20.02.13

Bildungs-Debatte

Werden als nächstes die Schulnoten abgeschafft?

Wer das Sitzenbleiben abschaffen will, kann auch auf Zensuren verzichten. Tatsächlich werden Noten in den Bundesländern immer später vergeben. Manchmal wird ihre Aussagekraft auch bewusst untergraben.

Von Thomas Vitzthum
Foto: picture-alliance / Sven Simon

Ein Zeugnis mit Zweien und Dreien
Ein Zeugnis mit Zweien und Dreien. Schulnoten wollen Schüler, um sich einschätzen zu können, sagen die einen. Die anderen halten sie für die Ausgeburt eines abstrusen Menschenbilds

Seit 39 Jahren werden an der Laborschule Bielefeld keine Noten mehr vergeben. Fast zumindest. "Am Ende des neunten Schuljahres kommen die Noten dazu. Die Schüler müssen sich damit ja bewerben", sagt Schulleiterin Susanne Thurn. "Plötzlich arbeiten einige für die bessere Note und nicht mehr um der Sache willen." Es ist der Schulleiterin der Versuchsschule des Landes Nordrhein-Westfalen anzumerken, dass sie den ihr von Arbeitgebern und weiterführenden Schulen auferlegten Zwang zur Notengebung nicht als Bereicherung ihres Schullebens empfindet.

Anstelle von Zensuren gibt es an der Laborschule sogenannte Berichte zur Lernentwicklung, an denen Schüler, Eltern und Lehrer beteiligt sind. "Wer Noten für unabdingbar hält, der hat ein abstruses Bild von Schülern. Er nimmt an, dass keiner bereit ist, freiwillig und aus Interesse zu lernen", sagt Thurn. Manchmal frage sie sich schon, warum sich andere nicht an den guten Erfahrungen an ihrer Schule orientierten. Etwa durch den Verzicht auf Schulnoten.

Bewertungen sollen in Noten übersetzt werden

Möglicherweise ist der Druck einfach zu hoch, doch Zensuren zu vergeben. Schon aus Gewohnheit. So sollten die neuen Gemeinschaftsschulen im von Grün-Rot regierten Baden-Württemberg eigentlich weitgehend ohne Noten auskommen. Doch den Eltern war dies nicht geheuer. Aus dem SPD-geführten Ministerium kam deshalb die Anweisung, die ausformulierten Beurteilungen in Zahlen zu übersetzen, wenn dies gewünscht wird. Dass dies die Grundidee konterkariert, liegt auf der Hand.

Schulnoten haben vor allem bei den Grünen, aber auch der SPD einen schlechten Ruf. In vielen Programmen in den Ländern wird mehr als deutlich ihre Abschaffung gefordert.

Im Koalitionsvertrag von Rot-Grün in Niedersachsen taucht das Bekenntnis zum Notenverzicht ebenfalls auf. Die Koalition werde "es ermöglichen, das Benotungssystem durch Lernentwicklungsberichte zu ersetzen", heißt es da. Dies betrifft die Grundschule, nicht die Sekundarstufe I oder II.

Verschwinden mit dem Sitzenbleiben die Zensuren?

Für Heinz-Peter Meidinger, den Vorsitzenden des Deutschen Philologenverbandes, ist die Absichtserklärung eine logische Folge einer anderen: das Sitzenbleiben abzuschaffen. "Wer das Sitzenbleiben streicht, der muss auch die Noten streichen, das wäre konsequent", sagte Meidinger der "Welt". Erst in der Grundschule, später auch in den höheren Jahrgängen. Er hält von der Idee freilich nichts. "Schule hat auch eine Allokationsfunktion. Wenn sie das nicht leistet, dann werden sich die Absolventen an anderer Stelle mit Tests und Prüfungen konfrontiert sehen, die sie dann entsprechend einordnen."

Was passiert, wenn Noten quasi unnütz werden, weil sie ihre Aussagekraft verlieren, das zeigt sich zu einem späteren Zeitpunkt der Bildungskarriere bereits. Der Wissenschaftsrat beklagte vor Kurzem eine Inflation sehr guter und bester Noten bei Bachelor- und Masterabsolventen. In einigen Fächern beendet der überwiegende Teil der Studenten die Ausbildung mit einer Eins vor dem Komma. Wie soll sich da ein Arbeitgeber aber noch ein überzeugendes Bild vom Leistungsstand machen?

Die Folge ist, dass immer mehr Unternehmen Eignungstests durchführen, ja sogar werben mit Slogans wie: "Noten sind uns egal". Gleiches, so prophezeit Meidinger, würde passieren, wenn in der Grundschule oder gar am Ende der Sekundarstufe I keine Zensuren mehr vergeben würden. Er fürchtet auch, dass der Verzicht auf Noten gerade Kindern schaden würde, deren Eltern sich nicht oder kaum kümmern: "Im Moment können zumindest gute Noten den Ausschlag geben, dass ein so benachteiligtes Kind trotzdem auf eine weiterführende Schule kommt."

Hamburg verunsichert Arbeitgeber

Gleichwohl verabschieden sich die Zensuren gerade aus dem Primarbereich. Im ersten Jahr spielen Noten nirgendwo eine Rolle – auch das Sitzenbleiben übrigens nicht. In vielen Bundesländern gibt es auch im zweiten Jahr noch keine Noten. In NRW werden sie bis zum vierten Jahr hinausgezögert, ebenso in Hamburg. Häufig wird es den Grundschulen freigestellt, ab wann sie Zeugnisse mit Zahlen ausgeben.

Außer in Sachsen, Thüringen und Bayern sind die Noten auch nicht mehr das bestimmende Kriterium beim Übergang ans Gymnasium. Der Elternwille zählt – wenn er denn artikuliert wurde.

Eine subtile Möglichkeit, die Aussagekraft von Noten zu unterminieren, hat Hamburg gewählt. Da wurden an den Stadtteilschulen (ab Klasse 4) Unterscheidungen zwischen einem erweiterten und grundlegenden Niveau eingeführt. Seither melden sich ratlose Firmenchefs bei der Handelskammer. Sie haben kein Gefühl dafür, dass ein Bewerber mit G3 in Mathematik nicht zum Mittelfeld gehört, sondern eher mit einer Leistung vorstellig wird, die auf der Realschule einer 5 entsprochen hätte. Hamburg wollte möglichst objektiv sein und führt das System doch ad absurdum.

Noten sind positive und negative Pädagogik

Kritiker von Noten bemängeln seit jeher, dass sie keine objektive Aussage des Leistungsvermögens des Schülers darstellen, aber eine solche suggerieren. Denn die Notenvergabe beruht auf dem Vergleich mit den Klassenkameraden. Nicht von ungefähr korrigieren Lehrer bisweilen Klassenarbeiten um einen Notengrad nach unten oder oben, wenn es auf Grund des Schnitts angemessen scheint.

"Es liegt auf der Hand, dass sich Schüler dann nicht mehr darum kümmern, was sie gelernt haben, sondern sich nur um die möglichst beste Note sorgen", sagt Bildungsforscher Johann Beichel, Leiter der Forschungsstelle Lehrerberufseignung am Karlsruher Institut für Technologie. Mit Bildung habe das freilich nichts zu tun.

Trotz seiner Skepsis glaubt Beichel aber nicht, dass man auf Noten verzichten kann und sollte: "Die Schüler wollen Noten, damit sie sich einordnen können. Eine gute Leistung ist auch persönlichkeitsbildend. Noten sind gleichzeitig eine Form der positiven wie negativen Pädagogik."

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