24.02.13

Botho Strauß

Wo Welt und Menschen noch wie früher klingen

Dieser Autor kann uns alle lesen wie eine Chronik: Die neuen Prosaminiaturen von Botho Strauß sind subtile Suchbewegungen. Im Sehnsuchtston läuft der Schriftsteller zu bewährter Hochform auf.

Von Tilman Krause
Foto: picture alliance / ZB

Auch hier kennt Botho Strauß sich aus: Fachwerkhäuser im Grauen Hof in Halberstadt
Auch hier kennt Botho Strauß sich aus: Fachwerkhäuser im Grauen Hof in Halberstadt

Eines der vielen wunderbaren erzählerischen Kleinodien in diesem neuen Band mit Prosa von Botho Strauß geht so: Zwei Männer – fast ist man versucht zu sagen: zwei fahrende Gesellen, denn so romantisch mutet wieder alles an – zwei Männer also stehen an einem Fenster. Sie schauen hinunter auf den Domplatz zu Halberstadt.

Der Ort zählt mittlerweile zu den trostlosesten der ehemaligen DDR. Wer weiß noch, dass hier einst das Leben pulsierte, dass Halberstadt zudem durch den Dichter Gleim auf der literarischen Landkarte des 18. Jahrhunderts hell aufleuchtete und dass die Stadt nicht zuletzt dank Alexander Kluge und Wiebke Bruns tief ins kollektive Bewusstsein derer eingelassen ist, die noch über historischen Sinn verfügen?

Nun, Botho Strauß natürlich weiß es. Und im Vollbesitz der Kenntnisse, die ihm eigen sind, lässt er seine beiden Gesellen also melancholisch den Kopf gegen die Scheibe neigen und einen zum anderen sagen: "Du klingst, wie man früher klang."

Der Satz, tief verborgen im hinteren Teil dieses 250 Seiten umfassenden Buches, strahlt auf alles aus, was es enthält: Denkbilder und Porträts, Kalendergeschichten und Anekdoten, Parabeln oder Erzählungen, kurzum: "Fabeln von der Begegnung", wie er dieses Mal sein narratives Mikadospiel benennt.

"Fabeln" sind alle Texte hier, will sagen Grundpläne zu großen narrativen Einheiten, die aber nicht ausgeführt werden, sowie gleichnishafte Prosastücke, die das kulturmorphologische Denken dieses sensitiven Beobachters deutscher Befindlichkeiten weiterhin produziert. "Du klingst, wie man früher klang", das könnte nach Eichendorffs Posthorn schmecken oder nach Mörikes "alten, unnennbaren Tagen".

Knallharte Gegenwart

Es handelt sich aber dabei keineswegs um einen elegischen Seufzer. Es geht um knallharte Gegenwart. Der ganze Absatz, in dem die Formulierung fällt, lautet nämlich wie folgt: "In der auslaufenden, verrinnenden Domstadt fühlten wir uns auf einmal der großen Moderne seltsam nahe, obwohl deren Dichtkunst für uns immer unerreichbar sein würde. Wir sagten einer zum anderen: Du klingst, wie man früher klang. Wir standen am Fenster, den Kopf gegen die Scheibe geneigt, zum leisen Singen und Sinnen verurteilt. Mit anderen Worten – wir gewöhnten uns daran, dass kein nach außen getragener Ton von uns noch verfing und unser Subjekt verbraucht war."

Schluck. Das muss man erst einmal verkraften. Aber – auch das geht aus den berührenden und bewegenden Seiten dieses brevierartigen Bandes klar hervor: "Unser" Subjekt, unser abendländisch geprägtes, von der "großen Moderne" in Frage gestelltes, dekonstruiertes, aber eben auch so unendlich angeregtes Ich mag "verbraucht" sein, aber es trägt in sich Spurenelemente, Restbestände, Ablagerungen in Hülle und Fülle aus anderen Zeiten, und wenn diese sich artikulieren, dann kann es immer noch, wie eh und je, geschehen, dass wir eben klingen, wie man früher klang.

Diesem vorbewussten Erinnerungspotenzial haben schon immer die Suchbewegungen des Botho Strauß gegolten. Es geht da um ein ausgesprochen subtiles Tasten, für das nicht jeder Zeitgenosse Antennen hat.

Triffst du nur das Zauberwort

Aber das ändert nichts an der Tatsache, dass auch der weniger differenzierte Mensch einen Klangkörper darstellt, der viel mehr zum Schwingen bringen könnte, als er vielleicht weiß. Triffst Du nur das Zauberwort! Ob Trottel oder Feingeist: Wir sind alle "aufgeschlagenen Chroniken unter dem Himmel", wie es hier an anderer Stelle heißt. Wer sie lesen kann, der lese.

Und dieser Autor kann uns und die Chronik, die wir verkörpern oder doch in uns haben, lesen. Er spitzt sogar – um das Spezifikum dieses neuen Buches deutlich hervorzuheben – er spitzt sogar seine Lektüre in genau dieser Hinsicht zu, dass er nach den literarisch-mythischen Konfigurationen fragt, die uns eingeschrieben sind, jene Erinnerungen, "die wir noch gar nicht besitzen", um ein weiteres Paradox zu zitieren, und die uns trotzdem lenken, denn die Erkenntnis Oscar Wildes hat sich natürlich auch Botho Strauß zu eigen gemacht: Literatur präfiguriert das Leben (und nicht etwa umgekehrt).

Gleich die erste kleine Episode in diesen "Fabeln von der Begegnung" handelt von der "Macht der Mythe", von dem "Glamour der Mehrdeutigkeit, die nur das gut gewählte Wort besitzt". Macht und Glamour zeigen sich in diesem Fall an einer "Beflüsterten", die sich in einem leeren Kino einen Film anschaut. Doch zwei Männer reden auf sie ein, erzählen ihr eine Geschichte, die sie so gefangen nimmt, "dass der Beflüsterten am Ende ist, als habe dieser Film sie derart geblendet, dass sie ihn nicht sehen konnte."

Wie gewohnt: Botho Strauß in Hochform

Im späteren Verlauf des Buches wird sich weisen, dass auch Klempner und Installateure – auf ihre Weise – vorbewussten, vorgeprägten Mustern nachleben, was dann freilich zu ein wenig merkwürdigen Verhaltensformen führt. Oder da gibt es den obskuren Freiberufler, der sich auf einem vorpommerschen Landsitz mit anderen Berliner Müßiggängern in einer Daseinsform gefällt, wie wir sie aus den Theaterstücken Tschechows, den Romanen und Erzählungen Eduard von Keyserlings kennen.

Flugs verwandelt sich der an sich illiterate Mensch in einen dekadenten Snob, der sich mit den erlesensten Essgewohnheiten brüstet, obwohl doch seine Freunde wissen, dass er letztlich sein Junkfood von Aldi oder Lidl zu beziehen pflegt.

Während in solchen Passagen das Satirische, bisweilen sogar das Burleske dominiert, gibt es natürlich auch wieder Geschichten im Sehnsuchtston, in denen der Autor, wie gewohnt, zur Hochform aufläuft. Es sind, wie immer, diejenigen, in denen ein versehrter Mensch im Mittelpunkt steht, ein "Unbeholfener", wie Botho Strauß den Typus an anderer Stelle charakterisiert hat, der an seinem Übermaß von Empfindsamkeit leidet und dadurch quer steht zur Gegenwart und ihren Verhaltenszwängen.

Mitteilbare Geschichten

Zwei Texte sind es vor allem, in denen sich Botho Strauß in einer Ambivalenz, die nur er beherrscht, einerseits als laudator temporis acti (Lobredner der Vergangenheit) verhält, andererseits jedoch auch als unbestechlicher Physiognomiker, der die Gebrechen seiner Protagonisten mit dem bösen Blick des Skeptikers analysiert.

Die erste dieser Geschichten ist einer Proustianerin gewidmet. "Sie verschrieb sich von Beginn an der alles auflösenden Proustschen Nuance, der winzigen, irrlichternden Unterscheidung". Tja, eben darum reicht es leider nicht zur Schriftstellerin bei ihr, denn ihre ganze, ach so große Feinfühligkeit führt doch nur dazu, dass sich ihr "jede mitteilbare Geschichte zersetzte und verdarb".

Überflüssig zu sagen, dass gerade diese übertrieben Hochgezüchtete erst glücklich wird, als sie zu akzeptieren lernt, dass sie im Grunde sehr basal, ja infantil gestrickt ist. Anders der erotische Artist und Annäherungsfetischist aus der zweiten Erzählung, der von Balztänzen träumt, wie sie Hans Castorp und Madame Chauchat in Thomas Manns "Zauberberg" vollführen.

"Ja. Das will ich"

Ihm stellt sein Mentor irgendwann klipp und klar die Frage, ob er sich wirklich "auf die Suche nach dem verlorenen Eros begeben" und sich so "ins Unwiederbringliche verlieren will". Und der Schüler antwortet trotzig: "Ja. Das will ich."

Damit rückt er auf zum Schulterschluss mit dem Autor, der sich ganz am Ende dieser Fabel-Sammlung als puer fabulae (und puer senex, also Kindgreis!) zu erkennen gibt. Als einer, "der vom Boden liest, was liegen blieb und hinterlassen ist, mehrmals wendet, prüft und sich als Bruchstück denkt einer ehemals sehr verführerischen Wirklichkeit."

Ach, wer da mitfahren könnte! Aber es kann ja ein jeder. Das ticket to ride, so empfiehlt es hier die literarische Tourismuszentrale, ist im Grunde jedes beliebige Buch von Botho Strauß. Und dieses neue einmal wieder ganz besonders.

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