23.02.13

Südafrika

Oscar Pistorius zieht in die große PR-Schlacht

Bis zum Prozess ist Oscar Pistorius zwar auf Kaution frei, doch der Sportler weiß genau, dass für ihn nicht nur das Urteil eines Gerichts entscheidend ist. Deshalb sind bereits PR-Experten engagiert.

Quelle: Reuters
22.02.13 1:39 min.
Die Familie von Oscar Pistorius freut sich, dass der Paralympics-Star gegen Kaution freikommt. In Johannesburg sind viele Menschen entsetzt und irritiert.

Nach acht Nächten in einer Gefängniszelle und vier Tagen in einem Gerichtssaal stieg Oscar Pistorius auf die Rückbank eines silbernen Geländewagens. Ein Verwandter saß am Steuer und fuhr los. Langsam, aber die Bilder vom Freitag wirkten dennoch wie eine Flucht. Fotografen und Kameraleute auf Motorrädern jagten dem Fahrzeug hinterher. An einer Ampel trat ein Mann vor das Auto und schrie: "Fuck you, murderer, fuck you", berichtete die Nachrichten-Webseite "Daily Maverick".

Mehr als 14 Wochen sind es bis zum nächsten Gerichtstermin, der am 4. Juni im High Court von Pretoria angesetzt ist. Bis dahin sind es nicht Justizvollzugsbeamte, die jeden Schritt des Angeklagten überwachen – sondern Journalisten, Sportler und Passanten. Die Öffentlichkeit.

Desmond Nair, Richter am Magistratsgericht von Pretoria, hatte Pistorius' Antrag auf Freilassung bis zur Hauptverhandlung gegen eine Kaution von umgerechnet 85.500 Euro stattgegeben – unter strengen Auflagen. Er darf sich weder Zeugen noch dem Tatort nähern, also sein Haus nicht betreten. Zweimal wöchentlich muss sich Pistorius bei der Polizei melden, darf keinen Alkohol trinken.

Schüsse durch verschlossene Badezimmertür

Noch immer weiß nur der Leichtathlet selbst, ob er seine Freundin Reeva Steenkamp, wie von der Staatsanwaltschaft vermutet, mit Vorsatz ermordet hat – dann würde ihm lebenslange Haft drohen –, als er sie nachts durch die geschlossene Badezimmertür erschossen hat oder ob er hinter dieser Tür tatsächlich einen Einbrecher vermutet hat.

Er hat ein schweres Verbrechen begangen, so viel steht fest. Seine Verteidiger plädieren auf "fahrlässige Tötung" – eine Straftat, für die es in Südafrika allerdings keine Mindesthaftstrafe gibt. Bei diesem Urteil könnte Pistorius also theoretisch ohne Gefängnisstrafe davonkommen.

Sein Trainer Ampie Louw hofft, dass Pistorius ab Montag wieder trainieren wird – auch, um sich abzulenken. Doch die Südafrikaner können sich neue Bilder von Pistorius mit Karbon-Prothesen auf der Laufbahn kaum vorstellen. Für die Nation ist er nicht mehr der beidbeinig amputierte Weltstar, der trotz Behinderung bei Olympischen Spielen antrat. Sie sieht ihn nun als einen 26-jährigen südafrikanischen Staatsbürger, der seine Freundin erschossen hat. Es ist kaum anzunehmen, dass sich diese Gewichtung ändern wird.

Spektakulärer Prozess erwartet

Richter Nair merkte am Freitag kritisch an, die Fotografen hätten sich vor Pistorius aufgebaut, als handele es sich "um eine Spezies, welche die Menschheit noch nicht gesehen hat". Er hätte das öffentliche Interesse kaum besser beschreiben können, vielleicht nur durch die Anmerkung, dass dies auch nach dieser Anhörung zutrifft.

Der Prozess wird der wohl bislang spektakulärste gegen einen Prominenten im Zeitalter des Internets. Richter Nair hatte Fernsehbilder während der Anhörung verboten und auch Tonaufnahmen nur zur Verkündung seiner Entscheidung erlaubt. Durch Zusammenschnitte könne "eine verzerrte Wahrnehmung" entstehen, sagte er.

Doch Gerichtsreporter wie Barry Bateman vom südafrikanischen Radiosender Eye Witness News veröffentlichten im Kurznachrichtendienst beinahe jeden Satz nach wenigen Sekunden. Er startete die Woche mit 10.000 Followern. Nun hat er 140.000. Selbst Pistorius' Bruder Carl twitterte von den Zuschauerbänken.

Britischer PR-Experte engagiert

So urteilt vor dem Gericht, das erst alle Fakten auswerten muss, bereits die in Echtzeit informierte Gesellschaft über Pistorius. Sein Management heuerte deshalb neben dem britischen PR-Experten Stuart Higgins eine Kommunikationsagentur mit vier Managern und zahlreichen Hilfskräften an.

Die Homepage von Pistorius wurde eilig umgestaltet, anstelle von Sponsoren-Videos finden sich hier nun "Nachrichten der Unterstützung".

Für einen südafrikanischen Nachrichtensender wurde ein Interview mit seinem Onkel arrangiert – unter der Bedingung, dass die Pistorius-freundlichen Bilder an eine Nachrichtenagentur zur weltweiten Verbreitung weitergegeben werden. Reevas Vater Barry Steenkamp appellierte unterdessen an das Gewissen des Sportlers. "Es ist egal, wie viel Geld er hat oder wie gut sein Anwaltsteam ist, er muss mit seinem Gewissen leben, falls er es der Verteidigung erlaubt, für ihn zu lügen", sagte er der Zeitung "Beeld".

Die erste Nacht in Freiheit verbrachte Pistorius im Haus seines Onkels, ein geräumiges Anwesen in einer der teuersten Gegenden von Pretoria. "Wir sind sehr erleichtert, dass Oscar Kaution stellen durfte, aber wir trauern auch um Reeva Steenkamp", sagte Arnold Pistorius, der auch der Sprecher des 26-Jährigen ist. Die Umgebung wirkt wie das Gegenteil eines Gefängnisses. Für Pistorius dürfte sie sich dennoch genau so anfühlen.

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