildert wurde, ist illegal.

Da ist nicht das Recht das Problem,

sondern da ist der Rechtsbruch das Problem.

Diana Löbl,

Co-Autorin von "Ausgeliefert! Leiharbeiter bei Amazon" und Journalistin:

 

Wir haben den Leiharbeitern mit

dieser Reportage ein Gesicht gegeben.

Ariane Durian,

Bundesvorsitzende des Interessenverbands Deutscher Zeitarbeitsunternehmen:

 

Wir haben Hunderttausende,

Millionen von Menschen, die weniger verdienen – gehen Sie zum Bäcker, zum Friseur –, wir haben so viele Branchen,

in denen weniger verdient wird als in der Leiharbeit.

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