27.02.2013, 20:31

Vatikan "Vergelt's Gott" - Abschied von Papst Benedikt XVI.

Von Paul Badde

150.000 Gläubige jubelten dem Papst bei seiner letzten Generalaudienz auf dem Petersplatz zu. Er hinterlässt eine Kirche mit vielen Problemen

Die 348. Generalaudienz von BenediktXVI. ist seine letzte, und nichts ist wie immer. Mehr als fünf Millionen Menschen sind ihm in den vergangenen acht Jahren in diesen Audienzen auf dem Petersplatz oder in der Nervi-Halle begegnet. Doch an diesem Mittwoch scheint es, als wären eine weitere Million Menschen angereist, um Kopf an Kopf bei diesem letzten Auftritt Abschied zu nehmen.

Die Piazza vibriert vor Leben. An den Absperrungen drängen sich die Menschen. Schon drei Stunden vor dem Erscheinen des Papstes haben sich Zehntausende vor dem Petersdom versammelt, Fahnen von allen Kontinenten wehen flatternd über der Menge. "Gracias", "Merci", "Danke" ist auf Transparenten zu lesen. Immer wieder branden in der Menge die "Be-ne-detto"-Sprechchöre auf, die den Papst in den vergangenen acht Jahren so oft begleitet haben.

Blaskapelle spielt Bayern-Hymne

Berninis Kolonnaden umschließen dabei offenbar den ganzen katholischen Kosmos – aus Europa, Afrika und den USA, aus China, Indien und Lateinamerika stammen die Besucher. Rund 5000 kommen aus Deutschland, vor allem aus Benedikts bayerischer Heimat. Ihre Trachten und weiß-blauen Rautenbanner sind nicht zu übersehen. Eine Blaskapelle aus Traunstein, wo Benedikt einst zur Schule ging, spielt die Bayern-Hymne.

So nimmt die katholische Weltkirche Abschied von ihrem Papst – obwohl er nicht gestorben ist. Ein Hubschrauber kreist in der Höhe am wolkenlosen Himmel. Tief segelnde Möwen ziehen ihre Schatten an der Marmorfassade des Petersdoms entlang. Es ist ein Volksfest des Glaubens: ein leuchtender erster Frühlingstag in diesem Februar. Und es braucht nicht viel Fantasie, um das Echo Kardinal Ratzingers zu hören, der hier am 8.April 2005 beim Begräbnis seines Vorgängers rief: "Jetzt steht Johannes Paul am Fenster im Haus des Vaters und sieht uns und segnet uns."

Elf Tage später – am 19. April 2005 – war Joseph Ratzinger selbst Papst geworden, und noch einmal fünf Tage später rief er hier auf diesem Platz bei seiner Krönungsmesse: "Ja, die Kirche lebt – das ist die wunderbare Erfahrung dieser Tage. Die Kirche lebt. Und sie ist jung. Sie trägt die Zukunft der Welt in sich und zeigt jedem Einzelnen den Weg in die Zukunft!" Jetzt, an seinem Ende, nimmt er den Ruf spontan und gerührt wieder auf, als er die Menge unter sich sieht, die hier von ihm Abschied nehmen will: "Seht doch, wie die Kirche lebt!"

Rom ist voller Besucher

Rom ist voll wie bei der Heiligsprechung von Pater Pio. Die Menschen stauen sich die breite Via della Conciliazione hinunter bis zum Tiber, wie Kameraschwenks aus der Höhe auf den Mega-Bildwänden zeigen, die für alle das heiter gewordene Gesicht des kleinen alten Papstes vergrößern. Besonders Italien verbeugt sich hier ein letztes Mal vor dem Mann, der nun endgültig für viele zu einem "Papa angelicus" geworden ist.

Er sei ein "Papa d'amore", weiß ein alter Fischer aus Ladispoli, und wenige Meter daneben schießen einem ergrauten Oberst der Carabinieri die Tränen in die Augen, als der gebeugte alte Mann in Weiß, in seinem Papamobil stehend, durch die Gassen in die Menge einfährt – die linke Hand fest am Haltegriff, die Rechte zum Segen erhoben.

Er sei "troppo puro, troppo innocente, troppo santo!" (zu rein, zu unschuldig, zu heilig), ruft der Mann und wischt sich die Augen, als die Menge auf die Stühle im vorderen Teil des Platzes springt – Männer und Frauen, Alte und Kinder, Priester und Laien, Gläubige von überallher. Es ist ein überwältigender Jubel, der den Papst immer wieder unterbricht. "Durch diesen Papst habe ich die Deutschen lieben gelernt", sagt eine junge Italienerin.

Plaudern über Fußball-Pokalspiel

Einer der wenigen, die Papst Benedikt an diesem Tag für sich alleine haben werden, ist ebenfalls ein Deutscher. Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) hat nach der Generalaudienz fünf Minuten, in denen er sich beim scheidenden Papst für dessen Pontifikat und charismatische Ausstrahlung bedankt. "Sehr, sehr dankbar" seien Bayern und Deutschland, so Seehofer. "Die Bayern sind aber auch traurig." Der Ministerpräsident überbringt Grüße von Bundespräsident Joachim Gauck und Kanzlerin Angela Merkel, außerdem lädt er den dann emeritierten Papst zu einem Besuch nach Bayern ein. "Die Antwort war ein sehr nettes Schmunzeln", berichtet Seehofer später.

BenediktXVI. habe einen "aufgeräumten Eindruck" gemacht und sei bestens über die Situation in seiner Heimat informiert gewesen, sogar über das Fußball-Pokalspiel vom Abend in München. Joseph Ratzinger habe Seehofer auch schmunzelnd gefragt: "Was tun Sie hier, wenn heute der italienische Staatspräsident in München ist?" Giorgio Napolitano war seit Dienstag in der Landeshauptstadt.

Zuvor, während der Audienz, ist Seehofer noch Teil der Menge auf dem Petersplatz. In einiger Entfernung steht Robert Zollitsch, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz. "Dieser Tag erfüllt uns natürlich mit Wehmut, denn Abschied bedeutet auch immer Trauer", sagt er, und lobt Benedikt als "Brückenbauer", der die Kirche durch seine Theologie "entscheidend geprägt" habe.

Die Fahrt von Papst Benedikt XVI. bis zum Hauptportal des Doms – begleitet von Orgelmusik – dauerte fast eine halbe Stunde. Sein Gesicht verrät Müdigkeit, aber er lächelt. Zum letzten Mal werden ihm Kinder gereicht, die er auf die Stirn küsst und segnet. Als er die Deutschen mit ihren bayerischen Bannern erblickt, ruft er ihnen winkend ein "herzliches Vergelt's Gott" zu. Am Portal angekommen, begrüßt er die Menge mit seiner brüchigen Stimme mit einem lateinischen Friedensgruß. Sein Geist weite sich an diesem Tag, um die Kirche auf der ganzen Welt zu umarmen, sagt er.

Zuerst lauscht er aber noch einmal der Schrift aus einem Brief des Apostels Paulus an die Kolosser, bevor er ein letztes Mal die Schrift auslegt und Petrus vorstellt, seinen Vorgänger vom See Genezareth in Galiläa. Auch er habe schon gewusst, dass das Boot, das er gesteuert habe, nicht ihm, sondern dem Herrn selbst gehört habe. So sei es überhaupt mit der Kirche: Sie gehöre nicht dem Papst, oder den Menschen, sie gehöre allein Gott. "Die Kirche ist sein Boot!"

Dankgottesdienst in Berlin

Es ist ein Jahrhunderttext und der Höhepunkt seiner jahrzehntelangen Schriftauslegung. Doch an diesem Tag mündet er in einem einzigen großen Dankgesang, an Gott, an seine Mitarbeiter, an die Kardinäle, an die Botschafter, die hier die ganze Bevölkerung der Erde vertreten würden, und schließlich an die ganze Kirche, deren "Kraft das Wort der Wahrheit in den Evangelien" sei.

Allen danke er auch noch einmal für ihren Respekt für seine schwierige Entscheidung und versichere, dass er sich so – wie er vor acht Jahren sein Privatleben völlig aufgegeben habe für seinen letzten Dienst in der Nachfolge Petri – natürlich auch jetzt nicht in sein Privatleben zurückziehe, wenn er jetzt nur noch für die Kirche beten wolle.

Benedikt ist der erste Papst der Neuzeit, der zurücktritt. Er hatte seinen Schritt am 11.Februar mit schwindenden Kräften begründet und hinterlässt eine Kirche mit vielen Problemen, die nach Missbrauchsskandal und Vatileaks-Affäre vor großen Herausforderungen steht. Im März soll sein Nachfolger gewählt werden, der Termin für das Konklave ist noch unklar.

Um 20 Uhr am Donnerstag endet Benedikts Amtszeit. Gegen 17 Uhr fliegt er mit einem Hubschrauber zur päpstlichen Sommerresidenz Castel Gandolfo vor den Toren Roms, die zunächst seine Heimstatt sein wird. In Deutschland werden aus dem Anlass in vielen katholischen Kirchen die Glocken läuten. Zudem gibt es Dankgottesdienste, darunter einen zentralen in der Kathedrale St. Hedwig in Berlin, zu dem auch Bundeskanzlerin Angela Merkel erwartet wird.

Zu seinem Abschied nun grüßt der Papst ein letztes Mal in etlichen Sprachen, auf Arabisch, auf Polnisch – das er im Alter doch extra für das Volk seines Vorgängers gelernt hat –, bedankt sich bei der Traunsteiner Blaskapelle für ihre Bayernhymne. "Es ist so schön, ein Christ zu sein!" Dann erhebt er sich und stimmt auf Lateinisch das Vaterunser an. Ein kleiner weißer Mann mit gefalteten Händen und zitternder Stimme, aufrecht. Dieses Bild wird bleiben.

(mit dpa)
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