22.02.13

Benedikt XVI.

Papst-Rücktritt - Spekulationen um Schwulen-Netzwerk

Ist es wirklich nur Altersschwäche, die den Papst zu seinem Amtsverzicht bewegt hat? Oder stecken andere Gründe und gar Abgründe dahinter?

Foto: dpa

Am 28. Februar 2013 um 20 Uhr wird Papst Benedikt XVI. sein Amt abgeben
Am 28. Februar 2013 um 20 Uhr wird Papst Benedikt XVI. sein Amt abgeben

Das Dementi folgte auf dem Fuß, doch das Gerücht ist brisant: Der Rücktritt Papst Benedikt XVI. könnte nach italienischen Presseberichten mit einem geheimen Homosexuellennetzwerk im Vatikan zu tun haben. Nach Informationen der Tageszeitung "La Repubblica" hätten sich Kardinäle aufgrund ihrer "sexuellen Orientierung" durch Laien erpressbar gemacht.

Demnach habe sich der Papst am 17. Dezember 2012 zum Rückzug entschlossen – an dem Tag, an dem ihm drei eigens dazu beauftragte Kardinäle einen 300-seitigen Geheimbericht zur sogenannten Vatileaks-Affäre vorlegten. In dem "in rot gebundenen" Dossier unterscheiden die Kardinäle mehrere Fraktionen innerhalb der Kirche, darunter eine, deren Mitglieder einander "durch ihre sexuelle Orientierung" verbunden seien.

Einer der Verfasser des Berichts, Kardinal Julián Herranz aus Spanien, habe gegenüber Benedikt XVI. bereits am 9. Oktober 2012 das Wort "Homosexualität" geäußert. Zwei Tage nach dem Gespräch mit Herranz hielt der Papst im Oktober eine pessimistische Rede, in dem er die Metapher von "faulen Fischen" verwendete, die im Netz der Kirche gefangen würden.

"Externe Beeinflussung"

Damals soll auch schon erklärt worden sein, die Mitglieder der vermeintlichen homosexuellen Fraktion seien Opfer von "externer Beeinflussung" geworden, durch Personen, denen sie in "mondäner Natur" verbunden seien. Die Zeitung interpretiert diese Formulierung als Anspielung auf Erpressung durch Laien. Ebenfalls aufgelistet werden in dem Bericht Treffpunkte des "Netzwerks", darunter ein Haus außerhalb Roms, eine Sauna in einem römischen Vorort, ein Kosmetiksalon im Zentrum der italienischen Hauptstadt und ein Studentenappartement, das ein norditalienischer Erzbischof als Wohnsitz in Rom nutzt.

"Alles lässt sich auf die Nichtbeachtung des sechsten und siebten Gebots zurückführen", zitiert die "Repubblica" aus dem Bericht der Kardinäle. Das sechste Gebot, "Du sollst nicht ehebrechen", wird von der katholischen Kirche auch als Ablehnung gleichgeschlechtlicher Liebe interpretiert. Das siebte Gebot lautet: "Du sollst nicht stehlen" und umfasst nach gängiger Lehre auch ein Delikt wie die Erpressung. Die Glaubwürdigkeit der Kirche könne vollends zerstört werden, zitiert die Zeitung einen Insider, wenn bekannt werde, dass ihre eigenen Mitglieder diese Gebote verletzten.

Vatikansprecher Federico Lombardi teilte mit, dass es derzeit zu entsprechenden Berichten weder "Dementis noch Kommentare noch Bestätigungen" gebe. Außerdem gäben die drei Kardinäle keine Interviews. Die Interpretation des Reports führe zudem zu "Spannungen, die das Gegenteil von dem sind, was der Papst und die Kirche wollen", fügte Lombardi hinzu. Die Tageszeitung "Corriere della Sera" hatte bereits nach der Ankündigung von Benedikts Rücktritt auf das Dossier angespielt und den Inhalt als "verstörend" bezeichnet.

Monsignore Balestrero überraschend entlassen

In der Vatileaks-Affäre waren geheime Dokumente des Papstes kopiert und aus dem Vatikan geschmuggelt worden. Sein Kammerdiener Paolo Gabriele wurde deswegen im Oktober zu 18 Monaten Haft verurteilt und später von Benedikt XVI. begnadigt. Bis zum Rücktritt des Papstes am kommenden Donnerstag ist damit zu rechnen, dass weiter über die Beweggründe des 85 Jahre alten Oberhaupts der katholischen Kirche spekuliert wird. Offiziell tritt Benedikt zurück, weil er sich dem Amt aus Alters- und Gesundheitsgründen nicht mehr gewachsen fühlt.

In einem überraschenden Schritt entließ Benedikt am Freitag Monsignore Balestrero, der im Staatssekretariat eine einflussreiche Rolle spielte und zudem maßgeblich an den Beziehungen der Vatikanbank ins Ausland beteiligt war. Balestrero soll nun Gesandter in Kolumbien werden, was als eindeutige Degradierung zu verstehen ist. Der Name Balestrero wurde laut "La Repubblica" in dem geheimen Bericht der drei Kardinäle erwähnt.

Nicht zum ersten Mal werden Behauptungen um ein homosexuelles Netzwerk innerhalb des Vatikans laut. Schon im Jahr 2007 wurde ein hochrangiger Priester suspendiert, nachdem er vom italienischen Fernsehen mit versteckter Kamera dabei gefilmt wurde, wie er sich einem jüngeren Mann in eindeutiger Weise annäherte. Er erklärte anschließend, er habe für ein Buch über Homosexualität und katholische Priester recherchiert.

Wahl voraussichtlich Mitte März

2010 wurde ein Chorsänger des Petersdoms entlassen, weil er angeblich männliche Prostituierte für ein Mitglied des päpstlichen Hofstaates organisiert hatte. Kurz darauf filmte ein Nachrichtenmagazin mit versteckter Kamera Priester beim Besuch von Schwulenbars und -diskotheken.

Der Vatikan verurteilt Homosexualität nicht, bezeichnet schwulen Sex aber als "von Grund auf fehlgeleitet". Benedikt XVI. hat Schwule, die ihre Sexualität ausleben, vom Studium für das Priesteramt ausgeschlossen.

Voraussichtlich Mitte März kommt das Kardinalskollegium, das Konklave, zur Wahl des Nachfolgers zusammen. Dazu werden derzeit 116 Kardinäle erwartet. Vatikansprecher Federico Lombardi sagte am Freitag vor Journalisten in Rom, nach seinen Informationen habe von den 117 wahlberechtigten Kardinälen bislang nur der frühere Erzbischof von Jakarta, Julius Riyadi Darmaatmadja (78), abgesagt. Allerdings sei es Sache der Kardinalskongregation, eine begründete Abwesenheit zu bestätigen. Diese Versammlung tritt nach Beginn der Sedisvakanz voraussichtlich in den ersten März-Tagen zusammen. Der indonesische Kardinal macht nach Angaben des Pressedienstes Asianews gesundheitliche Gründe für sein Fernbleiben geltend. Ihn belaste vor allem ein Augenleiden, das ihm das Lesen schwer mache. Er verzichte aus freien Stücken auf die Reise nach Rom, betonte er.

Auch der US-amerikanische Kardinal Roger Mahony (76) wird teilnehmen, der wegen Vertuschung von Missbrauchsfällen in der Kritik steht. Das Kirchenrecht schütze ausdrücklich die Freiheit der Papstwähler gegen "alle möglichen Einmischungen, Widerstände und Wünsche durch weltliche Autoritäten" sowie Gruppen oder Einzelpersonen, sagte der Sekretär des Päpstlichen Rates für die Interpretation von Gesetzestexten, Bischof Juan Ignacio Arrieta, am Freitag vor Journalisten in Rom.

Mahony wird vorgeworfen, in den 80er-Jahren als Erzbischof von Los Angeles Missbrauchsfälle vertuscht zu haben. Deshalb wurden Forderungen laut, er solle auf die Teilnahme an der Wahl eines Nachfolgers für Benedikt XVI. verzichten. Mahony ist seit Januar von allen Amtspflichten entbunden und hat nachweislich über viele Jahre in mindestens 120 Fällen beschuldigte Preister geschützt. Jeder papstwahlberechtigte Kardinal sei auch verpflichtet, zum Konklave anzureisen, betonte Arrieta unter Verweis auf die Wahlordnung "Universi Dominici gregis". Ein Purpurträger unter 80, der etwa aus gesundheitlichen Gründen oder wegen Haft nicht nach Rom kommen könne, verliere deswegen nicht sein Recht auf die Teilnahme; dies gelte selbst im Fall einer nicht öffentlichen Exkommunikation des Betreffenden , so Arrieta.

Quelle: mit AFP; KNA
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