27.02.13

Übergewicht

"Die Dicken sind viel gesünder als die Dünnen"

Dicke Menschen sterben früher als andere? Stimmt nicht, zeigen Forschungsergebnisse des Lübecker Mediziners Achim Peters, der seit 30 Jahren das Phänomen Übergewicht erforscht. Ein Gespräch.

Foto: picture-alliance / Helga Lade Fo

Dicke Menschen sind glücklicher als dünne, sie werden Forschern zufolge auch besser mit Stress fertig
Dicke Menschen sind glücklicher als dünne, sie werden Forschern zufolge auch besser mit Stress fertig

Achim Peters erforscht seit 30 Jahren in Lübeck das Geheimnis des Übergewichts. Jetzt publizierte er spektakuläre Ergebnisse. Im Interview klärt er Missverständnisse rund ums Dicksein auf.

Berliner Morgenpost: Herr Peters, Sie haben herausgefunden, dass dicke Menschen länger leben. Bisher dachte man das Gegenteil. Was stimmt nun?

Achim Peters: Dicke Menschen sind besser in der Lage, ihr Gehirn in Stresssituationen mit Nährstoffen zu versorgen. Das ist gesichert, meine Forschungsgruppe hat es herausgefunden.

Berliner Morgenpost: Aber dicke Menschen sterben früher.

Peters: Das stimmt nicht. Bisher wurde immer nur der Zusammenhang zwischen Übergewicht und Sterblichkeit untersucht. Zwischen den beiden Parametern gibt es aber nur einen scheinbaren Zusammenhang. Die Ursache für die Sterblichkeit liegt aber nicht im Übergewicht, sondern in einem Parameter, der bisher gar nicht berücksichtigt wurde: im Stress.

Berliner Morgenpost: Wer Stress hat, wird also dick?

Peters: Nein, nicht zwangsläufig. Wir haben herausgefunden, dass Menschen auf zwei verschiedene Arten auf eine stressvolle, unsichere Umgebung reagieren. Die einen essen – und werden dick. Die anderen verweigern das Essen – und werden dünn. Richtig krank werden die Dünnen. Die Dicken sind im Vergleich mit den Dünnen viel gesünder.

Berliner Morgenpost: Also ist neuerdings Dünnsein ein Problem?

Peters: Nicht alle Dünnen haben ein Problem. Nur die dünnen Gestressten. Wer keinen Stress hat, ist auch dünn – ihm geht es am besten. Aber unter Stress wird man entweder dick oder krank. Um die dünnen Gestressten müssen wir uns viel mehr sorgen, als um die dicken gestressten. Sie haben in der öffentlichen Wahrnehmung kein Problem – sie sind ja dünn. Tatsächlich sterben sie am frühsten. Sie verzehren sich und brennen aus.

Berliner Morgenpost: Ist Stress wirklich schädlich? Stress kann doch auch glücklich machen.

Peters: Wir haben uns ausschließlich mit schlechtem Stress beschäftigt. Mit nicht-bewältigbarem Stress, den man auch "toxischen Stress" nennt.

Berliner Morgenpost: Wann ist Stress toxisch?

Peters: Wenn er von dem Gestressten nicht allein bewältigt werden kann. Wenn er das Gefühl hat, im Stress unterzugehen. Toxischen Stress erlebt der Mensch in unsicherer Umgebung. Klassischerweise ist dies der Fall bei Armut, Existenzangst, bei Mobbing, bei Scheidung und Trennung oder Missbrauch. Positiver Stress funktioniert anders. Ihn erlebt der Mensch als Befriedigung, er macht ihn stark und leistungsfähig. Positiv Gestresste werden auch so gut wie nie dick. Diesen Stress haben wir in unserer Studie nicht untersucht.

Berliner Morgenpost: Abnehmen als Therapie bringt dann wahrscheinlich nicht viel.

Peters: Nein, es bringt gar nichts, es schadet sogar. Wie gesagt, das Gehirn braucht die Nährstoffe. Wenn es sie nicht von außen bekommt, holt es sie sich von innen, von den Muskeln und, noch schlimmer, von den Organen. Dünne Gestresste sind die ungesundesten Menschen.

Berliner Morgenpost: Klingt so, als müsste eine politische Lösung her.

Peters: Richtig. Gesellschaftliche Schieflagen, die zu Stress führen, können nicht mit Diäten geregelt werden. Der toxische Stress muss weg. Der Staat ist nicht hilflos. 50 Prozent der Bevölkerung besitzen ein Prozent des Volksvermögens – das ist eine gewaltige Schieflage. Würde umverteilt werden, hätte man viel Stress beseitigt, der aus Existenzangst resultiert.

Berliner Morgenpost: Wenn man nach dem Essen, also eigentlich pappsatt, trotzdem Lust auf eine Tafel Schokolade hat, ist das ein Zeichen dafür, dass der Mensch mit seinem Leben nicht klar kommt?

Peters: Das zeigt an, dass der spezielle Nährstoffbedarf des Gehirns noch nicht gedeckt ist. Auch wenn der Körperstoffwechsel bedient ist, kann der Bedarf des Gehirns noch unbefriedigt sein. Dann ist es sehr vernünftig, dass der Mensch weiter isst, bis auch das Gehirn vollständig versorgt ist.

Berliner Morgenpost: Was ist mit den glücklichen Dicken?

Peters: Wenn man genau hinsieht, gab oder gibt es auch bei den Dicken, die nicht gestresst wirken, belastende Umstände. Doch diese Menschen haben eine Lösung gefunden. Sie sind stresstolerant geworden und erlangten dadurch eine ausgeglichene Stimmung zurück. Dafür müssen sie einen Preis bezahlen - essen.

Berliner Morgenpost: Das klingt frustrierend. Gibt es einen Ausweg?

Peters: Ja, aber es ist nicht leicht, solche Stressgewöhnung rückgängig zu machen. Es gibt Antistresstherapien, die langfristig erfolgreich sind. Achtsamkeitsbasierte kognitive Ansätze führen zu Verhaltensänderung mit gleichzeitiger Gewichtsabnahme – ganz ohne Kalorienzählen.

Berliner Morgenpost: Gibt es ein Idealgewicht?

Peters: Nein. Die moderne Forschung spricht nur noch von Gewichtsvielfalt. Jeder Mensch hat die für seinen Lebenszuschnitt ideale Überlebensstrategie und das dazugehörige Gewicht.

Berliner Morgenpost: Wenn jeder Mensch sein persönliches Idealgewicht hat, warum ist er dann damit nicht glücklich?

Peters: Das hat keine medizinischen Gründe, sondern gesellschaftliche. Die Ächtung des Dickseins setzt dicke Menschen psychisch und real unter Druck. Es gibt Studien, die beweisen, dass dicke Menschen weniger verdienen, schneller entlassen werden und häufiger gemobbt werden. Das Schönheitsideal des Schlankseins trägt viel zum Unglück der Dicken bei.

Berliner Morgenpost: Was kann man tun?

Peters: Viel. Die Gesellschaft muss sich verändern. Nicht die Dicken.

"Mythos Übergewicht - Warum dicke Menschen länger leben", Bertelsmann, 272 Seiten, 19,99 Euro

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