28.02.13

Managergehälter

Schweizer wollen den Abzockern an den Kragen

Gegen die Gehälter vieler Schweizer Manager sind die 17 Millionen Euro für VW-Chef Winterkorn "Peanuts". Dem Boni-Exzess wollen die Eidgenossen nun einen Riegel vorschieben – mit einem Volksbegehren.

Von Ileana Grabitz
Foto: dpa

Topmanager unter Druck: Daniel Vasella (rechts), scheidender Novartis-Chef, verzichtete bereits auf eine Millionenabfindung
Topmanager unter Druck: Daniel Vasella (rechts), scheidender Novartis-Chef, verzichtete bereits auf eine Millionenabfindung

Am liebsten ist Thomas Minder in der Natur. Stundenlang kann er mit seinem Fernglas am Waldrand sitzen und seine geliebten Vögel beobachten, auf dem Randen im Kanton Schaffhausen oder in den Hügeln des Schwarzwaldes in Süddeutschland. Doch für sein Hobby hat der 52-Jährige schon lange keine Zeit mehr.

Denn in einem beispiellosen Feldzug gegen die Schweizer Wirtschaftselite hat der parteilose Ständerat ausgerechnet den Bestverdienern im Alpenstaat den Kampf angesagt, und seither ist es mit der Ruhe vorbei. "Mein Tag müsste 48 Stunden haben, so voll ist meine Agenda", sagt er.

Noch vor ein paar Monaten kannte tatsächlich kaum jemand außerhalb der Schweiz den umtriebigen Kleinunternehmer, der sich als Chef des mittelständischen Kosmetikherstellers Trybol mit eigenen Mundwässerchen, Zahnpasta und Haarpflegeprodukten gegen die Übermacht internationaler Konsumgüterkonzerne wie Unilever oder L'Oréal behaupten muss.

Doch mit seiner "Abzocker-Initiative" hat Minder auch die Menschen jenseits der Schweizer Grenzen hellhörig gemacht: Seine Volksinitiative, die mitten ins Herz des Establishments schneiden will und die zumindest das Zeug dazu hat, mit nur 100.000 Stimmen aus der Bevölkerung tief in die Geldbörsen der Wirtschaftselite hineinzugreifen, sucht in ganz Europa und wohl auch darüber hinaus ihresgleichen.

Minder gilt als "Robin Hood der Aktionäre"

Bereits vor Jahren hatte der Einzelkämpfer, den ein Mitstreiter den "Robin Hood der Aktionäre" taufte, einen offenen Brief an den Bundesrat in dem Alpenstaat gerichtet und gefordert, den Lohnexzessen an den Unternehmensspitzen ein Ende zu setzen. 50.000 Franken investierte er, um in Anzeigen für seine Botschaft zu werben.

Nachdem auch das nichts half, ging Minder dann ab 2008 schließlich mit einer eidgenössischen Volksinitiative "gegen die Abzockerei" auf Unterschriftenfang – die in dieser Woche, also fünf Jahre später, ihren Höhepunkt finden wird.

In einem für Ausländer kaum nachvollziehbaren juristischen Akt werden die Schweizer am 3. März qua Volksabstimmung darüber befinden, ob Aktionäre künftig über die Gehälter der Topmanager in börsennotierten Konzernen bestimmen müssen. Derlei Volksbegehren seien insofern eine "Schweizer Besonderheit", erläutert Peter Forstmoser, emeritierter Professor der rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Zürich, als dass 100.000 Stimmen von etwa 5,15 Millionen wahlberechtigten Schweizern ausreichten, um eine Verfassungsänderung im Sinne einer solchen Volksinitiative herbeizuführen.

Würde Minder sich also durchsetzen, würden die Aktionäre in Hauptversammlungen künftig nicht nur über die Vorstandssaläre in börsennotierten Unternehmen entscheiden müssen. Darüber hinaus würden scheidende Vorstände keine Abgangsentschädigung enthalten, millionenschwere, "goldene Handschläge" wie ihn etwa der zurückgetretene Chef der Citigoup, Vikram Pandit, Ende 2012 erhielt, wären qua Verfassung untersagt.

Und bei schweren Vergehen gegen die Vergütungsauflagen drohten sogar Gefängnisstrafen bis zu drei Jahren. Noch rüsten sich Gegner und Befürworter der Initiative und versuchen mit aller Macht, Kräfte für ihre Belange zu mobilisieren. Fest steht aber: Sollte der "Robin Hood" durchkommen, würden ausgerechnet in der für Unternehmer und Manager als El Dorado geltenden Schweiz künftig in puncto Gehälter sehr viel strengere Regeln herrschen.

In der Schweiz verdienen Manager bestens

Zumindest auf den zweiten Blick ist es dabei kaum verwunderlich, dass ausgerechnet die Schweiz Bühne eines solchen Aufruhrs gegen die Wirtschaftselite wird. Seit Jahrzehnten schon gilt das Land, das sich schon vor Jahrhunderten der außenpolitischen Neutralität verpflichtet hat, als Investitions- und Steuerstandort mit paradiesischen Bedingungen – zumindest aus Sicht der Wohlhabenden, die nach Anlagemöglichkeiten suchen.

Doch was Unternehmern und Investoren nutzt, hat naturgemäß auch viele Neider. Allem voran das stark geschützte Bankgeheimnis, das es Bürgern anderer Nationen erlaubt ihr Bares an den heimischen Steuerbehörden vorbei in die Schweiz zu schleusen, ist vielen EU-Staaten ein Dorn im Auge.

Während sich Politiker wie der amtierende SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück darüber schon vor Jahren treffliche Streitereien mit den Schweizern lieferten, stoßen sich die Kritiker intern weit mehr an den üppigen Gehältern, mit denen die Wirtschaftslenker dort ihren Einsatz versüßt bekommen. Tatsächlich verdienen Manager europaweit fast nirgends so gut wie im Alpenstaat: Studien zufolge tummeln sich mindestens ein Viertel der meistverdienenden europäischen Manager in der Schweiz, das rein nach Fläche beurteilt einer der kleineren Staaten Europas ist.

Nicht umsonst also haben sich laut Umfragen zwei Drittel der Schweizer für die Initiative des Abzocker-Gegners Minder ausgesprochen – "und das wohl auch, weil die Initiative gut und rein über Emotionen verkauft wurde", wie Juraprofessor Forstmoser rückblickend sagt. Zwar hält der Experte für Kapitalmarktrecht persönlich Minders Forderungen für zu weitgehend und den flexibleren Gegenentwurf des Parlaments für den richtigen Weg. Doch man müsse "auch zur Kenntnis nehmen, dass die Initiative offenbar einen Nerv getroffen hat", räumt er ein.

Winterkorns 17 Millionen sind "Peanuts"

Womöglich haben die Manager mit ihren Millionengehältern auch einfach das für das Volk erträgliche Maß überschritten. Tatsächlich übertreffen Rekord-Boni wie das 71 Millionen Schweizer Franken schwere Aktienpaket, das der Chef der Credit Suisse, Brady Dougan, einstreichen konnte, die üblichen Gehaltsniveaus in vielen Nachbarstaaten um Längen.

Gegen die 72 Millionen Schweizer Franken, mit denen dem scheidenden Präsident des Pharmakonzerns Daniel Vasella sein Abschied vergoldet werden sollte, wirkt denn auch die öffentliche Empörung hierzulande über das 17-Millionen-Euro-Gehalt von VW-Chef Martin Winterkorn schon fast kleinlich.

Dass Vasella zunächst erklärte, er werde die stolze Summe Geld für wohltätige Zwecke spenden, konnte die Empörung der Schweizer dabei ebenso wenig besänftigen wie sein demütiger Auftritt vor den Aktionären des Unternehmens in der vergangenen Woche: Zwar trat der Manager reuig vor die mehr als 3000 nach Basel gereisten Anleger und erklärte vor laufenden Fernsehkameras, dass der Abschluss der Multimillionenabfindung ein Fehler gewesen sei.

Doch die Show, auf die die Schweizer Wirtschaftselite gerade eine Woche vor der brisanten Volksabstimmung große Hoffnungen gesetzt haben dürfte, verfehlte offenbar ihre Wirkung: Stellvertretend für die nach wie vor aufgeheizte Stimmung dürfte ein goldenes Kalb stehen, das eine Aktionärin laut Medienberichten dem Manager mit den Worten überreichte: "Das ist der einzige Gott, zu dem Sie beten."

"Der Minder kommt durch"

So sehen denn inzwischen auch die Vertreter aus der Schweizer Wirtschaft und Politik, die eine Abwanderung von Unternehmen sowie eine sinkende Attraktivität ihres Standorts für ausländische Investoren fürchten, mit Blick auf den kommenden Sonntag ihre Felle davonschwimmen. "Zitieren sie mich nicht namentlich", heißt es von einem hochrangigen Wirtschaftsvertreter: "Aber wenn Sie mich fragen: Der Minder kommt durch."

Sollten die Eidgenossen wirklich für den Entwurf der Initiative stimmen, würden dessen Vorgaben in die Verfassung einfließen. Die Regierung jedoch hätte den Auftrag, die Vorgaben zu präzisieren und in ein entsprechendes Gesetz einzuarbeiten. Würde die Initiative abgelehnt, träte umgehend der von der Parlamentsmehrheit erarbeitete und bereits beschlossene Gegenvorschlag in Kraft.

Auch dieser, dem Juristen Forstmoser zufolge "deutlich aktionärsdemokratischere Entwurf", sieht unter anderem vor, dass die Hauptversammlung künftig über die Höhe der Vorstandsbezüge bestimmen kann – wenn sie nicht anders entscheidet. So oder so bleibt es also spannend.

Auch für die Menschen im Ausland. Während das Schweizer Referendum auch für manchen hierzulande Wasser auf die eigenen Mühlen sein dürfte – die üppigen Gehälter von Managern sorgen auch in Deutschland mit verlässlicher Regelmäßigkeit für Diskussionen –, sind sogar deutsche Aktionärsvertreter der Meinung, dass selbst ein positiver Ausgang der Volksabstimmung kaum oder gar keine Folgen für Deutschland hätte.

Deutsche Wirtschaft will "Druck vom Kessel nehmen"

"Wir haben die letzte Welle der Vergütungsdebatten doch gerade erst hinter uns", sagt Christiane Hölz, Vergütungsexpertin bei der Deutschen Schutzgemeinschaft für Wertbesitz (DSW). Die Tatsache, dass der VW-Konzern das Gehalt seines Vorstandschefs Winterkorn in diesem Jahr trotz abermaligem Rekordergebnis etwas moderater gehalten habe, zeige, dass man auf Seiten der Wirtschaft tatsächlich bemüht sei, "Druck vom Kessel zu nehmen".

Auch die Regierungskommission für gute Unternehmensführung habe sich schließlich gerade des Themas angenommen, ergänzt Hölz – und wirft damit einen Ball in die Luft, den der Chef der Kommission, Klaus-Peter Müller, nur zu gern aufnimmt: Auch dieser betont, dass das pikante Thema Managergehälter hierzulande auch in dem Expertengremium seit Jahren immer wieder eine Rolle spielt.

"Seit der Kodex vor mehr als zehn Jahren eingeführt wurde, setzt sich die Kommission immer wieder mit dem Thema Vorstandvergütung auseinander", sagte Müller der "Welt".

"Wir müssen aufpassen, dass wir das Vertrauen in das Handeln der Wirtschaft nicht schwächen", bestärkt der Aufsichtsrat der Commerzbank sein Verständnis für die Sensibilitäten in der Öffentlichkeit, insistiert aber zugleich, dass es das Recht der Eigentümer und deren Vertreter sein und bleiben müsse, über die Vergütung des Vorstands zu bestimmen. Mit den erst vor kurzem eingebrachten, neuen Vorschlägen wolle man dazu beitragen, dass die Entscheidungsgrundlage für den Aufsichtsrat noch einmal verbessert werde.

Kodex will Obergrenzen für Gehälter

Auch wenn die Gehälterdebatte eine Pikante ist und sich die Wirtschaftsvertreter schwer damit tun, das Thema anzufassen – anders als in der Schweiz hat sich hier im vergangenen Jahrzehnt doch etwas getan. Als Antwort auf die weltweite Finanzkrise, die ein Schlaglicht auf die Selbstbereicherungstendenzen mancher Manager warf, hatte die Politik 2009 das Gesetz zur Angemessenheit der Vorstandsvergütung auf den Weg gebracht, das unter anderem vorsieht, die Höhe der Vergütung stärker an den langfristigen Unternehmenserfolg zu koppeln.

Erst vor zwei Wochen erweiterte die Kommission ihren Corporate Governance Kodex um den Appell, dass Unternehmen Obergrenzen für Gehälter festlegen sollen. Wie viel Sprengstoff die Vergütungsfrage auch in Deutschland bereit hält, zeigt sich nicht zuletzt daran, dass das langjährige Kommissionsmitglied und BASF-Aufsichtsrat Max Dietrich Kley das Gremium als Reaktion auf die verfügten Anregungen verließ.

Auch in der Schweiz wird das Thema nicht an Anziehungskraft verlieren – egal ob sich der Begründer der Abzocker-Initiative, Minder, an diesem Sonntag durchsetzt oder nicht. Schon heute laufen sich die Unterstützer einer weiteren eidgenössischen Initiative namens "1:12 - für gerechte Löhne" warm, die verfassungsrechtlich verfügen will, dass der höchste von einem Unternehmen bezahlte Lohn nicht höher sein darf als das Zwölffache des tiefsten vom gleichen Unternehmen bezahlten Lohnes.

"Niemand soll in einem Jahr weniger verdienen als der Top-Manager im gleichen Unternehmen in einem Monat", werben die Initiatoren auf ihrer Internetseite. Schon im Herbst, heißt es, solle das Begehren voraussichtlich zur Abstimmung kommen.

Mitarbeit: Marcel Speiser von der Schweizer "Handelszeitung". Dossier zur Abzocker-Initiative bei der "Handelszeitung"

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Die Vorstandsgehälter bei VW
  • Komponenten

    Als Vorstand beim Autoriesen Volkswagen kann man Millionen verdienen. Wie hoch die Bezahlung insgesamt ausfällt und wie stark sie in schlechteren Jahren sinken kann, wird laufend neu berechnet. Das komplette Gehalt besteht dabei aus drei Komponenten.

  • Fixer Sockel

    Dies ist der Grundbetrag, in den auch Vergütungen für die Übernahme von Ämtern in weiteren Bereichen des Konzerns, Sachzuwendungen und andere Leistungen wie Dienstwagen einfließen. Der feste Sockel ist im Verhältnis zu den variablen Gehaltsbestandteilen gering. 2011 machte er weniger als ein Siebtel der Gesamtsumme von über 70 Millionen Euro aus, die der achtköpfige Vorstand einstrich.

  • Langfristiger Anreiz

    Der sogenannte Long Term Incentive (LTI) liegt meist über dem Grundgehalt. Er setzt sich als erfolgsabhängige Größe aus Einzelvariablen zusammen, die sich an der VW-Strategie orientieren, bis 2018 größter Autobauer der Welt zu werden. Bezogen auf die vier vorangegangenen Jahre gehen die Zunahme des Absatzes und der Rendite sowie die Zufriedenheit von Kunden und Mitarbeitern in diese Berechnung ein. Der Aufsichtsrat legt bezüglich der erreichten Durchschnittswerte die Höhe des LTI-Zielbetrags jedes Jahr neu fest. Wenn die tatsächlichen Werte höher ausfallen als angenommen, können sich Nachzahlungen ergeben. Beim LTI gab es vorerst keine Änderungen.

  • Boni

    Die zweite variable Kategorie sind die eigentlichen Boni. Hier sahen die Aufseher Korrekturbedarf. Das Gehalt von Konzernchef Martin Winterkorn für 2011 mitsamt einer Nachzahlung für 2010 (17,5 Millionen Euro) stammte zum Großteil (11 Millionen) aus dieser Quelle. Maßgeblich für den Bonus ist die Entwicklung der vorigen zwei Jahre, es geht laut Geschäftsbericht um die „erzielten Ergebnisse und die wirtschaftliche Lage des Unternehmens“. Boni fließen fortan nur, wenn Volkswagen mindestens einen Betriebsgewinn von 5 Milliarden Euro verbucht. Bei Winterkorn gibt es für die Jahre 2012 und 2013 zudem eine Kappung bei 6,75, bei anderen Vorständen bei 2,5 Millionen Euro. dpa

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