24.02.13

Wunderkinder

Zu Hochbegabung gehört mehr als ein IQ von 130

Santiago Gonzalez, Jack Andraka, Neil Ibata: Diese Teenager zeigen, dass Höchstleistungen neben Köpfchen auch Kreativität und Motivation erfordern – und den Drang, Probleme unbedingt lösen zu wollen.

Von Fanny Jimenez
Foto: Santiago Gonzalez/radicalmedia
Ein Plan des Programmier-Genies Santiago Gonzalez. Es stellt das Setup eines Computerservers dar, den er bereits gebaut hat
Ein Plan des Programmier-Genies Santiago Gonzalez. Es stellt das Setup eines Computerservers dar, den er bereits gebaut hat

"Ich liebe es, zu lernen – das ist für mich so essenziell wie essen", sagt Santiago Gonzalez. Er ist 14 und besucht zurzeit die Colorado School of Mines - eine angesehene Universität für Ingenieurswissenschaften im US-Bundesstaat Colorado.

In der sechsten Klasse verließ der Junge mit der Zahnspange die Grundschule und wurde zum Vollzeit-Studenten.

An der Schule habe er das Gefühl gehabt, vor Langeweile zu vergehen – eine fast schmerzliche Erfahrung sei das gewesen, sagt er.

Seit diesem Semester nun ist er sogar wissenschaftlicher Mitarbeiter und hilft seinem Professor dabei, ein Sensorennetzwerk zu bauen, das die Energieeffizienz in Gebäuden verbessern soll.

Besonders aber liebt Santiago die Klarheit und Logik von Programmiersprachen.

Programmieren ist wie Dichten

Ein Dutzend beherrscht er bis zur Perfektion. "Schöner Code ist kurz und präzise. Das ist ganz ähnlich, als würde man ein Gedicht schreiben", erzählt er mit leuchtenden Augen in der Dokumentation "Prodigies", also "Wunderkinder", auf dem preisgekrönten Internetkanal "THNKR".

Santiago hat bereits 15 verschiedene Apps für den Mac, das iPhone und das iPad entwickelt – und Tausende Menschen haben diese bereits heruntergeladen.

Jeder weiß, dass es hochbegabte Kinder gibt – nur was genau diese Hochbegabung ausmacht und wie man die ganz besonders schlauen Kinder findet, darüber gibt es auch nach vielen Jahren Forschung noch keine Einigkeit.

Intelligenzquotient ist meist das Kriterium

Hochbegabung einzuschätzen ist noch einmal schwieriger, wenn es nicht um konkrete Leistungen wie Klavierspielen oder Schwimmen geht, sondern allein um kognitive Fähigkeiten.

Die meisten Studien orientieren sich bislang an der Definition, dasss Hochbegabung eine weit über dem Durchschnitt liegende intellektuelle Begabung ist.

Deshalb gilt der Intelligenzquotient trotz immer wieder aufflammender Kritik als Kriterium – weil er die Begabung, also die potenziellen Fähigkeiten der Kinder, halbwegs vergleichbar macht.

Zwei Prozent der Bevölkerung haben den IQ von 130

Denn für jede intellektuelle Leistung braucht man eben ein gewisses Maß an Intelligenz. Ein IQ von 130 ist der magische Wert – das sind etwa zwei Prozent der Bevölkerung.

Wer diese Punktzahl erreicht, kann sich auch von Hochbegabtenvereinen wie Mensa e.V. aufnehmen lassen.

Doch der Intelligenzquotient allein, also die Fähigkeit, komplexer zu denken und Wissen schnell zu verknüpfen, hilft noch nicht bei der Vorhersage, wer eines Tages tatsächlich Höchstleistungen vollbringen wird.

Wissenschaftliche Modelle zur Hochbegabung berücksichtigen deshalb auch noch andere Voraussetzungen, die ein Kind mitbringen muss.

Kreativität und Motivation sind genauso wichtig

Das 3-Ringe-Modell des US-Forschers Joseph Renzulli etwa hält eine überdurchschnittliche Intelligenz zwar für wichtig, legt aber ebenso viel Wert auf Kreativität und Motivation. Denn Hochbegabung sei keine Eigenschaft, mit der man geboren werde, sondern ein Verhalten, das man im Laufe der Zeit entwickle.

Charakteristisch ist dieser Vorstellung nach eine hohe Aufgabenverpflichtung: also der Drang, ein Problem unbedingt lösen zu wollen – auch dann, wenn gängige Herangehensweisen nicht zu einer Lösung führen oder erhebliche Widerstände zu überwinden sind.

Santiago etwa steht jeden Morgen freiwillig um 5:30 Uhr auf, um vor dem eigentlichen Beginn des Tages noch schnell eine Stunde programmieren zu können.

"Manchmal stecke ich gerade mitten in einem ärgerlichen Programmierfehler fest, wenn ich schlafen gehe", sagt er. "In meinen Träumen sehe ich mich dann oft selbst, wie ich programmiere. Und wenn ich aufwache, fällt mir schließlich die Lösung ein."

Probleme hartnäckig und unkonventionell lösen

Motivation und Hartnäckigkeit zeichnen auch Jack Andraka aus, der jüngst viel Wirbel in der Wissenschaftswelt verursachte.

Jack aus Crownsville im US-Bundesstaat Maryland gewann im Mai 2012, kurz nach seinem 15. Geburtstag, den mit 75.000 Dollar dotierten renommierten Gordon-E.-Moore Preis – für ein Verfahren zur Früherkennung von Bauchspeichel-, Lungen- und Eierstockkrebs.

Es ist günstiger, schneller und sicherer als jedes bislang bekannte. Der Test erkennt das Protein Mesothelin, das bei Krebserkrankungen im Blut und Urin vorkommt. Jack recherchierte alles dazu über das Internet, nachdem ein guter Freund der Familie an Bauchspeicheldrüsenkrebs gestorben war.

"Ich war 14 und wusste nicht einmal, dass ich eine Bauchspeicheldrüse habe", schreibt er in einem Gast-Beitrag des Fachjournals "PLoS ONE".

"Aber dann habe ich mich schlau gemacht und war geschockt, als ich feststellte, dass die Diagnosemöglichkeiten für diesen Krebs nicht besonders gut waren. Da dachte ich: Es muss einen besseren Weg geben!"

Mehr als 200 Wissenschaftler angeschrieben

Jack las alles, was er über die Krankheit finden konnte, und schrieb an mehr als 200 Wissenschaftler mit einem Budgetplan und der Bitte, in ihrem Labor arbeiten zu dürfen. Die John Hopkins School of Medicine schließlich gab dem Teenager die Möglichkeit.

Während Jacks Eltern ihm seine vielen Fragen nicht beantworteten, sondern ihn aufforderten, es selbst herauszufinden, unterrichtete der Vater von Neil Ibata seinen Sohn schon im Alter von fünf Jahren in Mathematik und Physik.

Im Januar dieses Jahres hatte der nun 15-jährige Franzose seine erste wissenschaftliche Veröffentlichung - und zwar nicht irgendwo, sondern im Fachjournal "Nature", das neben "Science" als international renommiertestes Magazin in der Wissenschaftswelt gilt.

Während eines Praktikums am astronomischen Forschungsinstitut CNRS fand Neil Ibata heraus, dass Zwerggalaxien nicht wie bislang angenommen die Andromeda-Galaxie nach zufälligem Muster umschwirren, sondern wie Planeten auf einer festgelegten Ebene rotieren.

Hochbegabung ist dynamisch

Die Idee, dass Hochbegabung auch stark durch Umweltfaktoren, wie etwa die Familie, mitgeprägt wird, steckt in dem Triadischen Interdependenzmodell des niederländischen Forschers Franz-Josef Mönks.

Hochbegabung sei kein statisches Phänomen, so der Ansatz des Wissenschaftlers, sondern veränderlich und beeinflussbar, und zwar durch Familie, Schule und Freunde.

Mönks meinte, dass gerade hochbegabte Kinder oft Schwierigkeiten mit Gleichaltrigen hätten. Bei Santiago war das so: In der Grundschule kam zur Langeweile ein Wissensdurst, den die anderen Schüler nicht verstanden.

Er war fasziniert von Steinen und Mineralien und wälzte Lexika. Seine Eltern sahen, dass er nicht glücklich war, und bemühten sich um die Aufnahme an der Uni. Dort hat Santiago nun Menschen mit ähnlichen Interessen um sich.

Mädchen interessieren Santiago nicht

Auch wenn er oft viel älter erscheine, als er ist, sagt seine Mutter, gebe es auch Bereiche des Lebens, in denen er jünger wirke. Ihn interessiere etwa überhaupt nicht, welche Sachen er morgens anziehe, und auch Mädchen lassen ihn bisher völlig kalt.

"Nein, ich habe überhaupt kein Interesse daran, eine Freundin zu haben", bestätigt Santiago. "Ich fände das eine ungeheure Zeitverschwendung." Programmieren ist seine absolute Priorität, und wenn er doch einmal Zeit hat, dann häkelt er gerne.

Die kleinen Figürchen aus dem Computerspiel Angrybirds etwa. "Ja, ich bin schon defintiv ein Nerd", sagt er lachend.

Auch wenn es bei Santiago so ist – Studien zeigen, dass es unter Hochbegabten entgegen des gängigen Vorurteils nicht die Regel ist, ungewöhnliche Hobbys zu haben oder Schwierigkeiten dabei zu haben, Freunde zu finden.

Hochbegabte sind selbstsicher und entschlossen

Die Marburger Hochbegabtenstudie etwa fischte 1987 aus 7000 Grundschulkindern hochbegabte Kinder aus den dritten Klassen zahlreicher deutscher Schulen heraus und verfolgte ihren Lebensweg über mehrere Jahre.

Das Ergebnis: Hochbegabte waren gut integriert und schulisch erfolgreich sowie unauffällig, psychisch stabil und selbstbewusst.

Andere Studien zeigten, dass Hochbegabte zudem weniger ängstlich sind als ihre Altersgenossen, dafür selbstsicherer und entschlossener und den anderen oft drei bis vier Jahre in der moralischen und auch emotionalen Entwicklung voraus.

Klare Zukunftspläne

Santiago jedenfalls lässt keinen Zweifel daran, dass er genau weiß, was er will: Mit 17 Jahren wird er seinen Master in Informatik abgeschlossen haben. Nach dem anschließenden Doktor in Informatik, den er in Stanford machen möchte, will er für Apple programmieren.

Auch Jack Andraka scheint der Rummel um seine Person nicht von den eigentlich wichtigen Dingen in seinem Leben abzulenken. Er bemüht sich derzeit darum, dass wissenschaftliche Artikel für alle frei verfügbar werden und nicht wie bisher teuer erkauft werden müssen.

"Es würde es so viel einfacher machen, die Informationen zu finden, die man braucht. Wenn ich einen Sensor entwickeln kann, der Krebs entdeckt, und das nur mithilfe des Internets – dann stellen Sie sich doch einmal vor, was Sie selbst bewirken könnten."

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